Lebensgeschichten CL

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Inhalt

1     Darmstadt, 23.8.2005. 3

1.0      Bremen 1938-40, Wuppertal 1940-42. 3  

9     Darmstadt, den 18.September 2005. 21

9.0      Reuenthal 1945-47 (Teil 4) 21  

2     Darmstadt, 29.08.05. 4

2.0      Straßburg 1941-43. 4  

10       Darmstadt, den 21. September 2005. 23

10.0       Darmstadt 1947 – 1948. 24  

3     Darmstadt, 01.09.2005. 6

3.0      Darmstadt 1943-44. 6  

11       Darmstadt, den 11. – 20. Oktober 2005. 26

11.0       Darmstadt 1949. 27  

4     Darmstadt, 03.09.2005. 8

4.0      Posen 1944. 8  

12       Darmstadt, den 30. Oktober 2005. 28

12.0       Darmstadt 1950/51. 29  

5     Darmstadt, 03.09.2005. 10

5.0      Flucht aus Polen; Crailsheim 1945. 10  

13       Darmstadt, den 20. September 2006. 31

13.0       Darmstadt 1951 – 52. 33  

6     Darmstadt, 9./10. September 2005. 13

6.0      Reuenthal 1945 - 47 (Teil 1) 14  

14       Darmstadt, den 3. Januar 2007. 34

14.0       Darmstadt 1952-54. 35  

7     Darmstadt, den 11.September 2005. 16

7.0      Reuenthal 1945-47 (Teil 2) 16  

15       Darmstadt, den 7. Januar 2007. 36

15.0       Darmstadt 1955. 36  

8     Darmstadt, den 13. September 2005. 18

8.0      Reuenthal 1945 - 47 (Teil 3) 19  

16       Darmstadt, den 12. Januar 2007. 38

16.0       Darmstadt 1956/57. 38  


1           Darmstadt, 23.8.2005

Hallo ihr Lieben, Gertraut, Sebastian, Felix, und Schwester Regina:

 Schon immer wollte ich anfangen, meine "Lebensgeschichten" für Euch Söhne aufzuschreiben –  weniger um mich zu "verewigen", auch nicht weil etwa sehr Ungewöhnliches in meinem Leben pas­siert wäre - das ist, meine ich, überhaupt nicht der Fall, es sind alles ganz gewöhnliche Sachen – als vielmehr, um Euch zu berichten aus einer Zeit, die Ihr selbst nicht erlebt habt, die aber durch mich und Gertraut an Euch Söhne so zu sagen "vererbt" worden ist und zum Teil ein bisschen auch in Euch steckt, nur könnt Ihr Euch dessen nicht bewusst sein. Wo man "herkommt" ist zwar im Leben meist nicht so wichtig, aber schaden kann's nix, wenn man was drüber weiß. Man muss es nur nicht nach­träglich "rosa" färben oder wie einen diamantenen Schatz behandeln.

Bisher war das Lebenslauf-Schreiben eine ziemlich steife Sache, denn ich schrieb nur vergangen­heitsbezogen (was soll der Quatsch!) und so zu sagen ohne "Zuhörer" vor mich hin. Ich habe das bald wieder aufgegeben. Genau so ging es mir mit dem "Tagebuch", das ich während meines 5-monatigen Indienaufenthaltes Aug.-Dez. 2004 anfing. Ich schmiss es weg, und stellte einfach eine Auswahl aus den vielen Emails, die ich während der Indienzeit vom Stapel gelassen hatte, zusammen. Da stand dasselbe drin, wie es hätte im Tagebuch stehen sollen, aber viel leichtfüßiger und irgendwie "aktu­eller" zu lesen - wie mir auch viele Leserfreunde bestätigt haben, die sich zum Teil ganz begeistert bedankt haben (das Ding ist vom Internet über 200-mal runtergeladen worden).

Jetzt bin ich auf die Idee gekommen, dasselbe mit meinem "Lebenslauf" zu veranstalten. Ich habe das Gefühl, ich rede zu Euch, und da geht das Tippen fast wie von selbst. Außerdem ist dabei das je­weilige Datum, an dem ich etwas aufzeichne, fast genau so wichtig, wie die Vergangenheitsperiode von der ich gerade berichte.

Wundert Euch also nicht, wenn Ihr in den nächsten Monaten ab und zu ein Email mit Subject "Lebensgeschickten CL-n" (n=1,2,3,...) kriegt.

 

Aaaaalso: Beginnen wir mal ganz förmlich bei der Geburt und mit Dingen, die ich hauptsächlich vom Hörensagen meiner Mutter weiß. Aber sehr bald kommen auch eigene Erinnerungen dazu, auf die ich mich konzentrieren will. – Ihr werdet vielleicht Zweifel haben, ob meiner frühen Erinnerungen, denn die meisten Menschen die ich kenne, haben angeblich erst ab dem 5. Lebensjahr eigene Erinnerun­gen. Das mag sein, aber ich begann schon sehr früh, still für mich selbst zu rekapitulieren, was im letzten Jahr passiert war; dadurch hat sich so manches erhalten, das sonst versunken wäre.

1.0      Bremen 1938-40, Wuppertal 1940-42

Mein Vater soll sich gerade für einen Auftritt im Bremer Schauspielhaus zurecht gemacht haben, so um 20 Uhr abends herum, am Montag, dem 03. Oktober 1938, als er die Nachricht meiner (angeblich recht schnellen) Geburt erfuhr. Wie er sich daraufhin bei seinem Auftritt gebärdet hat, wurde mir nicht überliefert.

Aus dem ersten Jahr meines Daseins ist mir nur ein Eindruck im Gedächtnis: Eine helle weiße Fläche in einem etwas korridorartigen Raum. Später sage meine Mutter, das sei das Küchenfenster in der Bremer Mietwohnung gewesen, denn mein Bettchen sei in der Küche gestanden. Von dem blonden Pflichtjahrmädchen Wilma, von dem meine Eltern so begeistert berichteten, und die mich betreut hat, habe ich keine Erinnerung.

Wegen der beginnenden Bombenangriffe auf Bremen zog meine Mutter Ende 1940 / Anfang 1941 mit den inzwischen zwei Kindern, Ulrike (geboren 30.11.39) und mir, nach Wuppertal-Barmen in das Haus ihres Vaters, des Augenarztes Dr. Wilhelm Früchte, während mein Vater noch in Bremen blieb wegen seiner damals sehr intensiven Tätigkeit als Schauspieler am Bremer Schauspielhaus; ab und zu spiel­te er daneben aber auch in Wuppertal. Aus dieser Zeit habe ich schon eine ganze Menge von Bild- und Geruchserinnerungen: Zunächst der erste Traum: Ich sah - wie in einen Mutterleib - viele weiße, weiche "Stäbchen" oder Gewebefortsätze. Sodann fühlte ich mich zum Inneren der Garage meines Großvaters hingezogen; da stand nämlich der wunderbar nach Benzin riechende grün-blau-graue Adler-PKW des Großvaters, - ein sehr edler Anblick für mich. Auch verweilte ich oft auf den nach Bohnerwachs riechenden Treppenstufen zu "Tante 'Mitz hauf" (zu Tante Schmitz hinauf), eine allein­stehende Untermieterin, die mich wohl manchmal mit Süßigkeiten angelockt hatte. Die arme Frau kam später beim Luftangriff, 1944, ums Leben, als das Großvaterhaus abbrannte. Das ganze Haus und auch der dicht bewachsene kleine Garten im Hinterhof machte einen etwas düsteren Eindruck, der mich allerdings in keiner Weise beeinflusste. Auf die Wupper, die vor dem Haus "tief unten" und ganz in Naturstein eingefasst, träge vorbeifloss schaute ich oft runter, den Kopf durch das Geländer gesteckt (in Wirklichkeit war die Steinwanne des Flüsschens nur vielleicht 3 -4 Meter tief); hoch oben sah ich das schwarze Gerüst der Schwebebahn. Einmal fuhren wir damit zum Zoo, wo ich das erste Mal diese riesigen Viecher, Elefanten, Nashörner und Wisente, bewunderte; und der Vater erzählte über den größten Elefanten eine grausige Geschichte, er habe seinen Wärter zu Tode getrampelt, weil der ihn - mehrere Jahre zuvor - mit einer Stecknadel schikaniert habe. Einmal - ich hatte gerade eine Nagelschere von irgendeinem Tisch geklaut - lief ich ins Wohnzimmer, stolperte über den Rand des dicken Perserteppichs, fiel hin und rammte mir die Schere in die Stirn. Es tat nicht weh, aber ich brüllte wie am Spieß. - Die Narbe ist bei mir heute noch zu sehen. Und schließlich erin­nere ich mich an das dunkelhaarige, etwas streng aber nicht unangenehm riechende melancho­lische Pflichtjahr­mädchen (Hanna, hieß sie, etwa 16 Jahre, sagte meine Mutter später). Ich glaube es war die erste erotische Regung in meinem etwa 2-jährigen Dasein, damals mit diesem Pflichtjahr­mädchen, denn meine erste Jugendliebe,  etwa 16 Jahre später, hieß ähnlich: Hanne, und sie war genau so schwarz­haarig und roch, meine ich, ähnlich wie das Pflichtjahrmädchen.

Ja, so wirken sich frühe Prägungen aus; und die kommen immer von völlig woanders her, als zum Beispiel die Eltern meinen. Euch wird es wohl auch so ergangen sein, versucht Euch mal zu erinnern. An meine Schwester, Ulrike, erinnere ich mich zur Wuppertaler Zeit noch gar nicht. Ich lasse auch die anderen Bilder und Geschichten weg, die ich nur durch Fotos und Erzählungen der Eltern weiß.

 Das nächste Mal geht's weiter mit Straßburg 1941-43

Alles Liebe, Christoph

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2           Darmstadt, 29.08.05

Hallo Ihr Lieben:

Der Sommer ist schüchtern noch einmal zurückgekehrt, ich habe in der Stadt gemalt und mich damit so zu sagen für die Erledigung eines Teils der "Hausaufgaben" (Eingangstür nachstreichen, Treppen­haus von Anstreichresten säubern, Hängelampe in der Küche säubern, Wasserhähne reparieren, knarrende Türen ölen u.v.a.m.) belohnt, die mir Gertraut aufgeschrieben hat. Das war mal wieder not­wendig, weil ich seit Tagen wieder in der Mathematik versackt bin. Da wird Gertraut immer ganz nervös.

 Wo waren wir stehen geblieben? Bremen, Wuppertal,...

2.0      Straßburg 1941-43

Nach der deutschen Besetzung des Elsass ging mein Vater ans Theater nach Straßburg, und die Familie zog mit, weil die Luftangriffe im Ruhrgebiet und in Wuppertal immer bedrohlicher wurden. Aus dieser Zeit ist mir schon sehr viel in Erinnerung:

 Flache Rheinriedlandschaft, das Mietshochhaus, in dem wir im obersten Stockwerk im Antwerpener Ring eine kleine Wohnung hatten, der etwas schmuddelige, enge Hinterhof, auf dem ich mich mit Schwester Ulrike und manchmal mit ebenso schmuddeligen anderen Kindern herumtrieb, Kohle­wag­gons, die von einer riesigen Rampe in einen Rheinkahn entladen wurden (die Eltern fuhren oft am Sonntag mit uns in Körbchen am Fahrradlenker am Rhein entlang), immer wieder Gefangenentrupps, die, bewacht von deutschen Soldaten mit Stahlhelm und Karabiner, zur Arbeit ausgeführt wurden, der wunderschöne grüne Stadtpark  - er war, wie ich vor paar Jahren feststellen konnte, nur ein paar hun­dert Meter von unseren Wohnsilo entfernt. Auch das Straßburger Münster mit dem einen fehlen­den Turm ist mir in Erinnerung, ich schaute auf die winzigen Menschen dort unten auf dem Platz und hatte ziemliches Schwindelgefühl. Und der geliebte "Baggersee" in dem wir, Ulrike und ich, glücklich im flachen warmen Wasser tobten.

 Die Eltern hatten einen Schrebergarten gemietet, in den sie uns manchmal einsperrten, wenn Mutter einkaufen ging und Vater im Theater auf Probe war. Einmal, es war heißer Sommer, und wir lungerten gelangweilt im Schrebergarten herum, war Ulrike plötzlich verschwunden. Ich kümmerte mich nicht groß drum, sondern beobachtete gespannt eine dicke Kröte, die in der Regentonne herum schwamm und verzweifelt über den Tonnenrand entkommen wollte.

Etwas später gab es großes Gezeter. Mutter war zurück und vermisste Ulrike. Ich wurde gescholten, weil ich nicht auf sie aufgepasst hatte. Nach heftiger Suche fand man sie: Sie hatte sich aus einem Loch im Zaun davon gemacht, sich zum nahen Straßenbahn-Rangierbahnhof begeben, sich dort auf das Trittbrett eines Waggons gelegt und sich hin und her kutschieren lassen. Das Straßenbahn­per­sonal hatte die kleine Person auf dem Trittbrett nicht bemerkt. Bei solchen Gelegenheiten gab's für gewöhnlich "Wimse" auf den Hintern. Das war nicht besonders schlimm, viel schlimmer erschien mir das Gezeter und die Aufregung der Eltern.

  Der "Wehrmachtstag" war ein großes Erlebnis, er fand ebenfalls im Sommer statt. Die Pferdställe gefielen mir gar nicht, denn der Pferdemist roch für mich so scharf nach Salmiak, dass ich es fast nicht aushalten konnte, da half auch ein kleiner Spazierritt auf einem Gaulrücken nichts. An einer Kanone, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, waren die Soldaten sehr freundlich und forderten mich auf, an einer Schnur einen Schuss abzuziehen; es ging nicht, meine Armkraft reichte dazu nicht aus, da half mir ein Soldat; der Krach des Schusses war aber so gewaltig, dass ich nicht noch einmal "ziehen" wollte (ich war als Kind sowieso ziemlich geräuschempfindlich; beim Betätigen der Druckspülung nach dem auf-Klo-Gehen hielt ich mir regelmäßig die Ohren zu). Man zeigte uns auch, wie die Stilhandgranaten abzuziehen und wegzu­schleudern waren. Zum Schluss - ich war schon etwas müde - kam die große Attraktion: Ein Trupp stahlhelm­bewehrter Soldaten mit Tornister und in feldgrauer Uniform stürmte über alle möglichen Hindernisse hinweg, Handgranaten werfend und mit Maschinengewehren herumknatternd gegen einen imaginären Feind, es war ein Höllenlärm, aber die Leute schienen sich alle zu freuen. Ich sah gerade noch, wie zwei graugrüne Gestalten eine Mauer erklommen und auf der anderen Seite wieder ins Feld sprangen, dann bin ich eingeschlafen.

 Der Besuch beim Wehrmachtstag hatte noch ein Nachspiel: Paar Tage späte war ich mit Vater im Stadtpark, da fanden wir eine Stilhandgranate (eine Attrappe wohl). Mein Vater hob sie auf, warf sie weit weg und machte "bum". Ich war begeistert. Daheim zurück kam ich in die Küche und erblickte eine Thermosflasche, die sah mir verdächtig ähnlich aus wie die Handgranate vorhin. Ich ergriff sie am Schraubverschluss, schleuderte sie auf den Steinboden und es machte wirklich herrlich "bum" und ich lachte. In diesem Moment kam mein Vater in die Küche, war entsetzt, und es gab mal wieder "Wimse".

 Zu dieser Zeit – es erschienen auch manchmal Flugzeuge am Himmel, und es gab "Fliegeralarm", aber in Straßburg nicht sehr oft – kam es mir selbstverständlich vor, dass "Krieg war". Was das wirk­lich war, wusste ich natürlich nicht, aber ich wusste, es hatte jedenfalls damit zu tun, dass wir "Feinde" hatten, und dass ständig bewaffnete Soldaten unterwegs waren, und dass es Gefangene gab, die Straßenarbeit zu verrichten hatten. Die Tatsache, es sei "Krieg", gehörte zum täglichen Leben, es wurde auch viel vom "Sieg" gesprochen, aber so, als sei das alles nichts Schlimmes und besonders, als sei es für uns Deutsche (nicht für die Elsässer und nicht für die Gefangenen, das hatte ich schon rausgefunden) etwas sehr Gutes.

Überdies nistete sich  - neben den Albträumen von schwarzhaarigen Hexen, die mich nachts man­chmal umschlangen und die von den Grimmschen Märchen herstammten, welche uns meine Mutter manchmal erzählte - bei mir die Vorstellung ein, alles sei von Menschen gemacht, nicht nur die Häuser, Straßen, Rheinkähne und die Straßenbahn, auch die Berge, der Rhein, der Himmel, und wenn ein Mensch wollte könnte er alles bewirken, sogar die ganze Erdkugel auf dem Zeigefinger balancieren, man müsse es nur genügend stark wollen.

Wir machten auch Ausflüge in die Vogesen. Einmal stiefelte ich mit Vater an der alten Maginot-Linie des Ersten Weltkriegs entlang, und wir krochen in die alten Bunker, das war sehr spannend. Ein andermal stiegen wir auf der tief im Wald gelegenen Burgruine "Ratsamhausen" herum und fühlten uns wie die alten Rittersleut. In Klingental und in Hohrotberg (letzteres bei Muenster, Südelsass, wo der würzige Muensterkäse herkommt - ich habe den Ort 1997 wieder besucht und meinte, mich sogar an den Bergzug auf welchem Hohrotberg hoch über Muenster liegt, zu erinnern, es kann aber auch Einbildung sein) machten wir "Sommerfrische", wie man damals sagte. Ich weiß davon nur eins: Ulrike und ich bauten uns mit den dicken Federbetten "Autos" oder "Boote" und wir hatten riesen Spaß beim "Fahren". Dass wir in diesen Ferien krank gewesen und hohes Fieber gehabt haben sollen, wie meine Mutter später erzählte, ist mir nicht mehr in Erinnerung.

 Das Pflichtjahrmädchen, das wir in Straßburg hatten, hieß, glaube ich, Ella. Sie war eine längliche Stange, roch sehr nach Schweiß, und mein Vater ärgerte sich über ihren total unverständlichen Elsässischen Dialekt, den sie immer dann anstimmte, wenn "die Dütschen" nix verstehen sollten.

  Zum Schluss noch 'ne Geschichte, die nicht aus meiner Erinnerung stammt, und die mein Vater später erzählte: Auch die Schauspieler am Straßburger Theater wurden immer wieder aufgefordert, in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) einzutreten. So ging es auch meinem Vater. Aber der dachte sich was anderes aus. Als der Spielleiter mal wieder nationale Töne anstieß, ging Vater zu einem Freund, borgte sich eine totschicke, schwarze SS-Uniform, zog sie an (er sah nach Aussage von Mutter "fabelhaft" darin aus!) und ging nächsten Tag damit auf die Probe. In der Garderobe begrüßte er lässig alle mit "Heil Hitler". - Da wurden alle ziemlich stumm, und er ist nie wieder wegen eines Parteieintritts belästigt worden (einige munkelten sogar, er sei wohl schon länger ein NS-Spitzel).

 Das nächste Mal kommt der kurze Aufenthalt in Darmstadt, 1943/44 an die Reihe.

Alles liebe Christoph

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3           Darmstadt, 01.09.2005

Hallo Ihr Lieben,

mit dem Schreiben kommen die Erinnerungen. Es macht mir immer mehr Spaß, das runter zu schrei­ben, was so in meinem Kopf hängen geblieben ist. Ich versuche weiterhin, hauptsächlich das zu schreiben, was ich erinnere, und nicht, was ich später gehört habe, denn ich will keine Familienge­schichte schreiben, sondern nur paar "Geschichten" erzählen.

3.0      Darmstadt 1943-44

Das neue Pflichtjahrmädchen Hilda döste am hellen Fenster des ruckelnden Abteils, wir alle dösten in der Hitze der Rheinebene, der Zug brachte uns im Frühsommer 1943 von Straßburg nach Darmstadt. Vater war, so viel ich weiß, nicht mitgekommen. Er hatte Proben in Breslau, und wir sollten für eine kurze Weile in Darmstadt im Kohlbergweg 17 im Haus seiner Schwester, die kurz zuvor an Krebs ge­storben war, unterkommen. Das Haus war noch leer, nur der alte "Herr Minister", ihr Freund und Ge­sandter im deutschen auswärtigen Dienst, residierte noch im Kohlbergweg. Es sollte nur eine Zwi­schenstation sein, denn wegen der zunehmenden Luftangriffe, und weil alle noch an den "Endsieg" glaubten, wollte Vater uns später nach Posen holen, seine Heimat, wo er eine Stelle am Posener Theater erhoffte. Denn das besetzte Polen wurde von Luftangriffen der Alliierten verschont.

 Ich muss mich ein bisschen konzentrieren, denn ich bemühe mich, nur Dinge zu erzählen, die ich aus dieser ersten Darmstadt-Zeit erinnere; ich möchte sie nicht mit Dingen der zweiten Darmstadt-Zeit ab 1947 vermischen.

 Ich hatte die Vorstellung, ich sei in Straßburg eingeschlafen und träumte das alles nur. Ich wartete eigentlich jeden Tag darauf, wieder in Straßburg aufzuwachen. Diese fixe Idee beherrschte mich noch mehrere Jahre, sogar bis in die Reuenthaler Zeit 1945-47 hinein nach der Flucht aus Polen.

 Von dem Inneren des Hauses im Kohlbergweg ist mir seltsamerweise eigentlich nur der Kellerraum in Erinnerung, wo die Waschmaschine, eine große Zinkblechtonne mit Wäschequirl, stand und von wo man, wenn das Kellerfenster offen stand, in den übergitterten Regenfang kriechen und auf den Rasen und die Tanne schauen konnte, ohne dass man von außen bemerkt wurde; das war "so heimelig"; außerdem konnte ich dort in aller Ruhe die dicken schwarzen Kellerspinnen und die grauen Keller­asseln beobachten.

 Erstmalig hatten wir viele gleichaltrige Spielgefährten: die Kinder "vom Dachsdorf", benannt nach dem Dachsbergweg. Das "Haus Rodeck" - so hatte es "die Baronin", meine verstorbene Tante Alice (Schwester von Vater) genannt, weil sie früher mit einem Grafen von Neuenstein-Rodeck verheiratet gewesen, der aber im Krieg gefallen war - also das Haus Rodeck, sein Name war auch recht herr­schaftlich am Pfosten des Eingangestors eingemeißelt, stand an der Ecke Kohlbergweg / Dachs­bergweg.

Der Garten grenzte damals noch direkt ans freie Feld, dem so genannten "Alten Flugplatz". Weit hinten begann der Stacheldrahtzaun zum Militärgelände, wo die Flags (Flugabwehrkanonen) standen; da durften wir aber nicht hin; man sah dort hinten manchmal grau uniformierte Leute mit Stahlhelmen, ab und zu landete dort auch ein kleiner Doppeldecker, oder ein Zug schob sich dort hinein und brachte Munition - damals gab es noch ein Gleis, das von der Waldbahnstrecke Ostbahnhof – Ober-Ramstadt auf den Alten Flugplatz hinausging.

Auf der anderen Seite des Dachsbergwegs gegen den Flugplatz hin waren nur Schrebergärten. Etwa unserem Haus gegenüber hauste ein "Herr Dickel", ein "Prolet", wie ihn Vater bezeichnete, mit einem sehr bissigen Schäferhund in einer Gartenhütte. Wir hatten im Garten Hühner, die von einem statt­lichen, angriffslustigen Hahn namens "Stalin" beherrscht wurden. Die Hühner hatten freien Auslauf aufs Feld und verirrten sich auch manchmal in den Garten des Herrn Dickel, was ihn ärgerte. Eines Tages gab's Tumult, denn der Hund von Herrn Dickel hatte eines unserer Hühner gerissen, und Herr Dickel wollte das tote Huhn nicht herausgeben  - ich sehe noch heute den blutüberströmten Knäuel, der kurz davor noch ein Huhn gewesen war; ich hatte die Szene, glaube ich, von einem Fenster im 1. Stock beobachtet.

 Ich verliebte mich mit meinen damals fünf Jahren gleich in ein Mädchen meines Alters, die Mechthild, Tochter des Chirurgen Professor Rückert, dessen kinderreiche Familie ein paar Häuser weiter unten im Dachsbergweg wohnte (sie erschien mir später ziemlich langweilig, aber ich betete sie zunächst still und heftig an, ohne mir viel anmerken zu lassen).

  Die Fliegeralarme häuften sich auch in Darmstadt im Spätsommer 1943; ich höre heute noch die Sirenen; wir Kinder kannten schon das Sirenensignal für Alarm Huuuiiii uuuiii uuuiii ...  und für Ent­warnung Huuuiiiiiiiiiiii....iiiuuuooooo, und man hatte uns eingeschärft, bei Alarm sofort nach Hause zu kommen. Dann, Anfang September 43 - meine Mutter war, gerade im Krankenhaus zur Geburt des dritten Kindes - wurde es ernst. Ausgerechnet unser Viertel, der untere Dachsbergweg, die Wohn­blocks der östlichen Heinrichstraße und die Kiesstraße wurden bombardiert. Ich erinnere mich an das Heulen der Bomben, wenn sie von Himmel sausten: Wiiiiiiiüüüuuuum Wom Wom. Die Flag auf dem Alten Flugplatz in der Ferne hinter Haus Rodeck machte aber noch größeren Krach;  getroffen haben sie meist nix. Nur einmal wurde stolz berichtet, ein feindlicher Bomber sei brennend in den Wald gestürzt.

 Als das Getöse vorbei war, lag unser Garten voll bedeckt mit roten Ziegeln, das Dach war fast abge­deckt. Am unteren Ende des Dachsbergweges war ein großer Krater statt des ehemaligen Eckhauses zur Heinrichstraße (Familie Richter hatte da drin gewohnt und war wohl umgekommen); da war 'ne Sprengbombe runter gegangen; und die ganzen Wohnblocks der Heinrichstraße hatten sich in noch rauchende Ruinen verwandelt. Einige Grabsteine aus dem 300 m entfernten Alten Friedhof lagen auch in unserem Garten oder auf dem Kohlbergweg, am Friedhof war eine zweite Sprengbombe runter gegangen. Durch den Explosionsdruck war das Dach abgedeckt worden.

 Angst hatten wir Kinder nie (denn es war uns selbst nichts passiert); wir waren nur sehr neugierig. Besonders die rötlich-schwarzen Ruinen der Heinrichstraße, wo es intensiv nach Phosphor und verbrannten Sachen roch, lockten uns an, und meine Mutter, die inzwischen aus dem Krankenhaus wieder zurück war, mit Regina, einem schwarzbehaarten, bräunlich verschrumpelten kleinen Ge­schöpf, wurde immer ganz hysterisch, wenn sie merkte, dass wir uns wieder in den Ruinen der Heinrichstraße herumgetrieben hatten, denn dort herrschte natürlich Einsturzgefahr.

 Die Flieger kamen noch ein paar mal wieder, warfen aber keine oder nur wenige Bomben in unsere Gegend, sondern Tausende von Flugblättern und alles mögliche andere Zeug ab, das u.a. wie Füll­federhalter und auch wie Spielzeug aussah. Und die Mutter verbot uns strengstens, so etwas auf­zuheben: Es sei vergiftet und könnte in der Hand explodieren. Man behauptete auch, die Feinde hätten überall Kartoffelkäfer auf die Äcker fallen lassen.

 Ein paar Tage nach dem schweren Angriff (es war nur ein Vorgeschmack gewesen von dem wirklich verheerenden Luftangriff auf Darmstadt, ein Jahr später, am 11. September 1944) gingen wir, Ulrike und ich auf dem Alten Flugplatz bei strahlendem Herbstwetter mit Vater spazieren. Überall lagen Stabbrandbomben herum, und Vater erklärte uns ihre Funktionsweise und zeigte uns auch, wo noch intakte Zünder dran waren. In der Ferne, vielleicht 100 m von uns weg, spielten ein paar Halb­wüch­sige mit einer riesigen roten Bombe, stellten sie auf und ließen sie wieder umkippen. Vater sagte gerade, gehen wir weiter weg, das Ding ist gefährlich! Da gab es eine markerschütternde Explosion, und die Stelle mit den Buben und der roten Bombe verschwand in einer gewaltigen schwarzen und feurigen Wolke. Schon bald kam ein Rettungsauto, tatütata, und man schleifte ein paar Körper weg. Seht Ihr, sagte Vater, das kommt davon, wenn man mit diesen Dingern spielt.

 Als es kühler wurde, bekam ich Mandelentzündung, die hatte ich wohl schon öfter gehabt, denn kurz entschlossen schleifte man mich ins Krankenhaus (glaube, es war das Elisabethenstift), setzte mich auf einen Operationsstuhl, hielt mir entsetzlich riechendes Zeug unter die Nase (das sollte wohl betäu­ben, tat es aber nicht so recht), und der Doktor fuhr mir mit einem scharfen Ringmesser in den Rachen, fuhrwerkte ein paar Sekunden da herum – das Schälgeräusch hörte sich bedrohlich an – und ich musste eine blutige Fleischmasse ausspucken.

 Regina, die frisch Geborene, schrie nie. Es gab wenig zu essen, und später erzählte Mutter, die Kleine sei beinahe verhungert, weil die Muttermilch nicht ausreichte und kein angemessener Ersatz zu haben war (ich erinnere mich noch an die bläulich schimmernde "Magermilch", die fast nur aus Wasser bestand). Einmal ergatterte meine Mutter eine seltsame Flüssigkeit, die sie "Fruchtsaft" nannte, die aber eher nach Chemie roch; daraus wurde, zusammen mit Kartoffelkuchen mit Bitter­mandelaroma (das Rezept verwendete Mutter auch später immer wieder) ein "Festessen" veran­staltet.

 Es wurde Winter 43/44, und wir gingen mit der Hilda (dem Pflichtjahrmädchen) Schlitten fahren, das war am Ende der Heinrichstraße, dort wo sie in den Wald eintritt, und wo später das biologische Institut gebaut wurde. Ulrike fiel vom Schlitten, und wir fuhren über sie weg, sie brüllte fürchterlich, aber Hilda ärgerte sich, sie solle sich nicht so anstellen.

 Mit dem jüngsten Sohn Detlef von Professor Thyen, er war ein Jahr älter als ich – die Familie Thyen wohnte am Ende des Kohlbergwegs nahe dem Alten Friedhof – spielte ich oft. Einmal fingen wir wegen einer Lappalie an zu raufen, ich "kriegte ihn unter" und er fing an zu heulen. Da stellte ich mich auf seinen Bauch, schlug mich auf die Brust wie ein Gorilla und rief triumphierend "ich bin der Größte vom allen" – meine Mutter war entsetzt über dieses Gebaren. Ich selbst fand überhaupt nichts Schlim­mes dabei, denn ich war, wie schon in Straßburg, immer noch davon überzeugt, dass ich, wenn ich nur wollte, auch die ganze Welt auf dem Zeigefinger balancieren könnte. Aber ich "wollte" halt nicht ganz so stark, sondern "nur ein bisschen", und  frohlockte, weil ich den Detlef  "untergekriegt" hatte. Zu Weihnachten bekam ich ein rotes Tretauto und einige Spielsoldaten aus Bakelit.

 So, das war aus meiner Sicht der erste Aufenthalt in Darmstadt. Die Nazizeit mit ihrem groben Gehabe hat - wenn auch nur sehr indirekt - auch auf uns Kinder Einfluss gehabt. Das Nächste Mal erzähle ich aus der Polenzeit und von der Flucht.

 Alles Liebe, Christoph 

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4           Darmstadt, 03.09.2005

 Hallo Ihr Lieben,

meteorologisch hat der Herbst angefangen (datumsmäßig folgt er ja erst 3 Wochen später). Die Stürme und Überschwemmungen auf der ganzen Welt (Deutschland, Schweiz, New Orleans, China,...) legen sich wieder ein bisschen - aber nächstes Jahr ...? (Es waren sicher nicht die letzten, denn die Erwärmung der Erdatmosphäre schreitet fort; wie signifikant, das hängt von der Zeitung ab, die man liest: In der ZEIT und in "natur&kosmos" liest man eher besorgte Artikel, in der FAZ eher zweifelnde oder bagatellisierende Artikel). Der Sommer war diese Woche noch mal sehr brav und hat einen herrlichem stahlblauem Himmel gezeigt, den wir an der Grube Prinz von Hessen genossen haben. Auch wenn manche glauben, er sei hier verregnet und zu kühl gewesen, war seine Durch­schnittstemperatur hier trotzdem ca. 1,6 Grad über dem 10-Jahresdurchschnitt - trotz des heißen 2003-er Sommers! Für uns kommt mit dem Herbst die Zeit der Geburtstage. Wir sind dankbar, dass wir immer noch feiern können.

 

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4.0       Posen 1944

 Mit Sack und Pack und allen Möbel zogen wir im Frühjahr oder Frühsommer 1944 vom Kohlbergweg in Darmstadt nach Luban bei Posen um. Vater sagte, endlich kommen wir aus diesem Bombenterror im Westen raus ins ruhige Polen. Vaters kurze Spielzeit in Breslau war vorüber und er erhielt eine Stelle am Posener Schauspielhaus. Posen und Schlesien sind die Heimat von Vater. In Luban, einem öden Vorort von Posen, hatte er das untere Geschoss eines kleinen 1-Familienhauses anmieten können. Es hatte einen spitzen Giebel und einen kleinen Balkon in der Mitte. Am Eingang stand ein großer Maulbeerbaum, dessen Beeren im Spätsommer reif und von uns gern gegessen wurden. Die Familie über uns waren Baltendeutsche. Der halbwüchsige Junge knallte oft mit einem Tesching auf Spatzen herum. Ich glaube, diese Familie war ziemlich nationalsozialistisch eingestellt und benahm sich, laut Vater, wie Kolonisatoren. Man sagte, die Baltendeutschen in Posen führten sich beim Ein­kauf recht dreist auf und bezahlten an der Kasse oft nicht: "Wir sind die Jäste des Fiehrers; der Fiehrer hat uns einjeladen". Vater jedoch verstand sich mit den Polen sehr gut und hatte viele polni­sche Freunde, besonders eine Familie Polzin, - über die haben wir, glaube ich, auch das neue polni­sche Pflichtjahrmädchen, Ursula Baranovska, bekommen; 15 Jahre, sehr hübsch und strohblond.

 Ich erinnere mich gut an die schwarzen mit Koks gepflasterten Wege in diesem Kaff. Ein paar 100 Meter von unserem Haus außerhalb des Kaffs lag ein Tümpel mit lehmig-gelbem Wasser und glitschi­gen Uferböschungen. Die Polenkinder, die dort auch badeten, begegneten uns (Ulrike + mir) misstrau­isch; man konnte sich mit ihnen nicht verständigen, und uns war nicht so ganz wohl in dieser fremden Umgebung. Bei solcher Gelegenheit hoffte ich, am nächsten Tag doch wieder in Straßburg aufzu­wachen, denn ich hatte ja immer noch die Vorstellung, seit dem Einschlafen in Straßburg sei alles, was ich erlebe, nur ein Traum. – Diese Vorstellung bewirkte übrigens, dass ich, was in den vergan­genen Jahren passiert war, immer wieder darauf hin untersuchte, ob es Traum sei oder nicht; und das hat wohl dazu beigetragen, dass so (unbeabsichtigt) das frühe Erinnerungsvermögen trainiert worden ist.

 Vater, damals 57 J., verschwand bald den ganzen Tag: Er war, wie alle anderen Schauspieler auch, in eine Munitionsfabrik abkommandiert worden und musste Mörsergranaten drehen. Er hat, glaube ich, kein einziges Mal seinen Beruf am Posener Schauspielhaus ausüben können. Wenn er schlag-kaputt abends heim kam, klagte er über seine Hände. Die schwere Arbeit mit dem Metall beschleu­nigte seine beginnende Arthrosis.

 Ich erinnere mich an einen Ausflug an die unendlich träge dahinfließende Warte mit ihren brettflachen baumlosen Ufern, von denen aus einige Buhnen ins Wasser reichten und an ihren Enden Wasser­strudel erzeugten. Vater schwärmte von dieser Landschaft und von seiner Kindheit dort. Er erzählte, diese Strudel seien gefährlich; man könne dort leicht ertrinken, auch wenn das Wasser der Warte sonst ungefährlich sei. Ich hatte überhaupt kein Verständnis dafür, wie er sich über diese trübe Gegend so begeistern konnte. Das alte Stadtzentrum und der Stadtpark von Posen, durch den die Warte fließt, sind mir hingegen in sehr angenehmer Erinnerung. Wir hatten, kurz nach unserem Um­zug, mit Vater, Mutter und einer recht attraktiven Theater-Bekannten - Ute Venor hieß sie - einen Tag bei wunderschönem Wetter dort verbracht. (Im Mai 2001 habe ich mit Verwandten aus der großen Familie meines Vaters eine "Reise in die Familienvergangenheit des Ostens" gemacht: Die Eindrücke von Posen und der trägen Warte bestätigten sich ziemlich gut.)

 Im Herbst 1944 wurde ich eingeschult, kurz nach Vollendung meines 6. Lebensjahres (auf dem Ge­burtstagstisch hatte ein großer Apfel und eine Kerze gestanden). Der Schulweg war für meine Ver­hältnisse ziemlich weit und dauerte vielleicht 1 Stunde zu Fuß. In der Klasse waren, glaube ich, nur Deutsche. Die Lehrerin war eine energische aber freundliche Frau, die uns begeistert vom Führer erzählte: "Der Führer ist sehr kinder- und tierliebend; er arbeitet immer und schläft nie" - dazu zeigte sie uns ein Foto des stets uniformierten Hitler mit der tief in die Stirn gedrückten Schildmütze, aus der gerade noch die Nase und der schwarze gestutzte Schnauzer rausguckt, wie er ein Reh füttert. Es war, meine ich, in dem Schulbuch, mit dem wir die ersten Buchstaben lernten. Die lernten wir aller­dings nicht in der Sütterlin-Schrift (die meine Mutter schrieb, und die ich erst Jahre später entziffern lernte), sondern in lateinischer Schreibschrift. 

 Ulrike (5 J.) hielt es alleine zu Hause nicht mehr aus, sondern wollte unbedingt auch in die Schule. Eines Tages erschien sie einfach in der Klasse, und die Lehrerin, belustigt über ihren Eifer, erlaubte ihr, hinten dem Klassenunterricht beizuwohnen. Wie sie allein den Weg zur Schule gefunden hat, weiß ich nicht. Darauf erlaubte ihr meine Mutter, sie dürfe mich ab und zu von der Schule abholen. Eine Szene ist mir in Erinnerung: Ulrike war mir entgegen gegangen und zeigte mir auf dem Rückweg nach Hause alle möglichen Sachen, die sie entdeckt hatte. Sie trug ein nagelneues rotbraunes Mäntelchen, das erst kurz zuvor für sie gekauft worden war. Damit turnte sie vor mir herum und wälzte sich schließ­lich mit akrobatischen Verrenkungen im staubigen Straßengraben. Der Mantel war nicht mehr rot sondern grau. Daheim angekommen regte sich meine Mutter furchtbar auf, Ulrike bekam "Wimse", ich wurde geschimpft, weil ich ihren Aktionen nicht Einhalt geboten hatte, und sie durfte mich fortan nicht mehr von der Schule abholen.

 In Luban durften wir auch das erste Mal ins Kino: Man zeigte den Walt-Disney-Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (in Farbe!). Erst viel später ging mir auf, dass das ja eigent­lich sehr merkwürdig gewesen sei. Die USA waren zu der Zeit längst "unsere Feinde". Aber die unpoli­tischen Zeichentrickfilme von Walt Disney wurden vom Reichskultur- und Propagandaminister Goebbels geduldet.

 Schließlich ist mir noch eine etwas unangenehme Szene aus dem Herbst 1944 in Erinnerung. Noch in Darmstadt hatte ich ja einen roten Tretroller zu Weihnachten bekommen. Den hatte ich schon länger nicht mehr benutzt (wohl weil das auf dem Koksschotterweg vor unserem Haus nicht gut ging). Einmal machte mein Vater mit mir einen weiten Gang zu einem bewaldeten Gelände und zog den Tretroller hinter sich her. Dort angekommen, forderte er mich auf, im Tretroller zu fahren. Ich hatte keine rechte Lust, es ging auch irgendwie viel schwerer mit dem Ding als auf dem glatten Dachsberg­weg in Darm­stadt runter. Ich blieb immer wieder stehen. Da wurde mein Vater wütend und schimpfte; dadurch ging das Tretfahren noch weniger. Das steigerte sich so lange, bis ich ganz stehen blieb. Schließlich zog mich mein Vater an einem Seil, pausenlos redend und schimpfend, nach Hause. Er hatte mit Erfolg erreicht, dass ich zum ersten Mal das Gefühl bekam "versagt" zu haben.

 Zu Weihnachten 1944 gab es noch mal schöne Geschenke. Ulrike bekam, so viel ich weiß, eine Puppenstube, und ich noch mehr von diesen Bakelit-Soldaten, auf die ich ganz scharf war. Aber die Zeit der Freude dauerte nur ein paar Tage. Denn schon Anfang Januar 45 hieß es, wir müssten hier schleunigst weg, "der Russe" nähere sich Posen. "Der Russe" - ich hatte keine Ahnung, wer das war, aber es musste ein "Feind" sein, wir hatten ja sehr viele von dieser Sorte - das Wort wirkte, so wie es von den Eltern ausgesprochen wurde, sehr bedrohlich auf mich, fast wie ein böser Märchendrache ('Vorsicht! Feind hört mit', habe ich noch im Ohr aus jenen Tagen, und da gab es an jeder Straßen­ecke auch ein schwarz-weißes Plakat, auf dem dargestellt war, wie "der Feind mithört"). "Ich will aber meine Soldaten mitnehmen" - nein, das ginge nicht, sagten die Eltern, denn sie könnten von allem, was wir hatten nur zwei Koffer voll mitnehmen. Das schien mir sehr unglaubhaft: Hierher hatten wir doch auch den ganzen Krimskrams, sogar schwere Möbel usw. aus Darmstadt hertransportiert. "Und das schöne Cello" von Mutter müsse auch dableiben, sie wollten es unbedingt der polnischen Familie Polzin schenken (zum Teufel mit dem Cello! Es interessierte mich nicht die Bohne! Meine Soldaten nähmen ja viel weniger Platz ein!). Und die Familie Polzin, denen auch die Möbel und die Fahrräder angeboten wurden, weigerte sich irgend etwas anzunehmen. Erst später begriff ich, warum: Gefallen hätten ihnen die Sachen schon; aber sie hatten große Angst, entweder von der SS oder von den einziehenden Russen als Plünderer "an die Wand gestellt" (also erschossen) zu werden. 

 Das nächste Mal berichte ich von der Flucht.

 Alles Liebe, Christoph

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5           Darmstadt, 03.09.2005

 Hallo Ihr Lieben,

Regina hat heute Geburtstag, und das regt mich an zum Weiterschreiben.

5.0       Flucht aus Polen; Crailsheim 1945

 In einer sternklaren 20° kalten Nacht am Montag, dem 22. Januar 1944 war es dann so weit. "Der Russe" stand 40 Km vor Posen. Wir hatten wahnsinniges Glück! Vater hatte noch einen Zug aus­gemacht, der nach Westen ging (wahrscheinlich einen der letzten). Wie alle Männer hätte er da­bleiben müssen, um im so genannten Volkssturm die Stadt zu verteidigen (mit was denn? Waffen waren nicht mehr da, man wollte die Leute mit Knüppeln bewaffnen!). "Wir müssen alle Fanatiker werden" hatte der NS-Gauleiter Greiser kurz davor noch ins Radio gebrüllt. Am 21.01. ging jedoch das Gerücht, der Greiser sei selber getürmt (später hat ihn die SS zurückgeholt, und er wurde nach Ein­zug der sowjeti­schen Armee auf dem Marktplatz in Posen aufgehängt). Vater hatte einen Bahn­be­amten bestochen, damit auch er eine Fahrkarte bekommt. Abends gegen 21 Uhr an jenem Montag verließen wir zu Fuß, mit 2 schweren Koffern und einem Bettsack das kleine Haus. Den Wohnungs­schlüssel gab Vater bei Familie Polzin ab und versicherte noch einmal, sie könnten sich alles holen, was sie wollten; sie könnten es uns ja zurückgeben, wenn wir wiederkämen. Über den sternklaren Nachthimmel flitzten jede Menge Sternschnuppen. "Ihr könnt Euch was wünschen", meinte Vater. Na, was haben wir uns wohl gewünscht? (Ob ich mir gewünscht habe wieder­zukom­men, glaube ich nicht; ich wünschte mir wahrscheinlich meine Bakelit-Soldaten.) Der Schnee knarrte.

Ursula Baranovska hatte die kleine Regina in Decken gehüllt auf dem Arm. Das polnische Pflicht­jahrmädchen, kam mit uns mit, obwohl sie Verwandte in der Nähe hatte. Sie hatte große Angst, beim Einrücken der Russen vergewaltigt zu werden. 

 Am Bahnhof herrschte ziemliches Chaos. Ein offener Güterzug war aus Ostpreußen eingetroffen und entlud seine halb erfrorene Menschenfracht. Neben uns stand eine Frau mit einem grauen Bündel und heulte. "Es bewegt sich nicht mehr" schluchzte sie. Vater sah, dass das Baby längs tot war. Nach viel Überredungskunst verschwand er mit der Frau. Vater kam allein zurück und murmelte, sie hätten das tote Baby weiter draußen an die Bahngeleise gelegt. Und dann, nach Stunden auf dem Bahnsteig traf der Zug nach Berlin ein. Da brach der Sturm auf die Abteile los. Ruhe bewahren, schrie Vater, lasst die sich erst mal gegenseitig tot trampeln, ja nicht reinquetschen, sonst verlieren wir die Kinder! Nach wenigen Minuten schien keine Stecknadel mehr in den Zug zu gehen. Die Eltern entdeckten aber eine noch leere Toilette und hievten durchs Fenster zuerst den braunen Bettsack hinein und dann uns beide, Ulrike und mich, drauf. Es waren noch viele Sachen von anderen Leuten in der Toilette. Wie sie selbst noch reingekommen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls fanden wir uns nach einiger Zeit, als der Zug schon angefahren war, in den Gepäcknetzen wieder. Lange dauerte die Fahrt nicht. Der Zug hielt in Glogau, und wir mussten umsteigen. Ich geriet in einen Trupp deutscher Soldaten, um mich herum lauter Stahlhelme an den Brotbeuteln. Vater glaubte, ich würde von den Stahlhelmen zerdrückt, und fing wie am Spieß an zu brüllen: Hebt den Jungen hoch!! (Dem war gar nicht so, ich betrachtete zwischen den vielen Stiefeln nur neugierig, diese faszinierenden runden Dinger über mir, die Stahl­helme, sie erschienen mir sehr schön.)

 Es schien, dass danach die Fahrt etwas weniger aufregend weiter ging, denn ich habe daran keine Erinnerung mehr, war wohl eingeschlafen und wachte erst wieder auf, als der Zug in Berlin hielt. Das einzige, das ich von diesem Berliner Bahnhof behalten habe, war der "Blitzzug". Mit seiner weißen Stromlinienform stach er ab von all den anderen schwarzen, kantigen Ungetümen, den damals üblichen Dampfloks.

 Wir kamen auf das Schloss Sommerswalde bei Schwandte (etwa nordwestlich Berlin), dort residierte die große reiche Familie des berühmten Onkel Erich, des zweitjüngsten der insgesamt vier Ge­schwister meines Vaters, (Alfred, Alice, Egon, Erich, Martin - so war die Reihenfolge der Kinder von Erich (Senior) - bereits 1936 verstorben - und Martha Lübbert - geb. Rohrmann, damals schon 93 J.). Vater war der Jüngste. Die etwa fünf Wochen, die wir auf dem Schloss bleiben durften, waren wie ein kurzer Traum. Im "Försterhaus", etwas abseits im Wald, wohnte die "Omi" (Martha), Vaters Mutter. Einige von Onkel Erichs Kindern (insgesamt hatte er acht aus zwei Ehen), nämlich Sigi, Mixi und Erich (Junior) wohnten zu der Zeit auch auf dem Schloss. Sigi und Mixi waren Flaghelferinnen und liefen immer in schicken blauen Uniformen herum. Erich (Junior) - etwa 5 Jahre älter als ich - war sehr freundlich zu mir, ich durfte mit seinen vielen Bakelit-Soldaten spielen, zum Schluss schenkte er mir einige davon, denn die meinen hatte ich ja in Luban lassen müssen. Ich habe sie heute noch! Da waren auch noch zwei sehr hübsche Mädchen unseres Alters, Eike und "Pünktchen", die Kinder von Martha, einer Tochter von Alfred (ältester Bruder von Vater, der hatte 4 Kinder: Elisabeth, Alfred, Marcel und Martha), mit denen wir manchmal spielten. (Das mit den Vornamen der Lübberts ist etwas verwirrend, denn es war bei den Lübberts üblich, immer wieder dieselben Vornamen zu vergeben. Ein Glück, dass man mich nicht auch noch Erich genannt hat! - So heiße ich zwar in der Tat, aber nur mit dem zweiten von 3 Vornamen).

Vater verschwand bald wieder, Mutter sagte, er melde sich bei der Infanterie in Eberswalde bei Berlin zum Militärdienst, damit ihn die SS nicht nach Posen zum Volkssturm zurückholen könne. Und auch ins Schloss kam nun Unruhe, Traktoren mit Anhängern fuhren vor, und die wertvollen Bilder und Möbel wurden aufgeladen. Die Lübberts des Onkel Erich galten als Kapitalisten und wären von den Sowjets sofort enteignet und verschleppt worden. Also schaffte man weg, was wegzuschaffen war (ich glaube nach Hamburg).

  Anfang März 45 mussten wir weiterziehen. Mutter hatte sich entschlossen, sich allein mit Ursula und uns drei Kindern zunächst mal nach Crailsheim (Baden-Württemberg) durchzuschlagen, dort war ihre jüngere Schwester Carla Früchte Landärztin. Die Fahrt per Bahn nach Crailsheim war eine Odyssee, mit endlosen Umwegen auf Nebenstrecken, denn die Hauptstrecken waren alle zerstört oder durch Luftangriffe gefährdet. An die einzelnen Stationen erinnere ich mich nicht mehr, nur eine Situation weiß ich noch, es war in oder bei Würzburg, wir warteten auf offener Strecke auf einen Zug. Plötzlich kamen Sturzkampfflieger ("Stukas"). Alles hinwerfen! Die Flieger brausten auf uns runter und feuerten, dududududu. Uns ist nichts passiert.

  Die Ankunft in Crailsheim habe ich noch in Erinnerung. Tante Carla wohnte in einem weiß gestri­chenen Einfamilienhaus, durch das ein großer Riss ging. Die ersten Nächte schliefen wir auf Bänken im Wartezimmer der Praxis, und es war recht zugig. Alle waren sehr herzlich zu uns, und wir fühlten uns gleich sehr wohl, nur das Essen war etwas knapp. Eine Freundin von Carla (ich glaube, sie hieß Jutta Scheubele) schenkte uns ein paar Eier. In Crailsheim konnten wir aus Platzgründen nicht bleiben. Wir kamen unter im 3 Km östlich von Crailsheim gelegenen Dorf Goldbach, teils im Haus des Schreiners Früh, teils im Bauernhof der Familie Munzinger. Der Frühling kam mit herrlichem Wetter und wir konnten ziemlich ungehindert in der schönen ländlichen Gegend umher streifen. In eine Schule gingen wir zu der Zeit nicht. Ulrike war andauernd unterwegs und hatte sich bald mit ein paar gleichaltrigen Buben der Dorfjugend zusammengetan. Als ich sie mal fragte, was sie so treibe, bemerkte sie geheimnisvoll, sie würden "Doktorles-Spiele" machen. Ich dagegen hatte eine kleine Freundin, Klärchen Klein hieß sie und war ebenfalls aus einer Flüchtlingsfamilie. Wir spielten "Familie", bauten uns im Sand ein "Familienhaus" mit Küche, und sie "kochte" für mich. Natürlich versprachen wir uns, dass wir später heiraten würden.

  Der Krieg war noch nicht zu Ende. Eine Vorhut der US-Armee war Ende April in Crailsheim einge­zogen. Mit der SS entbrannten heftige Kämpfe dort, und die Amis wurden von SS-Einheiten aus Crailsheim wieder rausgeworfen. Davon merkten wir aber in Goldbach zunächst noch nichts. Schon am nächsten Tag hieß es, die Amis rückten verstärkt wieder an. Das Dorf bekam von Osten her einen ganzen Tag lang Artilleriefeuer. Sie sagten, das seien Deutsche, die zu kurz schössen. Dabei ging ein Hof in Flammen auf. Wir hörten das eingesperrte Vieh furchtbar brüllen. Nahe Goldbach waren aller­dings keine deutschen Truppen mehr, es standen nur am Waldrand und auf den Feldern einige ver­lassene Militärlastwagen und Raupenfahrzeuge herum. Tags darauf gab es Fliegeralarm. Schrei­ner­meister Früh hatte im Garten aus einen Luftschutzunterstand in die Erde gebaut, mit einem zierlichen Eingang aus Holz, der wie ein Druckfang steil aus dem Boden ragte. Als die Flieger sich schon mit bedrohlichem Gebrumm näherten, verkrochen sich Ursula und Ulrike in diesem Unterstand, aber Mutter schrie, sie sollten sofort in den Keller des Hauses kommen, denn sie erkannte, dass diese schmächtige Holzkonstruktion keinen Explosionsdruck aushalten würde. Ursula und Ulrike kamen dann doch in den Keller. Paar Minuten später - es war ein strahlender warmer Frühlingsmittag - ging die Hölle los. Pausenlos hörten wir die Sturzkampfflieger hernieder heulen, jedes Mal begleitet von schwerem Bordmaschinengewehrfeuer und den Explosionen der Bomben. Durch das verrammelte Kellerfenster drangen die Sonnenstrahlen des herrlichen Tags, und bei jeder Explosion tanzten die Staubpartikelchen glitzernd darin, sonst war es stockfinster im Keller. Das regte mich an zum Nach­machen: Ich ging ans Kellerfenster und spuckte in die Sonnenstrahlen, das gab noch größere Glitzer­punkte, dazu machte ich die Flieger, die Explosionen und das Maschinengewehrfeuer nach, jiiiiiwuuuuu-rumm - tatatatatata. Mutter war ganz hysterisch und rief, geh da weg vom Fenster!! Aber ich fand es toll. Plötzlich schrie der Schreinermeister Früh seiner Tochter Lore etwas zu, und sie verschwanden mitten im Getöse nach draußen. Mutter sagte, sie wollten löschen, und meinte, so ein Irrsinn, die werden umkommen!

 Der Angriff mag so etwa 3 Stunden gedauert haben. Am späten Nachmittag wurde es ruhig, und im Keller wurde es immer heißer. Schließlich gingen wir neugierig nach draußen; die Sonne schien immer noch herrlich vom Himmel. Das Dorf existierte nicht mehr, nur noch das Haus des Schreiner­meisters Früh, in dessen Keller wir ausgeharrt hatten, stand einsam und fast unversehrt zwischen den Schutthaufen. Es herrschte überall eine große Hitze und die Luft flimmerte. Ich rannte neugierig auf den Schutthaufen des ehemaligen Hauses der Bauern Rögele zu und wollte sehen, was übrig geblie­ben war. Mutter brüllte, komm sofort zurück, alles ist glühend heiß, du verbrennst dir die Füße!

 Auf der anderen Seite ragten die schwarzen Mauerreste des Nachbarhauses nur etwa 1 Meter ent­fernt von dem noch intakten Früh-Haus hoch. Nur der Dachstuhl, wo unsere Kammer gewesen war, war angekohlt und zum Teil eingestürzt. Ja, wie war es möglich, dass Frühs Haus das einzige war, das hier noch stand? Schreiner Früh hatte die ganze Zeit während des Angriffs einen Wasser­strahl auf den Dachgiebel gehalten, während seine Tochter die Handpumpe bedient hatte. Und der Unter­stand in Frühs Garten? - ein einziger Trümmerhaufen; das wäre das Ende von Ursula und Ulrike gewesen, wenn sie drin geblieben wären. Und Munzingers Hof, wo wir die meisten unserer Sachen hatten? Alles platt! Fast alle unsere Habe, die Mutter und Ursula die ganzen Wochen auf der Flucht mühsam mit sich geschleppt hatten, war verbrannt. Im ganzen Dorf standen vielleicht noch 4 oder 5 Häuser. Allmählich kehrten die Bauern zurück und besahen sich entsetzt die Bescherung, sie waren bei Beginn des Angriffs alle in den Wald geflohen.

Schon am nächsten Tag begann es überall zu stinken. Am Dorfrand waren riesige Bombenkrater aufgerissen, dort wurden die aufgedunsenen, blutrosa und schwarz gefleckten, verwesenden Schweine- und Rinderkörper hinein gerollt. Der Geruch geht mir nicht mehr aus der Nase: eine Mischung aus Käse, Phosphor, verfaultem Schinken und verschmorten Haaren. Auch bei Frühs und Munzingers war nun keine Bleibe mehr, wir zogen mit vielen anderen Leuten in ein großes Keller­gewölbe um - vielleicht war es das Gewölbe des ehemaligen "Schlosses", eines schönen, schon etwas vergammelten Barockbaus, der ebenfalls beim Angriff abgebrannt war. Die Nächte waren heiß, es breiteten sich Läuse und Flöhe und großer Schmutz im Gewölbe aus, Wasser gab es nicht zum Waschen, sondern nur sehr wenig zum Trinken. Wir lagen dort wie die Büchsensardinen neben­einander. Klärchen Klein und ihre Familie waren verschwunden. Ich war traurig. Immer mehr Bauern kamen zurück, und auch im großen Kellergewölbe konnten wir nicht länger bleiben.

 Etwa 1-2 Tage nach dem verheerenden Bombenangriff auf das Dorf hieß es, der Ami kommt. Wir Kinder stürzten auf die Straße nach Crailsheim (es war damals ein heller, schmaler Sandweg), setzten uns an die Böschung unter die Obstbäume und schauten wie im Theater zu, wie die Amis Goldbach "eroberten". Zuerst rückten ein paar Panzer an, dann robbten die Infanteristen im Straßengraben an uns vorbei, und wir riefen Choclate, Choclate. Ich sehe noch einen Infanteristen, dem der Helm ver­rutscht war, er lag flach vor uns. hatte seine Knarre unterm Bauch, war voll bespickt mit Eierhand­granaten, stützte sich mit den Ellenbogen ab und schaute etwas irritiert zu uns rauf - "hello, Choclate, Kaugummi" (das Wort chewinggum lernten wir erst später). Diese fremdartigen Helme interessierten mich, sie sahen topfartig aus, erschienen meist zu groß - die deutschen Stahlhelme gefielen mir ent­schieden besser - , aber dieser eigenartige Schwung auf der Vorderseite der Ami-Helme hatte auch eine merkwürdige neue Eleganz. Später, in Reuenthal und auch noch in Darmstadt, zeichnete ich pausenlos diese beiden unterschiedlichen Helmtypen, bis ich sie aus dem FF konnte.

 Am selben Tag nach Einzug der US-Amerikaner wurde meine Mutter gerufen, weil sie Englisch konnte. Die Amis hatten sich in einem der wenigen noch intakten Bauernhöfe niedergelassen, konnten sich aber mit den Bauern nicht verständigen. Mutter ging mit mir in den Hof. Was man genau wissen wollte, weiß ich nicht mehr, aber nachdem Mutter übersetzt hatte, begann ein junger großer blonder Soldat zu fragen, ob wir Deutschen denn nichts von den Gräueltaten in den NS-Konzentrationslagern gewusst hätten. Nein, behauptete meine Mutter. - Hätte sie es doch nur bei dieser knappen Äußerung gelassen! Aber sie ließ sich dazu verleiten zu kommentieren, was man auch in der Nazipropaganda verbreitet hatte, und fügte hinzu: Die jüdische Presse in New York habe die Vorgänge in Deutschland maßlos verzerrt und übertrieben. Einem kleinen schwarzhaarigen jüdischen Soldaten lief vor Zorn der Hals rot an. Es zog die Pistole und brüllte, er werde uns alle niederknallen, andere warfen sich auf ihn und versuchten, ihm die Waffe zu entwinden. Meine Mutter schnappte mich und stürzte weg vom Hof in den Schweinestall - ich rieche noch das Stroh dort drin zwischen den Schweinen. Die Bauern kamen hinter uns her und schrieen, wir sollten uns aus dem Stall machen, die Soldaten würden ihn sonst anzünden. Über den Misthaufen entkamen wir nach draußen, verschwanden in den engen Gas­sen, liefen auf Umwegen zu Schreiner Früh's Haus und versteckten uns in der Guten Stube.  Kurz darauf hörte ich englische Stimmen und sah ein paar Stahlhelme durch das Glas der Wohnzimmertür. Mutter zitterte vor Angst und zischte ich solle unter den Tisch! - Aber die Kameraden fragten offenbar nur nach Apfelmost, wie Schreiner Früh später sagte. Fortan mieden wir den Kontakt mit den Solda­ten.

 Eine energische ältere Dame mit schwarz-grauer strenger Frisur, Frau Födisch, Bekannte von Tante Carla, sammelte in Crailsheim für uns und besorgte uns Decken, ein paar Kleider und anderes für den weiteren Unterhalt. Mutter war in den nächsten 14 Tagen weg. Sie suchte eine neue Unterkunft für uns. Etwa 3 Wochen später fuhren wir auf einem Pferdekarren 8 Km gen Osten ins Mittelfränkische hinein.

 Das nächste Mal erzähle ich von der Zeit in Reuenthal.

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6           Darmstadt, 9./10. September 2005

Hallo Ihr Lieben,

streife jetzt fast jeden Tag in der Stadt umher und mache Skizzen in Sepia und Aquarell, besonders gegen Abend ab 17h, wenn die Sonne schräg steht und die Schatten länger werden. Der Spätsommer ist mir dabei gewogen und zeigt sich von seiner besten Seite. Man sieht Darmstadt mit anderen Augen an, wenn man es zu Papier bringen will.

 Gertraut ist recht zufrieden mit ihrem neuen Notebook, das jetzt ebenfalls (wie meins) drahtlos ans Internet angeschlossen ist und viel schneller geht als das alte.

 Gunther (Gertrauts Bruder) ist mal wieder da. Seit er in Freiburg wohnt, kommt er genau so häufig nach Darmstadt, wie er früher von Darmstadt nach Freiburg gefahren ist. Eben hatten wir eine sehr angeregte Diskussion über das - in der westlichen Kultur besonders ausgeprägte - Bedürfnis nach Geschichtlichkeit und nach Anordnung des Kulturguts in zeitlicher Reihenfolge. Gunther macht sich immer, wenn wir auf dieses Thema kommen, lustig darüber. Vorhin fragte er, was ich denn für eine Erkenntnis daraus zöge, wenn ich bemüht bin, auch die eigene Lebenserfahrung in zeitlicher Reihen­folge anzuordnen. Ich konnte ihm darauf nur antworten, dass mich schon immer die Frage fasziniert hat, warum es denn überhaupt für unser westliches Denken und die Wahrnehmung "der Welt" einen gerichteten "Zeitpfeil" gebe, warum nicht das "zyklische Denken"  viel mehr im Vordergrund stehe, wie das z.B. in Indien der Fall ist. .... Und dann verloren wir uns in endlose Diskussionen, in denen aber immer wieder geschichtliche Beispiele – und gerade die zeitliche Reihenfolge ihres Auftretens – eine klärende Rolle spielten, auch die von Gunther selbst angeführten! Also ist, so schloss ich, sein soge­nanntes zyklisches Denken eh nur ein nachträgliches Konstrukt, dass er immer dann vorschiebt, wenn er keine Lust hat, sich der gnadenlosen Zeitlichkeit des menschlichen Daseins zu stellen. Zyklisches, d.h. ungeschichtliches, Denken ist, meine ich, ein archaisches Überbleibsel aus einer menschlichen Epoche, die unwiederbringlich der Vergangenheit angehört. Dabei tranken wir einen recht starken Tee, der mich so aufgeputscht hat, dass ich jetzt, um 1/2 1 Uhr nachts wieder am Notebook sitze und diese "Lebensgeschichten" weiter schreibe.

6.0      Reuenthal 1945 - 47 (Teil 1)

 In Reuenthal, Kreis Dinkelsbühl, Post Schopfloch, Mittelfranken lebten wir nur 2 Jahre. Aber jene Zeit kommt mir vor, als sei sie fast die ganze frühe Jugend gewesen. Es war das erste Mal, dass wir, sowohl ich und wohl auch meine Schwestern Ulrike und Regina, so etwas wie "Heimat" empfanden für diese unscheinbare, leicht hügelige Gegend um das winzige, nur aus zwei Gehöften bestehende Reuenthal herum, "am Ende der Welt", wie die Crailsheimer manchmal mitleidig sagten: Östlich das 3 Km entfernte Dorf Weidelbach, wo wir zur Schule gingen, westlich das nur 1 Km weiter schon im Württembergischen gelegene Geißbühl, südlich "überm Berg" Veitswendt, nördlich, auf der anderen Seite Schönbronn, Bergbronn und Breunersberg "hinter dem Wald" ...

Eine zeitliche Reihenfolge der Ereignisse in Reuenthal bringe ich – außer vielleicht in den ersten Monaten – nicht zusammen. Trotzdem ist diese Zeit voll von unzähligen kleinen Begebenheiten. Immer mehr kommt in Erinnerung, wenn ich beginne, darüber zu schreiben. Nun ich fange einfach mal an:

Eines Tages im frühen Sommer 1945 erreichten wir auf einem Pferdekarren jenes verwunschene Tal, in das sich zwei einsame Gehöfte duckten, Der Hof der Familie Maag und daneben die Mühle der Familie Baumann, die damals noch mit einem richtigen großen hölzernen Mühlrad betrieben wurde. Die freundlichen Maags wiesen uns ein Zimmer über dem Kuhstall zu. Da konnte man allerdings noch nicht reingehen, denn der Fußboden fehlte, und man sah direkt auf die untern herum rangelnden Rinder hinunter. Die ersten Tage schliefen wir irgendwo in einem feuchten Keller. Mittlerweile hatten Ernst und Fritz den Boden mit frischen Fichtenholzplanken belegt. Die zogen sich aber bald zusam­men, so dass man durch die Ritzen weiterhin die Kühe und Stiere beobachten konnte. Besonders früh morgens, wenn das Vieh auf die Weide getrieben wurde, gab es ein solches Getöse, dass wir glaub­ten, im nächsten Moment auf die stoßenden, zerrenden und brüllenden Viecher durchzubrechen. Im Winter 45/46, der sehr kalt wurde, verschimmelte alles in diesem kleinen Zimmer. Der feucht-warme Brasen, der von den Rindern aufstieg, hatte aber auf der anderen Seite den Vorteil, dass die Tempe­ratur im Raum erträglich blieb und nicht unter minus 3 Grad sank. Wasser gab's nur draußen von der Handpumpe. Heizung gab's nicht, das einzige Gerät, das sowohl als Kochherd als auch als Heiz­körper diente, war ein winziges gusseisernes Öfchen, das mit Holz geheizt wurde. Wenn der Wind ungünstig stand, war die ganze Bude voll mit beißendem Rauch. "Gut für die Läuse", meinte Mutter, "die mögen den Rauch nicht". Und wir mussten auch immer das verschimmelte Brot essen, da sei Penizillin drin, behauptete Mutter, und das sei gut gegen Ischias (für sie vielleicht! Für uns nicht, wir Kinder hatten kein Ischias, nur Husten und Furunkel, den ganzen Winter lang!)

Ernst, der älteste Sohn von Maags, war erst kurz vor unserer Ankunft aus dem Kriegsdienst zurück­gekommen. Er hatte auch einen Kriegskameraden mitgebracht. Harald hieß er, glaube ich. Der konnte schön auf der Mundharmonika spielen; die Melodie weiß ich heute noch. Und er konnte etwas ganz Erstaunliches: Er klappte mit einem blitzschnellen Griff die Augenlid-Deckel um, so dass das Rote Innere zu sehen war. Das hat mich unglaublich beeindruckt! Ich übte und übte. Erst 3 oder 4 Jahre später, als wir schon wieder in Darmstadt waren, hab ich es auch gekonnt.

Bald danach gab es die erste Hausdurchsuchung durch die US-Militärpolizei. Die fanden auch prompt was Verbotenes, nämlich das Jagdgewehr von Ernst, und der arme Ernst wurde deswegen in einem Jeep mitgenommen. Das gab große Aufregung, denn man war mitten in der Erntezeit. Erst nach etwa 3 Wochen kam er zu Fuß unversehrt wieder heimgetrottet.

Die zweite Hausdurchsuchung durch die US-Militärpolizei war etwas spannender. Diesmal sollte auch unser Wohnzimmer durchsucht werden. Wir wurden alle auf den Hof kommandiert. Als wir da noch herumstanden, tuschelte Mutter mir zu, ich solle schnell noch mal nach oben laufen und das Schmuckkästchen unterm Bett holen, damit es von den Soldaten nicht geklaut würde. Ich kam auch unbemerkt wieder ins Wohnzimmer im 1.Stock, weil die Amis sich gerade im Stall zu schaffen mach­ten, fand das Schmuckkästchen und trampelte freudig die Holztreppe runter. Unten stand ein junger Soldat mit Maschinenpistole. Erschreckt durch mein Getrampel drehte er sich blitzschnell rum und richtete die Knarre auf mich, was mich nicht im mindesten beeindruckte. Mutter sah das vom Hof aus durch die offene Eingangstür und brach in ein hysterisches Geheul aus, da drehte sich der junge Soldat wieder zur anderen Seite um, und ich wischte an ihm vorbei auf den Hof. Die Soldaten mach­ten einen nervösen Eindruck und fuchtelten alle mit ihren Maschinenpistolen herum. Gefunden wurde aber nichts Auffälliges, und nach einigem Palaver zogen sie wieder ab. Nur die ganze Familie Maag und unsere Mutter waren noch in heller Aufregung: "der hätte den Bub glatt über den Haufen geknallt". Und erst da hab ich nachträglich Angst bekommen.

Im Herbst gingen wir Pilze sammeln, herrlich! Körbeweise schafften wir das Zeug nach Hause. Es gab Tage lang nur Pilzgulasch, ab und zu paar Kartoffeln dazu, die wir auf dem abgeernteten Feld "nach­klauben" durften ("Waas isch des Högschde vom Glauben?", fragte der Bauer uns; keine Ahnung! - "der Arsch!" - und er schüttelte sich vor Lachen über seinen Witz; "G" und "K" sind im Mittelfränki­schen völlig ununterscheidbar!) Zum Nachtisch gab's halbmatschige Birnen, etwas angekocht aber ohne Zucker. Nach zwei Wochen kamen uns die Pilze und die Birnen zum Hals raus, und wir kriegten alle Durchfall. Das war gut gegen die Würmer, die wurden alle rausgespült. Es waren meist diese kleinen 4 mm langen Madenwürmer, die juckten entsetzlich am Hintern. Ulrike hatte allerdings auch recht große Würmer, paar Zentimeter lang. Bandwürmer hatte Ulrike nur einmal, sie kamen stück­weise als weiße, 5 mm breite und  5 cm lange "Schuppen" heraus. Die Kleinste, die Regina (damals, Herbst 45, 2 Jahre alt) war der Liebling der Familie Maag. Sie durfte beim Essen immer in der Bauern­küche sein und kriegte gutes Brot, gekochte Milch und manchmal sogar ein Stück Schweinefleisch. Das tat ihr gut, denn sie war ziemlich unterernährt. "Mach schöne Augen" - und Regina blinzelte und machte den Mund spitz. Die Familie Maag war begeistert! - "Mach bös Gesicht" - und Regina zog die Augenbauen und die Mundwinkel runter. Bravo-Rufe von den Maags. Wir beiden anderen waren neidisch auf diese Vorzugsbehandlung, und Mutter hatte leise Bedenken, Regina würde verzogen; aber die Zusatzernährung für sie war wichtiger.

 Ab Herbst 45 gingen wir zur Schule in Weidelbach. Der Schulweg führte etwa 3 Km in einem sumpfi­gen Bachtal, nur an den Rändern zum Wald schlängelte sich ein trockener Sandweg. Ich glaube, Ulrike wurde auch gleich eingeschult. Alle Klassen der Dorfschule befanden sich in einem einzigen Raum, neben der Dorfkirche. Unterrichtet wurden alle vom Dorfpfarrer und einer jungen Lehrerin, Flüchtling aus Ostpreußen, Fräulein Garbe. Dadurch lernten Ulrike und ich bald perfekt den fränki­schen Dialekt, mit dem wir uns künftig auch untereinander unterhielten. Ich verliebte mich bald wieder in ein schlankes Bauernmädchen, Traudel Lang, die jedoch wenig Notiz von mir nahm. Dadurch wurde ich zu Schreiben angeregt. "Liebe Traudel: Ich kann ohne Dich nicht leben", solche und ähnliche Texte probierte ich auf einer gebrauchten Feldpostkarte aus und versuchte sie ihr zuzu­stecken. Auch die Erna und (anfangs jedenfalls, glaube ich) auch die etwas ältere Frieda, die beiden Töchter von Familie Maag, waren unter den älteren Schülern im Klassenraum, und wir Kleinen bekamen mit, wie Fräulein Grabe sich abmühte, ihnen das Englische beizubringen. "Die Erna Maag sagt immer Sirdie!", machten wir uns mal bei meiner Mutter lustig (das sollte "Thirty" – 30 – heißen), und ich konnte es selbst schon ganz gut aussprechen, weil wir manchmal Englisch von Mutter hörten.

Wir Kinder mussten für Mutter oft im weidelbacher Kramladen neben der Kirche bei Frau Hartnagel etwas einkaufen. Wenn es frisches Brot war, blieb bis zum Nach-Hause-Kommen nicht viel davon übrig, denn wir hatten immer Hunger, und das frische Brot schmeckte herrlich. Einmal, es war im Winter 45/46, wollte Ulrike statt auf dem Sandweg unbedingt auf dem zugefrorenen Bach zur Schule gehen. Bei solchen Aktionen folgte ich Ulrike meist ohne Widerspruch, wenn auch etwas zögerlich. Prompt krachte sie ein, und auch ich machte mir die Kleider nass, als ich ihr aus dem eiskalten Was­ser half. Total durchfroren kamen wir im Dauerlauf in der Schule an, und das Schöne daran: wir brauchten nicht in die Schulklasse zu gehen, sondern der Pfarrer zog uns die klatschnassen Sachen aus, und wir durften uns an seinem Ofen aufwärmen. Dabei entdeckte ich ein Harmonium in seiner Wohnung; es ging aber nicht, weil man wohl einen Blasebalg hätte betätigen müssen, um ihm Töne zu entlocken.

Sonntags gingen wir mit den Bauern manchmal auch zur Kirche. Der protestantische Pfarrer, der zu uns Kindern sehr freundlich war – er hieß Luther wie sein berühmter Kollege aus dem Mittelalter – , verwandelte sich auf der Kanzel in einen glühenden Ankläger und Katastrophenprediger, der den Bauern ihre Sünden anprangerte – das Saufen, das Fernbleiben vom Kirchbesuch, die erotischen Vergnügen beim Tanz (und danach) – dem sogenannten "Harles" (ich komme noch darauf zurück), das Fluchen – die fränkischen Bauern konnten hervorragend und aus­drucksstark fluchen "Himmi-Herrgott-Zagrament-Kreizdunnerwedder ..." – und was es sonst noch so alles an den Schäflein zu bemängeln gab. Natürlich malte er ihnen in anschaulichen Bildern und beredter Sprache die schlimm­sten Folgen auf, die ihr Verhalten in der Hölle haben werde (als Protestant! Bei denen gibt’s ja eigent­lich kein Fegefeuer; aber als Drohmittel war ihm die katholische Version wirkungsvoller). Schwei­gend nahm es die Gemeinde hin, und man ging anschließend ins Wirtshaus zum Sonntags­tratsch.

Da wir gerade beim Herrn Pfarrer sind, fällt mit eine Begebenheit ein, die sich wohl erst ein Jahr später ereignet hat: Vater, der uns 1946 endlich wieder gefunden hatte, und von Darmstadt aus einmal bei uns zu Besuch war, erzählte mir bei einem Spaziergang von den Sauriern und anderen ausgestorbenen Tieren der Vorzeit vor vielen Millionen Jahren. Er konnte sehr gut erzählen und malte die Dinge so gut aus, dass ich die Urzeitviecher förmlich vor mir sah, wie sie aus dem Wald kamen, und dass ich mir statt der dunklen Fichten überall nur noch riesige Schachtelhalmbäume vorstellte. Ich war begeistert. Im Religionsunterricht nahm der Herr Pfarrer Luther zu jener Zeit gerade die Schöp­fungs­geschichte, die Sintflut und die Arche Noah durch. Am nächsten Tag zählte der Herr Pfarrer gerade die Tierpaare auf, die Noah in die Arche nahm. Die Saurier fehlten dabei! Da erhob ich mich und hielt einen vielleicht halbstündigen Vortrag über die Vorzeit, die Schachtelhalmwälder, die Saurier, wie groß sie waren, und dass das alles vor vielen Millionen Jahren gewesen sei, und dass der Herr Gott vor so langer zeit wohl selbst noch nicht geboren gewesen sei, denn damals gab’s ja noch keine Men­schen, und das mit seiner Schöpfung und dem Noah sei ja, wie der Herr Pfarrer selbst gesagt habe, erst vor sechstausend Jahren passiert. Alle hörten gespannt zu. Erstaun­licherweise fiel der Herr Pfarrer mir nicht ins Wort und tadelte mich auch nicht wegen meiner unchrist­lichen Äußerungen, sondern meinte freundlich, das sei ja sehr interessant, was ich da erzähle. Dieser "Vortrag" war noch lange Gesprächsthema in der Schule und brachte mir eine gewisse scheue Achtung bei den Bauernkindern ein.

Uiuiui, jetzt purzeln die Erinnerungen nur so an die Oberfläche wie Luftblasen aus dem Teich! Ich mach mal 'ne Pause und schicke das Getippte erst einmal ab.

Alles Liebe Christoph

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7           Darmstadt, den 11.September 2005

Hallo Ihr Lieben,

 Der Wahlkampf nähert sich seiner letzten Woche. Der Ausgang wird ungewisser. Fischer und Schröder geben sich gelassen und strahlend (aus völlig unerfindlichem Grund), die FDP wird immer lautstarker und propagiert "ihren Außenminister" (das ist der, welcher immer so aussieht, als hätte er gerade eine Ohrfeige bekommen). Von Frau Merkel hört man gedämpftere Töne, aber die wie aus­wendig gelernt tönenden Sprüche bleiben dieselben. Man kriegt Emails von Freunden, die sich auf einmal politisch gebärden. "Die Linke ist doch nicht so schlecht, wie ihr bisheriger Ruf, ich empfehle, sie diesmal statt Grün zu wählen!" - Ei der Daus! Welch seltsame Wandlung! - Die ersten Trupps des deutschen Technischen Hilfswerks sind mit Spezialpumpen in New Orleans eingetroffen. Heute läute­ten die Glocken in Darmstadt zum Elften September (ich meine nicht den von Bin Laden, mit dem er sich dafür revangiert hat, dass die Bushs ihn bei ihren Geschäftchen mit den Saudis und den Talibans um paar zig Millionen betrogen haben, sondern ich meine den Elften September 1944 der Zerstörung von Darmstadt!)

Nun aber zurück in die Vergangenheit nach "Reuenthal":

7.0      Reuenthal 1945-47 (Teil 2)

 Besonders in den ersten Nachkriegsmonaten fand man überall Reste von Kriegsmaterial, und ich war begeisterter Sammler desselben. Ich besaß schließlich: Vier Stahlhelme (einen Ami-Helm, zwei deut­sche Stahlhelme und einen Feuerwehrhelm), zwei Seitengewehre (ein Amerikanisches und ein deut­sches), eine Uniform-Lederkoppel, eine unzählige Menge von Patronenhülsen (kleine von Infanterie­munition und große von den schweren US-Flugzeug-Bord-MGs), schließlich sogar einen deutschen Karabiner (allerdings ohne Schloss), den hatte ich am Berg oben im Kartoffelacker gefunden und hütete das schwere Ding wie einen Schatz. Dazu entdeckte ich unten am Bach noch eine ganze Kiste mit scharfer Gewehrmunition. Ich hatte mir vorgenommen, die vollen Patronen alle aufzu­knacken, um an das Pulver zu kommen (das waren kleine, schwarzgraue, blinkende Plättchen, die herrlich zisch­ten, wenn man sie anzündete), damit wollte ich kleine Bomben bauen, die in den aus Holz­scheiten errichteten "Häusern" meines "Dorfes" explodieren sollten. – Die Ereignisse in Goldbach, als das ganze Dorf zusammengeschossen wurde, musste ich unbedingt verarbeiten, indem ich sie selbst im Spiel nachvollzog. Zum Glück hatte Ernst Maag die Kiste bald aufgespürt und ließ sie verschwin­den. Überhaupt war meine einzige Beschäftigung während der freien Zeit nach Erledigung der Schul­auf­gaben das Kriegspielen. Ich hatte ja noch die Bakelit-Soldaten, die ich von Erich-Junior gekriegt hatte, dazu nun jede Menge Spielkanonen, die ich aus den vielen Patronenhülsen zusammenbaute, indem ich sie mit Draht auf Holzklötzchen befestigte (leider fehlte nun ja das Schießpulver aus der Munitions­kiste). Bei dieser Tätigkeit war ich fast immer ganz alleine (Ulrike hatte daran weniger Interesse) und ich hatte nicht das mindeste Bedürfnis, mit anderen zu spielen (im entlegenen Reuenthal waren ja auch, außer uns Dreien, sowie der Susi von Baumanns, im Alter von Regina, meist keine anderen Kinder). Vielmehr hatte ich hinterm Hof, am Bachrand unter den verkrüppelten Zwergfichten oder auch weit droben im Tannenwald meine heimlichen Winkel, in denen kleine Wege, Brücken, grob zusam­mengestoppelte Mini-Gebäude entstanden (es mangelte mir leider an glatten Bauklötzen); dazwi­schen brachte ich die Bakelitsoldaten in Stellung; und in endlosem strategischem Hin und Her gewann mal die eine, mal die andere Partei. Zerstörung, Wiederaufbau, kurzer Waffen­stillstand, dann wieder plötzlicher Überfall aus dem Hinterhalt und so weiter und so fort. Im Winter, wenn es zu kalt zum Draußenspielen war, setzte ich die Kriegsszenen auf Papier fort. Ich hatte zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein paar bunte Wachskreidestifte bekommen. Daraus entstanden lauter Schlachten­bilder: Meist waren es zwei Burgen, eine auf der linken, die andere auf der rechten Seite des Papiers, deren Heerscharen zu Fuß und auf Pferden auf einander eindroschen und schos­sen, dabei wurden Flinten, Spieße, Schwerter, sowie Pfeile und Bogen benutz. Besonders reizte mich, den Figuren der verfeindeten Parteien jeweils wohl definierte Uniformen zuzuordnen: Die eine Partei war z.B. blau gekleidet mit helmartigen Kopfbedeckungen, die andere hatte rote Westen und gelbe Hosen und Hüte mit einem großen Federbusch. – So neben her lernte ich dabei auch, wie man Häuser, Bäume und einfache Landschaften malt.

Erst als einmal ein sanfter dunkelhaariger Neffe der Baumanns zu Besuch war, hatte ich für einige Wochen einen gleichaltrigen Spielkameraden, und von dem lernte ich ein friedlicheres Spiel: Wir bauten droben im Wald Bauernhöfe und Viehgehege aus Aststückchen. Die großen Fichtenzapfen waren die Rinder und Pferde, die kleinen Kiefern- oder Tannenzapfen die Schweine, Eicheln (sie waren selten) stellten das Geflügel dar. Wenn ich dann "Goldbach" spielen wollte und anfing, die Gehöfte zu bombardieren, wurde Heinz (so hieß er) sehr ungehalten und konnte gar nicht verstehen, warum ich daran so einen Spaß hätte. "Wir können sie danach ja moderner wieder aufbauen", meinte ich, aber das gefiel ihm überhaupt nicht.

 Im Frühjahr 1946 begleitete ich meine Mutter oft auf die Wiesen. Sie zeichnete und aquarellierte die Pferde, die hügelige Landschaft und die beiden Gehöfte von Reuenthal. Ihre Farben gefielen mir nicht besonders, sie waren mir zu wenig bunt. Aber ihre Fähigkeit, die Pferde in allen Stellungen zu zeich­nen, faszinierte mich sehr. Ich wollte das unbedingt auch können! Tage lang versuchte ich Pferde "richtig" zu zeichnen. Es klappte natürlich nicht. "Geh auf die Wiese und schau sie dir an, beobachte genau den Rücken und die Beine", sagte sie, "und ärgere dich nicht, sondern probier's immer wieder!" – Und ich probierte es tatsächlich, zig-mal. Irgend wann war ich einigermaßen zufrieden, aber nicht ganz, hatte jedoch zunächst die Nase voll von Pferden. Mit der Zeit wuchs auch mein Anspruch, Häuser etwas komfortabler zu malen. Ich geriet ausgerechnet an einen Schwarz-weiß-Fotoband mit alten Kathedralen und Schlössern aus Portugal und versuchte mich im Abmalen des so ziemlich komplexesten Gebäudes in jenem Buch – es war eine Katastrophe! Dann malte ich schließlich ein etwas einfacheres Gebäude ab: Es war die Sé Velha (die Alte Festungskathedrale) von Coimbra mit den vielen versetzten Kanten und Torbögen, und ich bekam dabei eine erste Ahnung von dem, was Perspektive sein könnte (das Wort "Perspektive" war mir damals wohl noch nicht geläufig). Ich hab das Bild heute noch und auch den Portugal-Fotoband. Als wir 1985 mit dem VW-Bus zu viert die schöne Pilgertour nach Santiago de Compostela machten und danach durch Portugal nach Süden fuhren, kam auf einmal ein Schild "Coimbra", oh, da mussten wir anhalten! Und ich zeigte Gertraut und den Kindern die Sé Velha – und, wieder daheim, auch das Bildchen, das ich fast 40 Jahre zuvor von ihr gezeichnet hatte.

Wenn "schwarz" geschlachtet wurde (die Bauern durften nur einmal im Jahr schlachten, taten es aber öfter heimlich), war das eine aufregende Sache, bei der wir vom Hof gejagt wurden. Vom Fenster aus schauten wir zu, wie das arme Schwein im Hof festgebunden wurde, dann schlug der Altbauer das Tier mit einem schweren Hammer auf die Stirn. Es brüllte fürchterlich. Noch während es brüllte und zuckte, schnitt man ihm die Kehle durch und fing das Blut in einer Blechschüssel auf. Dann kam es in eine Wanne mit heißem Wasser und wurde geschrubbt, so dass die Borsten ausgingen.

Auf eine Portion "Schlachtesupp und G'selchts" durften wir Kinder schließlich in die Küche kommen. Es roch phantastisch! Die Küche war schwarz von Fliegen. Im Kessel dampfte die "Schlachtesupp" und das Geselchte. Alle stellten sich um den Tisch herum, und Mutter Maag (Regina sagte immer "Magemaag" zu ihr) hielt die runzeligen Hände vor den Bauch und fing an zu beten. Das tat sie bei jeder Malzeit. Was sie betete, habe ich damals nie ganz verstanden, es war wie eine Liturgie in einer fremden Sprache ohne Absatz und Pause (außer wenn sie mal schnaufte), alles an einem Stück. Da ich aber doch die Anfangsworte erinnere, habe ich nachgeforscht und kann's nun wiedergeben, es hörte sich etwa so an:

Magemaags Gebet:

"Wirdankengottfirseinegabendiewirvonihmempfangenhaben
undbiddenunsernliebenherrnerwollunsfernerauchbeschern
undspeisenunsmitseinemwortdaaßwirsattwerdenhierunddort
achlieberherrduwollstunsgäbennachdieserzeitdasewigläben
kommherrjesusseiunsergaschdundsägnewaasduunsbescherethaschd-amen."

Dann schnitt sie vom runden Brotlaib ein paar Scheiben herunter und gemeinsam und schweigend wurde aus einer großen Blechschüssel gelöffelt - ein außergewöhnlicher Genuss für uns ewig Hungrige.

Nach der Malzeit noch einmal ein kurzes Schlussgebet:

"Wirdankendirherrjesuchrischddaaßduunsgasschdgewäsenbischd
bleibdubeiunssohatsnitnotdubischddaasrechdeläbensbrot-amen"

Und dann ging die Familie wortlos wieder zur Arbeit. Es mussten die Würste hergestellt werden.

Ich bin noch längst nicht fertig mit "Reuenthal"! Das nächste Mal erzähle ich unter anderem vom Wiedersehen mit Vater.

Alles Liebe, Christoph

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8           Darmstadt, den 13. September 2005

 Ihr Lieben Söhne und nächsten Verwandten, die Ihr geduldig und kommentarlos meine "Lebens­geschichten" über Euch ergehen lasst, schon wieder kommt ein Abschnitt. Ihr müsst ihn ja nicht sofort lesen!

 Gestern waren Gertraut und ich bei einer merkwürdigen Veranstaltung von Uli, einem befreundeten Architekten und Kettenraucher. Der hat zur Zeit keine Arbeit und macht statt dessen seit Monaten recht viel Rummel um seine Mal- und Zeichenaktivitäten. Als er nämlich im Frühjahr in Borkum auf Kur war und sich dort von einem Überfall auf ihn in der Darmstädter Theatergarage erholte, bei dem paar junge Burschen ihn übel zugerichtet hatten, gelangen ihm dort ein paar recht originelle und hübsche Skizzen über das Nordsee-Inselleben. Er war so begeistert von seinen eigenen Skizzen, dass er einen Kalender draus erstellen ließ und ihn nun in Borkum vertreiben lässt. Zugleich kam ihm die Idee, seine Fähigkeiten in einem Mal+Zeichenkurs an andere weiter zu geben. Dafür macht er seit 5 Wochen kräftig Reklame und hat Freunde - darunter auch mich - eingeladen, aktiv mitzumachen. Es hat schon ein "Opening" stattgefunden, auf welchem Uli seinen Kalender lang und breit "erklärte", und gestern war eine erste Veranstaltung, die für die Gäste etwas Eintritt kostete. Sie durften auch den Kalender kaufen. Dargeboten wurde (a) eine ad hoc Erstellung eines Aquarells durch einen Auto­didakten (das hab ich gemacht), (b) ein 50-Minuten-Video, das zeigt, wie der Professor Müller-Linow (Architekt und Profimaler) einen Bund Amaryllis aquarelliert und (c) ein Kurzvortrag einer Dame, die zwar vom Zeichen/Malen keine Ahnung hat, darüber aber flott reden kann. Ein junger Maler aus der Darmstädter Sezession stellte auch ein paar Bilder von sich aus - fand ich ganz schön. (Von ihm habe ich Anre­gung für einen neuen Tuschetyp und eine Lasiertechnik mitgenommen). Danach wurde kräftig disku­tiert, und alle gaben sich sehr beschlagen. Was mich allerdings ein bisschen störte, war, dass man das Wort "Kunst" zu oft in den Mund nahm. Ich dagegen hob hervor, ich sei ein Fotoapparat und scanne, was ich sehe, ohne zu interpretieren, das habe überhaupt nichts mit "Kunst" zu tun, sondern mit dem Üben in einer völlig zweckfreien Tätigkeit, bei der man seinen spekulativen "Mind" ein wenig zurückschrauben und statt dessen gewahr werden könne, dass das eigene System nichts anderes als ein Teil des Kosmos sei. Dem wurde heftig widersprochen: Der Denkapparat sei beim Zeichnen/ Malen das wichtigste, und man müsse dabei ständig "interpretieren". Ich entgegnete, dann werde es eben ein Konstrukt, und man "produziere" etwas. Für mich sei das Malen gerade ein gutes Hilfsmittel, den spekulativen und konstruierenden Geist endlich einmal beiseite zu lassen. Wenn ein Fußball­spieler auf dem Feld zu viel denkt, schießt er keine Tore; wenn ein Bogenschütze beim Schießen anfängt zu spekulieren, verfehlt er das Ziel garantiert. Und überhaupt komme es, schloss ich, weder auf das Tore-Schießen noch auf das Ziele-Treffen und ebenso wenig beim Malen auf das Ergebnis an; der Malakt selbst biete vielmehr eine ungeahnte Gelegenheit, einmal von sich und seinem ergeb­nisorientierten Ego-Geist abzusehen. Malen, so zusagen als "geistlose Tätigkeit" im besten Sinne. – Mit Vergnügen registrierte ich die totale Verständnislosigkeit für meine Ausführungen.

 Ihr seht, wie sich die Rentner und Arbeitslosen aus Darmstadts "Gebildetenschicht" so die Zeit ver­treiben. Dabei ist ihnen das wichtigste, von den anderen wahr und wichtig genommen zu werden. Ich habe es dem Uli und den Anwesenden gegönnt. Allerdings fehlten völlig die ersehnten Kunden für die geplanten Zeichenkurse: Die Preise stehen alle schon fest und wurden vom Veranstalter noch mal lauthals verkündet, die Zahlungs- und Ausbildungswilligen blieben aber aus.

 Aber ich wollte eigentlich hier keinen Vortrag über die kulturellen Bocksprünge der Kleinstadt Darm­stadt halten, sondern mit den Lebensgeschichten von CL für meine Söhne fortfahren, damit sie (viel­leicht jetzt nicht, sondern später in einer ruhigen Stunde) erfahren, was für einen eigenartigen Vater sie haben, und dass manches von diesen Eigenarten wahrscheinlich auf sie übergegangen ist, wenn sie es vielleicht auch nicht wissen oder nicht wahrhaben wollen. Es mag etwas zur Achtsamkeit bei­tragen. Ich aber liebe Euch von ganzem Herzen, Ihr, meine Söhne, die ich früher sogar oft als "mein Eigentum" bezeichnet habe - lediglich, um mir und Euch durch Aussprechen dieser Un-Klausel klar zu machen, dass solch eine Art Anspruchsdenken absurd und schädlich für die Nachkommen wäre; denn Liebe ohne Gewährenlassen ist keine; Gewährenlassen ohne Liebe aber ist verantwortungslos.

8.0      Reuenthal 1945 - 47 (Teil 3)

 "Latap taschek po ulize, schukasobje jarbtschenize, aia sobje stolemfkolem, iwibjerra kogowolem....", dieses polnische Kinderlied vorsingend zogen Ulrike und ich an Fasenacht 1946 von Hof zu Hof in Weidelbach und Veitswendt und sammelten Kuchen und Eier ein. Die Ausbeute war stattlich, denn so was Fremdländisches hörten die Bauern nicht oft. Wir hatten das Lied von Ursula Baranovska beigebracht bekommen. Das treue polnische Pflichtjahrmädchen war ja immer noch bei uns. Nach Hause wollte sie noch nicht, denn aus Polen kamen Gräuelnachrichten. In einer Zeitung sahen wir grausig verstümmelte Leichen, - es sollen Deutsche gewesen sein, denen die Flucht aus Polen zu spät oder überhaupt nicht eingefallen war; vielleicht waren es auch Nazigrößen, an denen sich die Polen gerächt haben. Auch sollen die Russen in Posen ziemlich gehaust haben und auch mit der "befreiten" polnischen Bevölkerung nicht sehr zartfühlend umgegangen sein.

Die bildhübsche Ursula mit den langen hellblonden Zöpfen war die große Attraktion auf dem "Harles". So nannten die Bauern die heimlichen Tanzvergnügen, die in den Wintermonaten jedes Wochenende auf einem anderen Bauernhof stattfanden. Öffentliche Versammlungen waren von der US-Armee verboten worden, und auch der Harles fiel unter dieses Verbot. Aber wann kam die US-Militärpolizei schon mal in das entlegene Reuenthal? – Und so fand der Harles recht oft bei Maags statt. Da gab es dann "Blodz" (eine Art Hefezopf) und jede Menge Apfelmost (der von Maags war für unseren Kinder­geschmack allerdings entsetzlich sauer). Man tanzte den "Juhuhu" und den Dreher zur Ziehharmoni­ka, und in den Tanzpausen gab der Altbauer mit rauer Stimme Soldatenlieder aus dem 1. Weltkrieg zum besten. In den Refrain "... und dieses schöne Städtchen hat' eine Garnisooon von fünfzig Infant'risten, waas soll's bedeuden schon..." fielen alle mostselig ein. Wenn der Most anfing, seine Wirkung zu tun, wurde man bei den Mädchen handgreiflich. Natürlich besonders bei der schönen Ursula. Ob ihr das gefiel, weiß ich nicht, jedenfalls tat sie sehr empört und verließ die "Stubb". Der Frieda, der älteren Tochter von Maags, war das sehr recht, denn in Ursula erwuchs ihr eine unerwar­tete Konkurrentin. So machte sie sich denn öffentlich lustig über Ursula, und sie solle sich ja nicht einbilden, sie sei was Besseres. Schließlich sang man lauthals "In einem Bolenstädtchen, da läbde einst ein Mädchen, die waaar sooo schööön! Sie war daas allerschöschde Kind, daas maaan in Bolen findt ab'r nein, ab'r nein, sprach sie, ich küsse nie!". Und da war Ursula sehr beleidigt und blieb dem Harles für mehrere Wochen fern.

Ursula ließ uns gerne auf ihrem Bauch liegen. Sie hatte einen schönen schlanken Bauch mit gut ge­formtem Bauchnabel, und ich genoss das sehr. Auch an ihren Brüsten durften wir Kinder manchmal saugen. Das war schon recht aufregend für mich als 7 1/2-Jährigen.

Im Verlauf des Jahres 1946 kam ein weiterer Schwung Flüchtlinge nach Mittelfranken. Die sprachen einen merkwürdigen Dialekt (später wusste ich, dass sie teils aus dem Egerland, teils aus dem Böhmerwald stammten). Sie bettelten um ein Ei oder ein Stück Brot oder einen Löffel Schweine­schmalz. Einmal kam wieder so ein Trupp in den Hof, die Bauern waren auf dem Feld, und Ulrike und ich hingen zum Fenster heraus. "Wo ist Mutter Magrana?" (Mutter Maag, sollte das heißen).  – "Nie­mand da, alle auf dem Feld", rief Ulrike. – „Geh', hol' sie, nur ein Ei brauchen wir", - "Nix da!", rief Ulrike energisch, "haut ab, hier wohnen wir, das ist unser Hof, wir geben nix an Fremde!!" – Und da zogen sie betreten ab. Mutter und ich waren ganz erstaunt über die Dreistigkeit, mit der die 6-jährige Ulrike "unser Territorium" verteidigt hatte.

Ulrike wusste überall bescheid. Sie war schon in jedem nur erdenklichen Winkel in Hof, Scheune und Ställen gewesen, wusste genau, wie viele Jungen die Katze geworfen hatte, und in welche Verstecke die Hühner ihre Eier legten, und beobachtete wie der Fritz (der zweitälteste, damals etwa 16-jährige Sohn von Maags) heimlich von Acker schlich und sich ein paar noch nicht eingesammelte, frisch ge­legte Eier einverleibte. Das verkündete sie denn auch vorwurfsvoll und arglos. Das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn der Fritz hatte ab da einen Kieker auf sie. Ich kriegte solche Einzelheiten weni­ger mit, denn ich war viel zu oft in meine einsamen Kriegsspiele mit den Bakelitsoldaten, den Patro­nenhülsen und den Holzklötzchen versunken. Eines Tages gab es großes Gezeter, an dessen Ende Ulrike von Mutter furchtbar den Hintern versohlt bekam. Was war passiert? – Der Fritz beschul­digte die Ulrike, sie habe Eier aus der Scheune geklaut. Ulrike wusste ja, wo die Eier gelegt worden waren, und hatte wohl auch mal ein paar davon in der Hand, um sie bei 'Magemaag' in der Küche abzuge­ben. Diesen Moment hatte der böse Fritz abgepasst, um sie "zu überführen". Darauf hin gab es die "Wimse". Ulrike war bleich vor Wut über die Gemeinheit des Fritz und über die ungerechte Be­hand­lung durch Mutter, die ihr die öffentliche "Wimse" eigentlich nur verabreichte, um unseren anständigen Ruf wieder herzustellen. (Ich verhielt mich bei der ganzen Sache ziemlich unbeteiligt.) Noch gemeiner von Fritz war, dass er auf Ulrike einen Schmäh-Vers dichtete - "Wer hat die Unika Uika lieb, die Uika Uika Eierdieb!" - und diesen in der Folgezeit immer wieder daherkrähte. Ulrike fühlte sich tief gekränkt, und zwischen Fritz und ihr entstand eine herzhafte Feindschaft.

 Es ging auf den Winter 1946 zu. Mutter machte sich Sorgen, weil sie überhaupt nichts von Vater hörte. Wir wussten nicht, wie es ihm nach seinem Eintritt ins deutsche Heer (noch im letzten Augen­blick, Februar 1945 in Eberswalde bei Berlin, um dem Volkssturm in Posen zu entgehen) ergangen war, und ob er überhaupt noch lebte. In einer schon recht kalten Novembernacht - das winzige Kano­nenöfchen glühte auf Hochtouren, wir waren in Decken eingehüllt, und Mutter las uns gerade ein Anderson-Märchen vor – passierte etwas sehr Bemerkenswertes: Von draußen in Höhe unseres Fensters hörte ich plötzlich klar und deutlich die Stimme unseres Vaters – "Mami" rief er mehrmals. Ich fragte sofort, ob jemand anderes das auch gehört hätte, und Mutter bestätigte es – "Papi hat gerufen!!" (die anderen hatten nichts gehört). Das gab uns sehr zu denken. Es konnte bedeuten, dass Vater etwas passiert sei; es konnte aber auch bedeuten, dass Vater lebte und uns suchte. Tatsächlich erhielten wir einige Wochen später Nachricht (wie, weiß ich nicht mehr, Telefon gab's ja nicht, und unsere Anschrift kannte Vater ja nicht, sie war zu dem recht kompliziert, denn ein Postbote kam, soviel ich mich erinnere, nicht nach Reuenthal, Mutter musste ab und zu auf der Post im 7 Km ent­fernten Schopfloch nachfragen, wo man natürlich nur zu Fuß hin gelangte): Vater war, nach längerer ameri­kanischer und britischer Gefangenschaft in Schleswig Holstein, während eines durch Darmstadt gehenden Gefangenentransports Richtung Süddeutschland kurzerhand in Darmstadt vom Zug abge­sprungen und hatte sich durch das total zerstörte Darmstadt hindurchgesucht, bis er zu dem Haus seiner (verstorbenen) Schwester Alice im Kohlbergweg 17 gelangte. Das stand noch, obzwar etwas ramponiert, und darin fand er den alten "Herrn Minister" (Herrn Freitag, Tante Alices Freund), Opa (Mutters Vater, Dr. Wilhelm Früchte) und Mutters jüngste Schwester Hadwig vor. Die Früchtes waren dort untergekommen, nachdem das Großvaterhaus in Wuppertal-Barmen 1944 abgebrannt war. Dort hat er wohl erfahren, dass wir in Reuenthal nahe Crailsheim gelandet waren. Vater trudelte dann um Weihnachten 46 herum auf dem Fahrrad, total abgemagert, bei uns in Reuenthal ein. Das war ein Wiedersehen!! Er hatte für uns Kinder auch was mitgebracht: Besonders erinnere ich mich an einen Holztraktor und an ein grünes Holzhäuschen, das ich sofort als "Kaserne" für meine Bakelit­soldaten einsetzte.

 Vater blieb einige Tage bei uns. Mit unserer ostpreußischen Lehrerin in Weidelbach, Fräulein Grabe, freundete er sich sofort an, und sie sprachen von Ostpreußen und der polnischen und schlesischen Heimat. Vaters Gesprächigkeit hatte unter den Kriegswirren und Hungerwochen keinesfalls gelitten. Und die Maag-Bauern hörten gespannt seinen Erzählungen zu, besonders mit dem Altbauer tauschte er Erinnerungen aus dem 1. (!) Weltkrieg aus und berichtete auch von dem Trupp russischer Gefan­gener, die er als deutscher Infanterist in den letzten Kriegsmonaten des 2. Weltkriegs, 1945, durch Nordostdeutschland – Richtung "Ami" und möglichst ohne Feindberührung mit der vorrückenden Sowjetarmee – manövriert hatte. "Wir wolen ale Ami, bitte!", flehten die russischen Kriegsgefangenen, und Vater verhinderte mehrmals unter Einsatz seines Lebens, dass diese armen Leute von den immer noch herumstreifenden Resten der Nazi-SS einfach alle umgelegt wurden. Als sie dann in amerika­nische Gefangenschaft kamen, wurden die russischen Gefangenen "freigelassen", mussten aber zu ihrem großen Entsetzen alleine wieder Richtung Sowjetarmee wandern. Später erfuhr man, dass Stalin den Befehl gegeben hatte, alle diese russischen Kriegsgefangenen zu liquidieren (also zu erschießen), denn sie seinen durch ihren langen Zwangsaufenthalt im Westen "imperialistisch infiziert".

 Es gibt immer noch wahnsinnig viel von jener Reuenthal-Epoche zu erzählen! Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass das nur 2 Jahre gewesen sein sollen, aber im Verlauf des Jahres 1947 sind wir definitiv nach Darmstadt umgezogen. Ob von dem, was noch über Reuenthal zu berichten ist, wirklich alles in das restliche erste Halbjahr 1947 passt, kann ich nachträglich gar nicht mehr beurteilen. Um mich vielleicht doch etwas kürzer zu fassen, brauche ich wieder 'ne kurze Pause.

Also, bis zum letzten Teil "Reuenthal" - alles Liebe, Christoph

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9           Darmstadt, den 18.September 2005

Hallo Ihr Lieben,

Von einem intensiven 3-Tage-Meditations-Retreat mit dem Theravâda-Mönch Bhante Ananda aus Bangalore kam ich heute aus Seidenbuch im Odenwald, vom 60. Geburtstag von Heinz kamen Gertraut und Gunther aus Kulmbach nach Darmstadt zurück in die "Fernseh-Realität", und alle hockten sich automatisch vor die Glotze: Wahltag – Schlaftag? Nein, im Gegenteil! So spannend hatten wir's schon lange nicht mehr! Stellt Euch vor, alle haben gewonnen! Es ist 20 Uhr. Schröder sagt, er werde wieder Kanzler (absolute Zahlen scheinen bei der glücklichen SPD (34,2%) zur Zeit keine Rolle zu spielen, nur die relativen, und die sehen gut aus: ca. 13% mehr als noch bei Umfragen vor 3 Wochen). Etwas säuerlich bekräftigen einige Unions-Landeschefs, dass Angela, die ehemals 100%-ige Ost-CDU-Kommunistin aus der DDR und jetzige Unions-Hauptstrategin doch zahlenmäßig (35,4 %) Kanzlerin werden müsse (obwohl die Union gegenüber den Umfragen erheblich Federn gelassen hat, ca. 10%!), – na, dann kriegen wir wohl 2 Kanzler!?  Aber bitte! Bei der letzten Wahl vor 3 Jahren wurde auch schon ein gewisser Bayer zum Kanzler gekürt, und paar Minuten später kam's dann doch anders. Die FDP, die besonders in der letzten Woche den Rachen aufgesperrt hatte, hat erstaunliche 10,0% geschluckt. Auch die Grünen fühlen sich als Sieger mit 8,1% (in der zukünftigen Opposition?!). Die einzige Gewinnerin mit 8,5%, die von allen SPD-Genossen, und natürlich von den anderen auch, eindeutig geschnitten wird, ist "die Linke" – wohl nicht wegen PDS-Gysi aber sicher wegen WASG-Lafontaine, dem eloquenten Wadenbeißer von gestern – nur dass die SPD-Größen in den Abschlussreden jetzt auf einmal ständig das Augenmerk auf die "soziale Verbesserung" lenken (!). Obwohl sich alle mit Koalitionsaussagen noch ziemlich zurückhalten – außer dass die FDP sich auf die CDU/CSU eingeschworen und die SPD der "Linken" total abgeschworen hat – spricht man bereits von einer "Jamaika-Koalition" (schwarz-gelb-grün); da muss Schröder wohl die Farbe wech­seln, um Kanzler zu werden – aber dem ist alles zuzutrauen! Übrigens, schon im "Kanzlerduell" vor 2 Wochen schien es so, dass sowohl SPD als auch CDU die wesentlichen bislang schon auf den Weg gebrach­ten Reformen gemeinsam getragen haben – also doch Große Koalition?? Dies Stichwort wird neben "Jamaika" in den letzten Minuten (es ist jetzt fast 21 Uhr) immer häufiger genannt! – Es geht jeden­falls mit dem Geschrei um die sich einpendelnden Wahlergebniszahlen zu wie an der Börse oder auf dem Gemüsemarkt einer orientalischen Großstadt. Wenn Ihr diese Email bekommt, ist Deutschland sicher schon mitten in den schwierigen Koalitionsverhandlungen. Das war jetzt eben wirklich nur ein Stundenschnappschuss.

Es fällt etwas schwer, mitten aus diesem Trubel jetzt in die Vergangenheit zurück zu steigen; ich probier's trotzdem:

9.0      Reuenthal 1945-47 (Teil 4)

 Es ging aufs Frühjahr 1947 zu. Mit der Schulklasse von Weidelbach machten wir zu Ostern oder im Frühsommer eine wunderschöne Wanderung durch die Wiesen des zauberhaften Wörniztals, in dem das mittelalterliche Städtchen Dinkelsbühl liegt. Ich war noch verliebt in Traudel. Dazu sangen wir das schöne protestantische Kirchenlied

 "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben;
  schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben."
 "Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide;
  Narzissen und die Tulipan die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide."

 "Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fleucht aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder;
  die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder."

...

 "Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis' an Leib und Seele grünen,
  So will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen."

Seitdem ist dieses Lied unauslöschliches Symbol für den Frühling und den Frühsommer in Reuenthal und Weidelbach!

 Die Frühlingszeit war für uns Kinder, die wir im Winter mit dem winzigen Kanonenöfchen auskommen und unsere Füße in der kalten Jahreszeit in diese entsetzlich starren, meist löcherigen, meist ausge­tragenen und geschenkten Schweinslederstiefel zwängen mussten, wirklich etwas Beson­deres. In der warmen Jahreszeit liefen wir, bis tief in den Herbst hinein, ausschließlich barfuß herum. Ich erinnere mich genau, daran, wenn wir an einem strahlenden Frühlingsmorgen das erste Mal diese grässlichen Kloben in die Ecke warfen und den 3-Km-Schulweg nach Weidelbach erstmalig wieder barfüßig an­traten, zwar mit schmerzenden und noch empfindlichen Füßen, aber glücklich. Nach 3 Tagen hatten wir bereits eine so dicke Hornhaut auf den Fußsohlen, dass uns das Barfußlaufen, auch über Stop­peln und Schotter, nichts mehr ausmachte.

 Als Mutter im August 1990 starb, war es völlig klar, welches Lied wir ihr auf Ihre letzte Reise mitgaben: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud..."

 Dann gab es noch einen Klassenausflug auf einem offenen Holzvergaser-Lastwagen, der alle nas­lang nachgeheizt wurde und manchmal schnaufend stehen blieb; 30 Km nach Westen, ins Hohen­lohische nach Kirchberg. Dort erstiegen wir eine Burgruine mitten in dichtem Hellgrün eines Buchen­waldes. Es war das erste Mal, dass ich mit Bewusstsein reinen Buchenwald um mich sah, denn in der Reuenthaler Gegend gab's damals fast nur Fichten, Tannen und ein paar wenige Eichen.

 Der Müller Baumann von nebenan bekam einen neuen Knecht, Rolf Kabey hieß er, war etwa 16 Jahre und sprach einen unschönen Dialekt, (später erfuhren wir, dass es Hessisch war). Er machte sich einen Spaß daraus, uns Kinder, Ulrike und mich, mit allen möglichen Drohungen und Repres­salien zu piesacken. Ulrike, die nie auf den Mund gefallen und in der Feindschaft gegen den Fritz Maag bereits geschult war, hatte nun einen neuen Feind, mit dem sie den ungleichen Kampf unver­züglich aufnahm. Einmal verfolgte uns dieser Bursche über das Brücklein bei Müllers Teich. Ulrike hatte einen Prügel in der Hand. Auf der engen Brücke holte er uns siegessicher ein. Da blieb die kleine Ulrike stehen, drehte sich um und haute ihm blitzschnell den Prügel mitten über's Gesicht. Der Rolf brach in ein gräuliches Geheul aus, und wir entkamen. Jetzt wird er sich rächen, meinten wir und überlegten, was jetzt zu tun sei. Da kam er schon um die Ecke, aber er streckte die Hände aus und rief "Friede". Wir zögerten. "Ährlisch, Friede, alles klar?" krächzte er mit seiner rauen Stimme und wischte sich das Blut von der Stirn, dazwischen lachte er. Und tatsächlich reichte er uns feierlich die Hand und meinte, das habe er noch nicht erlebt, alle Achtung! Die mutige Ulrike hatte ihm so impo­niert, dass er sich eines besseren besonnen hatte. Und tatsächlich war ab da Friede zwischen dem rauen Rolf und uns Kindern.

 Von zwei "Verwundungen" will ich noch erzählen, die uns beide, Ulrike und mich auch später ständig an Reuenthal erinnerten: Ich hatte ja zwei Seitengewehre, das amerikanische war schön scharf, und damit schnitzte ich mir die Pfeile für den selbst gebastelten Flitzebogen. Das ging einmal schief, und das Messer fuhr mir in den rechten Daumen (ich bin Linkshänder) und spaltete ihn. Mutter durfte das nicht erfahren, und so verband ich den Daumen mit Schilf. Er heilte auch trotz der starken Wunde nach vielleicht 2 Wochen; das Bisschen Eiter war nicht schlimm. Die Narbe ist heute noch deutlich zu sehen. Kurz danach kam Tante Carla zu Besuch nach Reuenthal in dem schönen Adler-PKW, den sie vom Opa aus Wuppertal bekommen hatte. Nur die rechte Glasscheibe war kaputt und klemmte. Als Ulrike neugierig an dem Auto herumspielte, schnappte diese Scheibe herunter und erwischte den Zeigefinger von Ulrike. Das sah noch wesentlich böser aus als bei mir. Aber Ulrike bestand darauf, es der Mutter ebenfalls nicht zu sagen, und wir "verbanden" wieder mit Schilf. Diesmal ging es nicht so glimpflich ab. Die ganze Tasche des braunen Mäntelchens (in dem Ulrike in Luban auf dem Schulweg sich im Dreck gewälzt hatte) war bis oben hin mit Blut gefüllt, der Finger fing an stark zu pochen, nach 2 Tagen sah die Sache bedenklich nach Blutvergiftung aus. Ich drängte Ulrike, es der Mutter jetzt doch zu sagen. Na, da gab es erst mal die unvermeidliche "Wimse", aber der Finger wurde fachge­recht behandelt. Ulrike hat aber noch viele Wochen damit zu tun gehabt. Die Sehne war angeschnit­ten. Der Zeigefinger blieb etwas verkrüppelt. Das hat sie später nach Jahren beim Geigespielen gestört.

 Vater hatte es inzwischen hingekriegt, dass im Haus Rodeck, Kohlbergweg 17 in Darmstadt Platz für uns gemacht wurde. Das war, wie er uns später erzählte, nicht ohne einige Grobheiten von Seiten Vaters abgegangen: Immerhin hatte er Anspruch auf einen Platz in dem Haus, weil es ja seiner Schwester gehörte, und erhob diesen recht unverfroren. Der Opa (Mutters Vater, zu dem unser Vater ein kriegerisches Verhältnis hatte, weil der bürgerliche Opa ihm wegen seines Schauspielerstandes die Hilma verweigert hatte, worauf er ihr umgehend ein Kind gemacht hatte, nämlich mich) wich, nicht ohne Widerstand, in die Bismarckstraße aus, wo er schon seit einiger Zeit die Augenarztpraxis des verstorbenen Dr. Schlippe führte, und Tante Hadwig, Mutters jüngste Schwester, fand in Frankfurt eine Büroanstellung. Also wurde Platz für uns im Kohlbergweg.

 Aber vorher sollte in Reuenthal noch Reginas Taufe mit einer gebührenden Feier in der weidelbacher Kirche von statten gehen. Dazu strich Vater unser kleines Zimmer in Reuenthal neu und schneeweiß an. Es ging auf den Herbst 1947. Mutter hatte Holundersaft auf Flaschen gezogen und zur Feier des Vortages der Taufe gab es ein "Festessen" mit Dampfklos und Holundersaft. Ich sehe noch, wie Vater sich feierlich an einer Holunderflasche zu schaffen machte. Da gab es einen Knall, die Holunder­flasche explodierte, und in 1 Sekunde war die einzige Tischdecke, die wir hatten, und die schöne weiße Wand blau - und wir alle auch. Eine Katastrophe! Früh am nächsten Morgen vor dem Kirchgang pinselte Ernst Maag hastig die Wände noch mal mit der restlichen Farbe über; ganz hat es nicht mehr gelangt, denn die am schlimmsten getroffene Wand sah danach mehr wie ein modernes Bild aus, und dann haben sie, glaube ich, ein Laken davor gehängt. Die Tauffeier wurde trotzdem von Pfarrer Luther unter Anwesenheit der ganzen Familie Maag zu einem erhabenen Ereignis gestaltet. Danach gab es Geschlachtetes bei Maags. Tante Carla war, glaube ich, auch von Crailsheim gekommen, und das Laken verhüllte einigermaßen die Katastrophe vom Vortag, ohne dass sich die Anwesenden beson­ders daran gestört hätten. Es war eine sehr schöne Feier. (Die letzten Holunderflecken haben wir noch Jahre später bei einem Besuch in Reuenthal lachend begutachtet.)

 Irgendwann im Herbst hieß es auch Abschied nehmen von Ursula, dem polnischen Pflichtjahrmäd­chen. Sie hatte Kontakt zu ihren Verwandten in Posen aufnehmen können. Die Luft dort sei jetzt rein, und da hielt sie nichts mehr im fremden Deutschland. - „Und in dem Wa-a-a-a-aartesaal, ja da sehn wir uns zum aller letzten Mal“ - dieses Lied ist mir noch in Erinnerung. Es war wohl um die Zeit mit Kriegsende entstanden und gab recht gut die Stimmung von Trennung und Abschied wider, die so vielen auf den kaputten Bahnhöfen Europas in den Jahren 1945-46 widerfahren ist. Ich glaube, die Bauernburschen sangen es zum Abschied für Ursula.

 Mir fallen immer noch weitere Sachen aus der Reuenthal-Zeit ein, aber ich mache jetzt Schluss. Das nächste Mal fange ich mit der Zeit in Darmstadt ab 1947 an.

Alles Liebe, Euer Christoph

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10       Darmstadt, den 21. September 2005

Hallo, Ihr lieben geduldigen Verwandten und geneigten Leser,

 Gunther (Gertrauts Bruder) hat ein paar interessante Bemerkungen zu den bisherigen "Lebensge­schichten CL" gemacht, die ich Euch nicht vorenthalten und auch gleich kommentieren möchte: Es würde, sagt er, alles geschildert mit einem gewissen Abstand, aber viele Einzelheiten. Außer einem manchmal hervorlugenden Schmunzeln sei die emotionale Seite klandestin – fast wie beim "Simpli­zissimus", meint er.

 Ei, ist doch klar, meine ich: Das Schmunzeln ist dasjenige des Beobachters, der etwas beobachtet, das längst nicht mehr "seins" ist. Emotionen hat man in dem Augenblick, in dem was passiert; Jahre (oft schon Tage) später sind diese verschwunden; das ist das Wesen von Emotionen. Was im Gehirn übrig bleibt, sind Bilder, Schatten und Prägungen, die höchstens von Emotionen begleitet sind, die nun während des "Erinnerns" oder Aufschreibens entstehen, und das sind völlig andere! Solche gegenwärtigen Regungen versuche ich zwar möglichst nicht mit den Abbildern von damals zu ver­mischen. - Natürlich macht es mir Spaß, all das aufzuschreiben (sonst würde ich's ja nicht tun) -. Ich beobachte dabei jedoch mit Vergnügen, wie die Spuren früherer Ereignisse durch das Erinnern / Schreiben neu gefärbt und leicht verschoben werden. Das ist unvermeidlich. "Wie es wirklich war", ist grundsätzlich nicht mehr festzustellen, auch wenn ich mich bemühe, möglichst nur das zu erwähnen, was ich selbst erinnere. Denn die Zeit ist irreversibel, d.h. sie hat einen "Zeitpfeil", welcher bewirkt, dass alles, was man aus der sogenannten "Vergangenheit" hoch holt, durch diesen Akt des Hoch­holens zu etwas Anderem, nämlich einem Abbildungsereignis von "JETZT" wird. - Daher übrigens auch immer mein "Vorspann", welcher auf die gegenwärtige Situation während des Schreibens hinweist.

 Entsprechendes gilt übrigens für jeden Vorgang, bei dem angeblich eine "Wiederholung" von etwas Früherem stattfindet.

 (Zum Beispiel auch bei den sogenannten Wiederholungsversuchen in der Physik!! - Jeder redliche Physiker weiß, dass das Ideal der identischen Wiederholbarkeit physikalischer Versuche zum Zwecke der Bestätigung eines vermuteten Naturgesetzes eine Illusion ist. "Naturgesetze" sind ja gedacht als Regelmäßigkeiten, die unter gleichen Rand- und Anfangsbedingungen gleich ablaufen sollen. So etwas existiert nur in physikalischen Theorien, nicht jedoch in der "Wirklichkeit", und eigentlich nicht einmal in der Theorie, denn gleiche Rand- und Anfangsbedingungen lassen sich - eben wegen der Irreversibilität des "Zeitpfeils" - niemals identisch reproduzieren, weswegen selbst in der Theorie "Naturgesetze", selbst wenn man an sie glauben würde, niemals zweimal zum selben Ergebnis führen können!!!):

 ES GIBT IN WIRKLICHKEIT KEINE WIEDERHOLUNGEN. Es gibt nur den jeweiligen jetzigen Vor­gang, der natürlich durch Früheres bedingt ist – nicht nur durch das, was man gerade "im Auge" oder "in Erinnerung" hat, sondern durch unzählige Prozesse von vorhin und von früher.

 In einer anderen Dimension (selten und überwältigend sind die Momente in dieser andere Dimen­sion!) sind alle diese Dinge gegenwärtig und "zugleich vorhanden", jedoch in der "Mind"-Dimension, also der, in welcher Menschen normalerweise agieren, wird alles im jeweiligen momentanen Vorgang neu erschaffen. In diesem Sinne ist "Erinnerung" (oder auch "Geschichte") nichts als ein Neuschaffen, natürlich auf der Basis von genügend "Bedingendem" und in der gegen­wärtigen Situation Ausge­wähltem.

 Es ist also totaler Unsinn, wenn jemand glaubt, er könne "seine Vergangenheit festhalten" (zum Bei­spiel, um sich und seinen Ruhm für seine Nachwelt oder seinen Hasenzüchterverein oder seine Nach­kommen zu verewigen). Außerdem wäre mir persönlich das ein unerträglicher Gedanke. Ich habe zwar ein gewisses Vergnügen an dem, was war, aber trotzdem bleibt es "Schrott von gestern". Habt Ihr schon mal was von "paticcasamuppâda" gehört, der 2500 Jahre alten Erkenntnis des Buddha vom "Bedingten Entstehen", die er bekam, nachdem er, von jener "anderen Dimension der Allgegenwärtig­keit aller Dinge" zurückkehrend, souverän seinen "Mind" wieder in Gang setzte? – Oder habt Ihr schon mal gehört, was, ungefähr zur selben Zeit, der antike Ionier Heraklit dazu sagte ["niemand steigt zwei­mal in denselben Fluss"]? Es ist also eigentlich überhaupt nix Neues, was ich Euch da erzähle – und doch muss man sich dessen immer wieder bewusst werden, um nicht der Illusion zu verfallen, man könne etwas als sein unveränderliches Eigentum besitzen - auch nicht die sogenannten eigenen Erin­nerungen!

 So, genug des Philosophierens! Jetzt krempele ich wieder die Ärmel hoch, lange in den "Eimer von gestern" und tue so, als holte ich dort Dinge raus, die sich so, wie sie sich jetzt anfühlen, tatsächlich ereignet hätten.

10.0Darmstadt 1947 – 1948

 Die bisherigen Vergangenheitsperioden hinterließen mehr oder weniger "holzschnittartige" Erinnerun­gen, die mir als einzelne Eindrücke in den letzten Jahrzehnten wenig verändert erscheinen. Das ändert sich ab Darmstadt 1947 etwas. Zum einen ist das ja (bis auf Unterbrechungen im Aus­land) die längste Periode, die nun beim Nacherzählen statt nach Orten nach anderen Kategorien (Schul- und Studiums- und Berufsabschnitte, Beziehungen, Familie, Kinder usw.) zu ordnen wäre, zum anderen ergeben sich durch das sich strukturierende Großhirn allmählich komplexere Zusammen­hänge, die oft nicht so einfach "der Reihe nach" aufgezählt werden können. Trotzdem stechen auch in dieser Periode einige besonders eingeprägte "Fundstücke" hervor, auf die ich mich zunächst mal stürze.

 Vom Umzug von Reuenthal nach Darmstadt selbst ist mir nur in Erinnerung, dass wir uns von den Maags und den Baumanns - und sie sich von uns - sehr emotional verabschiedeten, als sei für beide Seiten ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen, und dass, wie wir bald erfuhren, 1 Tag nach unserer Abreise die Mühle von Baumanns abbrannte.

Ich kam in die Bessunger Knabenschule (in welche Schule Ulrike kam, weiß ich nicht mehr, ich glaube aber, sie war auch in Bessungen, vielleicht die Morneweg-Schule?). Die Burschen waren ganz anders als die Kinder in Weidelbach. Es herrschte eine flegelhafte, raue Atmosphäre und, wie es mir vor­kam, eine tierische Dumpfheit in der Klasse von etwa 60 (!) Schülern. Den hessischen Dialekt fand ich scheußlich und verstand anfangs wenig von dem Genuschel der Klassenkumpanen. Am ersten oder zweiten Schultag standen sie neugierig um mich herum und wollten wissen, wo ich herkomme. Ich verstand sie schlecht und antwortete nicht. Einer schubste mich und sagte immerzu "heyer, wo bisd'n her, konnsde net redde?" - keine Ahnung, was das hieß; die anderen lachten. Als er mir die Mütze vom Kopf riss, wurde es mir zu bunt, ich drehte mich rum und versetzte ihm einen Schlag auf die Nase, die sofort stark anfing zu bluten. In diesem Augenblick kam der Klassenlehrer herein, alle zeigten auf mich, und ich kriegte gleich 2 Stunden Nachsitzen. Immerhin haben sie mich danach in Ruhe gelassen.

Der alte Klassenlehrer, Herr Müller, bemühte sich verzweifelt und meist vergeblich, dem widerspen­stigen Haufen von seinen beschränkten Kenntnissen etwas zu vermitteln. Besonders schlug er mit einer eigens dafür mitgebrachten Rute auf seinem Großneffen herum, einem Ausbund an Dummheit und Desinteresse. Fast jeden Tag fand so ein absurder Dompteurakt mit dem Großneffen statt, wäh­rend die Klasse feixte. Ich konnte dem einfachen Lehrstoff ohne Schwierigkeiten folgen und avan­cierte bald zu einer Art "Musterschüler", natürlich zum Missfallen der anderen, aber zur großen Erleichterung von Herrn Müller, der damit wenigstens einen kleinen Erfolg für sich selbst buchen konnte.

Im Schulhof krachte es in einem fort, und der aufsichthabende Lehrer hetzte von einer Hofecke zur anderen, und versuchte, den Lümmeln die Radauwerkzeuge abzunehmen. Das war damals, 1948, der große Renner: Man brach einem Schlüssel den Griff ab, spitzte ihn an und schlug ihn in ein Holz­stück. Dann wurde die Schlüsselröhre mit Streichholzköpfchen gefüllt, ein dicker Nagel kam drauf, und wenn man das geladene Gerät gegen die Mauer rammte, gab es einen herrlichen Donnerschlag. (Mit heutigen Zündhölzern ist das nicht mehr möglich, weil die Zündmasse durch einen Zusatz gegen Druck gesichert ist.)

Auf dem Schulweg mussten wir Kleinen sehr aufpassen, dass wir den "Altstädtern" nicht in die Hände fielen. Wenn sie uns erwischten, nahmen sie uns Sachen ab und verprügelten uns. Die "Altstädter" waren Jugendliche von Bewohnern der ehemaligen Darmstädter Altstadt, die ja beim Luftangriff am 11. September 1944 völlig dem Erdboden gleich gemacht worden war. Sie lebten am Stadtrand in den Hütten von Schrebergärten. In der Bessunger Knabenschule gab es auch Altstädter. Auf dem Heim­weg beobachteten wir zuerst, wo sie sich herum trieben, und schlichen dann einen anderen Weg nach Hause. Der "Krieg" mit den Altstädtern dauerte noch Jahre lang.

Zum Haarschneiden musste ich immer in die Theatergarderobe (das Theater war damals in der Orangerie, nahe der Bessunger Knabenschule) zum Friseur und Maskenbildner, Herrn Fiedler. Das war sehr interessant, ich war fasziniert von den künstlichen Bärten, und zu Fasching schenkte uns Vater "Mastix und Krepp", womit wir uns stolze Bärte formen und ankleben konnten. Einmal war Herr Fiedler nicht da, und Vater sagte, er könne mich daheim selber ein bisschen schneiden. "Ein bisschen" war gut! Vater fing erst von hinten nach vorne an mit der Schere zu schneiden, und dann von vorne nach hinten. Dummerweise blieb in der Mitte eine Stufe übrig, also noch mal - von vorne nach hinten, von hinten nach vorne. Es klappte wieder nicht, und ich wurde sehr unruhig, denn in der damaligen "Schmalztollenzeit" wäre nichts schändlicher gewesen als zu kurze Haare. Vater beruhigte mich und redete pausenlos irgendwas von "Soldatenfrisur", und dass er im 1. Weltkrieg beim Alpen­corps mal einer ganzen Kompanie die Haare geschnitten habe, und er schnippelte unentwegt weiter! Schließlich, nach einer mir endlos erscheinenden Zeit, meinte er, jetzt sei es gut, und hielt mir den Spiegel hin: Ich hatte einen grauenhaften Stoppelschnitt und war total verzweifelt. Wie sollte ich mit so was Furchtbarem in die Schule gehen!? Ach, stell dich nicht so an, ein kurzer Schnitt tut den Haaren gut, hieß es. Am nächsten Tag – es ging auf den Spätherbst zu – zog ich mir eine Mütze über die Ohren und setzte sie auch im Unterricht nicht ab. Der Herr Lehrer Müller monierte das und befahl mir, die Mütze abzuziehen. Meine Behauptung, ich hätte Ohrenschmerzen, zog nicht, ich musste die Mütze absetzen. Und da war das Debakel komplett: Die ganze Klasse brüllte vor Hohnlachen, es war die Hölle. Nachts zog ich heimlich immer an den Stoppeln, damit sie schneller wüchsen, und in den nächsten Tagen ging die Hänselei in der Schule weiter. Dadurch kam es natürlich wieder zu mehreren Raufereien, bei denen ich aber nicht so gut abschnitt, wie beim ersten Mal, denn meist lag eine ganze Traube von Burschen über mir. Klar, dass ich mir dabei wieder ein paar Stunden "Nachsitzen" einhan­delte. Daheim aber herrschte totales Unverständnis für meine Situation, und ich erzählte darüber auch nichts. So lernte ich denn, über eigene "Probleme" zu schweigen.

Jeden Morgen und jeden Abend hörten wir vom Kohlbergweg aus die Trompetensignale einer US-Ein­heit, die sich im Hochschulstadion niedergelassen hatte. Das war abgesperrt und da durfte kein Deut­scher rein. Wir drückten uns oft in der Nähe der Absperrung herum, denn die Amis hatten die Ange­wohnheit, ihre Zigaretten nur halb zu rauchen – und Amizigaretten waren, auch halb geraucht, eine Kostbarkeit. Einmal, ich weiß noch, schnippte mir ein Soldat einen prächtigen Kippen freundlich lachend direkt vor die Füße, ich hob ihn sofort auf. Da wurde mir grob der Arm auf den Rücken gedreht und ich hörte eine Altstädter-Stimme hinter mir: "Immer ählisch, geb des Ding her, klone Buve derfe net raache!" – und er entwand mir das kostbare, noch glimmende Stück und verschwand. Vater machte sich unabhängig von solchen Gelegenheitsfunden und pflanzte im Garten Tabak an. Die großen unteren "Sandblätter" wurden zum Trocknen auf den Dachboden gehängt, dann klein­ge­schnitten und mit Apfel- und manchmal auch mit Kartoffelschalen, sowie etwas Zucker oder Kunst­honig (echten gab's keinen) und anderen geheimnisvollen Zutaten zusammen in Blechbüchsen zum Fermentieren gestopft. Vater widmete sich diesem Vorgang wie einer heiligen Zeremonie und erklärte uns lang und breit die Vorzüge und Tricks des Fermentierens. Manchmal hatte er Pech mit dem "Fer­mentieren" und der Inhalt der Büchsen verschimmelte; dann hielt er einen ausgedehnten Vortrag über die Zufälle und Unwägbarkeiten in der Natur. – Überhaupt war "die Natur" damals sein Lieblings­thema, man konnte alles mit ihr erklären! (Später war sein Lieblingsthema zunehmend der Antisemitis­mus – ich komme noch darauf.) Als wir nach Mutters Tod das Haus 1991 zum Verkauf ausräumten, fanden wir noch einige dieser wie Fossilien aussehenden, mit Spinnenweben über­zogenen, völlig ergrauten Blätter aufgehängt auf dem Dachboden. Vater schenkte mir übrigens mit 14 Jahren die erste Pfeife, damit ich mir nicht das Zigarettenrauchen angewöhnte. Darin habe ich dann meist Bu­chenblätter geraucht, denn von dem geheiligten selbst hergestellten Tabak gab er mir nichts ab, und das Buchenblätterrauchen war so abscheulich, dass sich meine Rauchsucht in Grenzen hielt.

 Um nicht allzu sehr in verschiedenen Zeiten umher zu schweifen, brauche ich jetzt eine kleine Pause. Außerdem muss ich mir morgen früh ein Fußnagelbett operieren lassen und möchte ausgeschlafen und "gefasst" diesem Ereignis entgegen harren.

Alles Liebe, Euer Christoph

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11       Darmstadt, den 11. – 20. Oktober 2005

Guten Tag all Ihr lieben und geschätzten Empfänger dieser Fortsetzungsreihe.

Die Schreibpause war ziemlich lange. Inzwischen ist einiges in der Welt passiert: Gertraut hat mehrere Tage geschafft, um die Gäste unserer jährlichen Geburtstagsfeier zufrieden zu stellen. Ich war immer wieder mit dem Fahrrad unterwegs und habe mit Pinsel und Rohrfeder vor Ort "Darmstadt portraitiert".

Die beiden großen Parteien scheinen sich nach dem großen Getöse, das der (noch) amtierende Bun­deskanzler veranstaltet hat, nun etwas vorsichtiger an eine Große Koalition  heranzuschleichen. Joschka Fischer hat sich sozusagen „staatsmännisch verabschiedet" (mal sehen wie lange er das durchhält). Über das nördliche Amerika fegt ein Hurrikan nach dem anderen; es scheint fast so, als räche sich die Natur für das nicht unterschriebene Kioto-Protokoll. Es ist ganz offensichtlich, dass die globale Erwärmung schneller fortschreitet, als man bis vor kurzem noch abgeschätzt hatte. Vor 2 Tagen erschütterte ein starkes Erdbeben Pakistan, Afghanistan und das nördliche Indien. Das Deut­sche Technische Hilfswerk sitzt nur noch auf den Koffern. – Ja, offenbar gibt uns die natürliche Um­welt zu verstehen, dass ihre "Geduld" das Ende der Fahnenstange erreicht hat. Aber alle die, weit ab von den Katastrophengebieten, diese Vorfälle nur am Fernseher mitkriegen, berührt das genau so wenig wie die täglichen Verkehrsnachrichten. Da verfalle ich manchmal auf den Gedanken, dass diese komische Spezies mit den ausgearteten Vorderhirnen ihrer Individuen trotz dieser "Ausbeulung" genau so eine endliche Lebensdauer wie all die 99 % der bereits ausgestorbenen Arten haben wird, und dass sie sich noch nicht einmal einbilden darf, sie könne durch ihre Umtriebe das Leben auf diesem Planeten ernstlich gefährden. Ich glaube viel eher, dass das Leben nach Millionen Jahren, wenn kein Hahn mehr nach "uns" kräht, genau so weiter gehen wird – rauf und runter – wie in frühe­ren Erd­zeitaltern (bis halt die Erde samt ihren Nachbarplaneten von der wasserstoffausgebrannten, rot und riesig gewordenen Sonne ausgepustet wird, und zugleich die sich nähernde Andromeda-Galaxie in unserer Milchstraße ziemliche Unordnung schaffen wird – aber das ist noch sehr lange hin, ca. 5,5 Milliarden. Jahre, und dann geht's eben in anderen Regionen des Universums weiter, als wäre nichts geschehen). Dieses etwas ins "Unpersönliche" verschobene, von mir selbst aber keineswegs negativ empfundene Lebensgefühl habe ich oft. Ich hab's vor Jahren mal in einem Gedicht ausgedrückt in einer herrlichen Frühlingsnacht:

 

Auf dem Balkon, 22.05.2002, Rossdorf

Dieser Geruch des frühen Sommers -
die strotzenden grünen Blätter
des Kirschbaums
und des Apfelbaums
strömen ihn aus - jedes Jahr.
Heute aber scheint er
besonders stark, da ich
auf dem Balkon
der Nachtluft inne werde.

Dieser Geruch des frühen Sommers -
er wird wohl Millionen Jahre noch
ausgehen in die Nacht.
Dies ist ein Glück zu wissen.
Denn ich bin eingebettet
in den Kreislauf, bin ein Teil
dieses Systems, das lebt und lebt
und lachend und gelassen
seine Blätter, seine Wesen
noch wachsen und vergehen lassen wird,
wenn längst vergessen sind
die rastlosen und dumpfen Menschen.

 

 Nach dieser etwas zu groß geratenen gedanklichen Armbewegung, nun aber zurück zu meinen kleinen "Lebensgeschichten". Mittlerweile war ich mit Gunther auf einem Meditationsretreat in Öster­reich – fantastisch!! Ich muss diese Email nun schleunigst abschicken, weil die oben geschilderte Momentansituation schon fast wieder obsolet ist.

11.0Darmstadt 1949

 Zu Ostern 1949 kam ich von der Volksschule auf das Ludwig-Georgs-Gymnasium (ich glaube, wir mussten dazu eine Aufnahmeprüfung machen). Gleich im ersten Jahr (der "Sexta") wurden wir mit Latein traktiert und lernten so indirekt auch die Grundbegriffe für die Grammatik der Deutschen Sprache – die Deutsch-Grammatik baute im 2. Jahr (der "Quinta") auf den lateinischen Begriffen auf. Ich hatte kein besonderes Interesse an dieser alten Sprache. Auch in Mathematik ging es ziemlich rasch aber entsetzlich trocken voran. Ich erinnere mich noch an diese blödsinnigen Dreiecke, die der Mathe-Lehrer andauernd an die Tafel malte, und wir mussten stundenlang irgendwelche "geometri­schen Stücke" von diesen langweiligen Figuren bestimmen. Ich war nicht der einzige, dem es so ging. Der Mathe-Lehrer – Herr Hechler hieß er – hatte die Angewohnheit, unsere Aufmerksamkeit dadurch aufrecht zu erhalten, dass er, wenn der Geräuschpegel zu sehr anschwoll, sich blitzschnell von seiner Malerei an der Tafel umwandte und ziemlich treffsicher mit der Kreide herumschmiss – er traf bis in die hintersten Reihen. Meine Leistungen fielen in allen Hauptfächern schnell ab. Die einzigen Fächer, die mir Spaß machten, waren Biologie und Zeichnen. Im Zeichenunterricht war ich ständig beschäftigt, während die anderen fast alle herumgammelten. Der Zeichenlehrer, Herr Hach, bemerkte bald meinen Ideenreichtum und ließ mich ziemlich ungestört, während er die anderen zum Beispiel mit "Perspek­tive" traktierte (da brauchte ich nicht viel aufzupassen, so was war für mich selbstverständlich, wie man es aufs Papier bringt). Im Biologieunterricht war ich ebenfalls der einzige, der der Frau Dr. Widmann zuhörte. Damals ging es fast nur um die phänomenologischen Sachverhalte in der Biologie, und ich konnte meine Beobachtungen an Ameisen und anderen Insekten, sowie mein natürliches Unterscheidungsvermögen für die Gräser, Blumen, Sträucher und Bäume draußen ohne weiteres ein­bringen und bekam fast immer eine dankbare Zustimmung von der Frau Dr. Widmann. In der freien Sommerzeit gab es zum Beispiel für mich nichts Schöneres, als mutterseelenallein im Gras zu hocken und den Körperbau und das Verhalten der Ameisen zu beobachten. Ich wurde so zusagen selbst zur Ameise und mir war ihre phylogenetische Verwandtschaft zu den Wespen / Bienen / Hummeln ohne weiteres klar, man brauchte ja nur hinzuschauen, um das zu sehen. Ähnlich ging es mir mit Pflanzen­verwandtschaften (z.B. war für mich selbstverständlich, dass Klee, Ginster, Erbsen irgendwie ver­wandter zu einander waren als zum Beispiel zu Sonnenblumen, Gänseblümchen, wenn ich auch den Fachnamen der botanischen Familie nicht wusste). Als ich die Lehrerin mal fragte, woher solche Verwandtschaften kämen, und warum z.B. die Fliegen offensichtlich aus einer ganz anderen Familie seien als die Ameisen / Wespen / Hornissen / Bienen / Hummeln, da begann sie einen etwas um­ständlichen Vortrag über die sogenannte "Evolution" zu halten. Dieses Thema machte ihr jedoch offensichtlich Schwierigkeiten. Erst später fand ich heraus, warum: Sie war eine streng katholische Person und konnte die Theorie von der natürlichen Entwicklung der Arten und ihrer Abstammungs­beziehungen nicht vereinbaren mit ihren katholischen Dogmen. Sie sagte, das alles sei eine ziemliche Spekulation und treffe auf jeden Fall nicht auf den Menschen zu: Zwischen Menschen und Schim­pansen etc... gebe es keinerlei wirkliche Verwandtschaft. Dieses ihr Verhalten war mir völlig unver­ständlich: Wie könnte man so einen Schwachsinn behaupten, wenn einem die genaue Beobachtung das Gegenteil lehre. – Jedenfalls war das Thema "Evolution" damals noch ein Tabuthema und stand auch nicht im Schullehrbuch!

 Was uns damals viel mehr faszinierte als die Schule, waren die nächtlichen "Räuber- und Gendarm- Spiele", die wir Kinder vom Dachsdorf – meistens eine Rotte von weit über 10 – in den Herbst- und den Vorfrühlingsmonaten - wenn es einerseits nicht mehr so kalt war und es andererseits noch früh dunkel wurde - mit Begeisterung veranstalteten. Dazu trieben wir uns meist in den vielen Neubauten am Rand des Alten Flugplatzes herum, die sich uns, halbfertig und mit geheimnisvollen Nischen, Gewöl­ben  und Baugerüsten, als Burgen anboten. Besonders spannend war es, wenn der Bauherr unver­sehens auftauchte und sich wütend bemühte uns von seinem Grund zu vertreiben, weil bei unseren Umtrieben auch einiges in die Brüche ging. Im Herbst verursachten wir regelmäßig einen Flächen­brand mit dem trockenen Gras auf dem Alten Flugplatz; er griff auch einmal auf die Schreber­gärten über, und wir beobachteten aus unseren Verstecken heraus, wie die Feuerwehr mit Tatütata zum Löschen anrückte. Ein anderes spannendes Spiel war, sich ein paar 10-Pfennigstücke zu ergat­tern und damit Karbid zu kaufen (Karbid wurde damals zu Befeuern von Küchenöfen und besonders von Lampen verwendet, denn Strom war knapp). Mit dem Karbid und einigen Flaschen fertigten wir Bomben an: Ein kleines Stück Karbid in die Flasche, einen Schuss Wasser darauf und die Flasche mit dem Klemmverschluss dicht machen; die Flasche vor die Eingangstür eines unbeliebten Nachbarn stellen; ein großes Kriegsgeheul anstimmen und ein paar Steine an die geschlossenen Fensterläden schmeißen – und warten: Wann kommt er raus? Bevor oder nachdem die Flasche explodiert? Oder gerade in jenem Augenblick? – Das war wahnsinnig spannend! 

Man fühlte sich recht sicher, dass man nicht erwischt wurde, denn wir waren ja eine große ziemlich anonyme Rotte, und es war von den Hausbesitzern nicht leicht festzustellen, wer von den Dachsdorf­kindern gerade bei solch einer Aktion mitmachte, wer nicht. Natürlich gab es dann von der Eltern­schaft grundsätzliche Verbote. Aber dann zogen wir eben in eine andere Gegend.

Aufregend waren auch die Schlachten mit den Altstädtern. Die wohnten etwa 500 m östlich in den Schrebergärten gegen den Wald zu. Dieser Bereich war tabu für uns; wer sich nach Einbruch der Dunkelheit dort hin verirrte, kam meist mit einigen Beulen oder Schürfwunden zurück, denn die Alt­städter kannten kein Erbarmen. – Wir auch nicht, wenn wir in der Mehrzahl waren! Eines späten Nach­mittags waren sie die Stärkeren, denn sie wurden von ein paar 16-jährigen Rowdies unterstützt. Sie verfolgten uns bis in den Dachsbergweg. Ulrike konnte nicht so schnell laufen und wurde bald einge­holt. Da wandte sie dieselbe Taktik wie bei dem Rolf Kabey in Reuenthal an, stoppte und knallte einem dieser großen Rowdies ihren Knüppel über den Kopf. Wir konnten in der damit ausgelösten Verwirrung alle entkommen. Aber natürlich erwarteten wir furchtbare Rache von ihnen, und nächsten Tag hieß es sehr aufpassen und am anderen Ende des Dachsdorfs spielen, in einem der Neubauten. Aber sie schlichen sich an, und dem Dieter Thyen wurde mit einem Backstein in Loch in den Kopf verpasst, so dass er ärztlich behandelt werden musste (dabei kam heraus, dass Ursula total in Dieter verliebt war, denn sie wurde beinahe hysterisch beim Anblick des blutigen Kopfes von Dieter). --- Und so weiter und so fort... Der "Bandenkrieg" damals war ein wichtiger Bestandteil unserer Freizeitbe­schäftigung, er stärkte das "Rottengefühl" und schenkte uns "Todfeinde", wodurch Streitigkeiten und Rangkämpfe in der eigenen Gruppe auf ein Minimum reduziert wurden.

Das war auch die Zeit, in der man die Romane von Karl May verschlang – eigentlich die einzige Literatur, die mir behagte. Sie spiegelten sehr genau unser damaliges "Räuber und Gendarm" – Lebensgefühl wider. Was man in der Schule so zum Lesen aufbekam, war uninteressant. Ich habe fast nie solche Lesehausaufgaben gemacht und sackte auch in Deutsch ab.

Bis bald wieder. Alles Liebe, Christoph

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12       Darmstadt, den 30. Oktober 2005

Hallo Ihr Lieben, die Ihr zur Zeit fast alle ziemlich weit weg seid (Kerala, Guadalupe, Freiburg,...). Ich habe das Bedürfnis, mit Euch zu schwätzen. So hoffe ich, besser Anlauf zu nehmen für den nächsten Absatz der "Lebensgeschichten-CL", die nun mal angefangen sind und deshalb auch ordnungsgemäß weiterzuführen und abzuschließen sind. -- Abzuschließen? – so ein Unsinn! Das geht wohl nicht. Stellt Euch vor, Ihr kriegt eines Tages 'ne Mail von mir: ".... und damit, liebe Freunde, sind meine Lebensge­schichten abgeschlossen. Herzlichen Gruß, bis zum... – äh, ein Nächstes Mal darf es demnach nicht mehr geben." Da würdet Ihr natürlich sofort eine schwarz umrandete Kondolenzkarte schicken, und ich müsste jemanden beauftragen, sich in meinem Namen dafür zu bedanken. Ja, ich wär’ doch total aufgeschmissen! - Schließt seine Lebensgeschichten ab und kann sich danach noch nicht mal selber bedanken!

Also, so ein Quatsch!! --- Auf den bin ich nur gekommen, weil mir das Schildern irgendeiner tages­politischer Momentansituation als Vorspann, (den ich mir ja immer vorgenommen habe), derzeit zum Hals raus hängt. In der angehenden "Großen Koalition" fallen sie auf beiden Seiten reihenweise um und entdecken Gemeinsamkeiten, die bislang nie vorhanden gewesen zu sein schienen. Und dage­gen gibt es noch überhaupt keine gescheite Opposition. Die müssen sich erst mal die Augen reiben und hinsehen, mit welchen diversen Typen aus 3 Fraktionen sie da gemeinsam Opposition betreiben sollen! – Das geht doch gar nicht!

Daher macht es für mich zur Zeit überhaupt keinen Sinn, da etwas Schlaues zu weissagen. Punkt.

Für die Vernissage "Christoph malt Darmstadt" am 2.11.05 im Pädagogkeller im La Java ist alles vorbereitet, nur die letzten Bilder müssen noch aufgehängt werden, das ist recht umständlich in dem krummen, unverputzten Kellergewölbe; gehöre schon fast schon Personal in La Java.

12.0Darmstadt 1950/51

 Im LGG (Ludwig-Georgs-Gymnasium) wurde ich gerade noch in die Quinta versetzt (= 2te Gymna­siumsklasse zur Erläuterung für Nichthumanisten), allerdings mit einem drohenden Begleitschreiben an meine Eltern, "wenn er so weiter macht, sehen wir keine Möglichkeiten....". Darauf gab es ein ernstes Gespräch mit Vater, und der tönte etwas von "... wenn es nicht besser wird, nehme ich dich von der Schule und stecke dich in eine Maurerlehre". Das war alles. Ansonsten ging's weiter wie bisher, ich wurde immer lustloser. Jetzt kam auch noch die zweite alte Fremdsprache, Griechisch, hinzu. Wir hatten eine arme Lehrerin in diesem Fach, die mit dieser Klasse total überfordert war, die Sarah. Sie stampfte immer von einem ihrer kurzen Beine auf das andere, hob den Zeigefinger und begann, griechische Verben zu konjugieren. Das sah so entsetzlich komisch aus, dass die ganze Klasse brüllte vor Lachen. Ich schrieb nur noch Vieren und gegen Jahresmitte hagelte es sogar einige Fünfen. Es schien so zu sein, dass die Lehrer, die im allgemeinen nicht viel untereinander kommuni­zierten, doch aber die Notengebung der Kollegen irgendwie mitbekamen. Und Fünfen scheinen ansteckend zu sein. Also schrieb ich auch Fünfen in Fächern, wo ich es nicht erwartet hatte. In Mathe bekam ich einen langweiligen Studenten als Nachhilfelehrer, der es nicht verstand, an meine Not im Matheunterricht anzuknüpfen, sondern versuchte, mir völlig abwegiges Zeug beizubringen. – Außer­dem roch er aus dem Mund, und das verursachte bei mir eine zusätzliche Abneigung, in den Nach­hilfeunterricht zu gehen. Ich verkroch mich meist, verschlang heimlich einen Karl-May-Band nach dem anderen und heulte, im Klo eingeschlossen, über Winnetou's Tod.

 Im Sommer wurden wir, Ulrike und ich, nach Reuenthal in die "Sommerfrische" (wie die Eltern immer noch sagten) geschickt und mussten ziemlich bei der Heuernte schuften. Ich musste oft den Gäulen die Stechbremsen von den Nüstern wehren und wurde einmal von dem missgelaunten "Roten" (einem Riesengetüm von Ackergaul) am Nacken gepackt und durch die Luft gewirbelt. Zum Schluss tat der Altbauer recht geheimnisvoll und großzügig und überreichte uns für 5 Wochen Schuften ein Fünfmark­stück.

 Zu Weihnachten kam ein "Blauer Brief". Dann aber erlöste mich eine Grippe vom Schulgang und ich durfte im Bett bleiben. Das zog sich Wochen lang hin, denn ich achtete darauf, dass das Fieberther­mometer nie unter 38 °C ging. Außerdem hatte ich es raus entsetzlich zu husten, so dass man an­nahm, ich hätte Keuchhusten. Diese Annahme gefiel mir sehr, und ich bemühte mich, sie aufrecht zu erhalten. Es war wie im Paradies. Ich malte ein riesiges Schlachtenbild. Für die Burg stand der Otz­berg Pate, den wir im Sommer mit den Fahrrädern mehrmals besucht hatten. Es wurde das schön­ste und größte Schlachtenbild, das ich jemals hingebracht habe. Es war aus mehreren DIN A4 Blätter zusammengeklebt und erreichte eine Breite von ca. 90 cm. Irgendwann überwachte meine Mutter das Fiebermessen selbst, und bald ging die Körpertemperatur notgedrungen auf unter 37°C runter. Und da musste ich wieder in die Schule.

 Damals war das humanistische LGG noch in der Schulinsel untergebracht, zusammen mit den Real­schulen, und wir hatten Schichtunterricht, d.h. eine Woche waren wir "Humanisten" vormittags dran, die Realschüler nachmittags, und die nächste Woche war es umgekehrt. Wenn wir vormittags dran waren, gab es bei Schichtwechsel regelmäßig eine Keilerei mit den "Realern", dabei schickten wir immer den Borenzky vor und stellten uns hinter ihn. Dieser Bursche hatte eine große Freude daran, die Realer zu verprügeln, es war wie in einer Boxkampfarena. Ich fuhr immer mit dem Fahrrad von Kohlbergweg aus durch die Ruinenstadt und stellte es in der Bismarckstraße bei Opa, dem Augenarzt, Mutters Vater, ab. Manchmal besuchte ich nach der Schule auch den sehr schweigsamen Mann. Er las entweder Schopenhauer oder das Börsenbuch, das nach der Währungsreform (1948) heraus­gebracht wurde. Da der Opa trotz Währungsreform etwas Vermögen übrig hatte, legte er es in Aktien an und wurde mit der Zeit sehr erfolgreich damit. Ich hatte Interesse an diesem stillen, geheimnis­vollen Gelderwerb, und er schenkte mir – nicht den Schopenhauer, sondern – ein ausgedientes Börsenbuch, wo ich zumindest die Namen der einschlägigen Aktiengesellschaften kennen lernte. So konnte ich später meinen Vater rechtzeitig vor einem Börsenkrach warnen (der fand übrigens auch damals im September statt!). Vater nahm das aber nicht wahr, verkaufte seine wenigen Papiere nicht und verlor dadurch erheblich. Opa hingegen hatte rechtzeitig verkauft. Ich machte meinem Vater nach dem Börsenkrach Vorwürfe und verwies auf Opa, aber da hatte ich das falsche Argument erwischt, denn Vater war nie gut auf Opa zu sprechen, sondern nannte ihn einen Spießbürger. Nein, ein Geschäftsmann war mein Vater nicht. Die einzige Großtat seines Lebens in dieser Hinsicht war, noch kurz vor der Währungsreform, mit einer kleinen Reichsmark-Erbschaft von Mutter die Hypothek des Hauses Rodeck abzulösen. Vater hatte sich mit den Angestellten der Hypothekenbank irgendwie durch einen großen Räucherschinken (damals eine unvorstellbare Kostbarkeit, keine Ahnung, wo er ihn her hatte) gutgestellt.  Durch diese Hypothekenablösung erreichte er bei seinem reichen Bruder Erich, der das Haus ja finanziert hatte, das Zugeständnis, dass das Haus jetzt uns gehörte.

Mir fällt auf, dass mein Vater bei den bisherigen Schilderungen nicht so gut wegkommt. Da muss ich etwas genauer drauf eingehen, es relativieren. Wenn wir was pexiert hatten, gab's zwar manchmal noch Hiebe, aber immer seltener. Schade, denn die Hiebe machte nicht viel und war gut für die Durch­blutung. Statt dessen gewöhnte sich Vater an, stundenlange Vorträge zu halten, während deren er immer wieder fragte "warum habt ihr das-und-das gemacht"; meist konnten wir darauf nichts Passen­des antworten, oder die Antworten, waren ihm zu fadenscheinig, und darauf hin ging sein Monolog von neuem los. Manchmal fragte Mutter, "was ärgerst du dich immer so sehr über die Kinder?", und da sagte er meist: "Ich ärgere mich nicht, ich rege mich nur auf, weil die Kinder nicht sagen, warum sie (das-und-das) gemacht haben!" - Und dann folgte wieder ein halbstündiger Monolog über uns, seine unermüdlichen Bemühungen zum Wohle der Familie, und dass er seine Schauspielerkarriere aufge­geben habe, um uns ein bürgerliches Leben zu ermöglichen, sowie über Gott und die Welt – und besonders und unvermittelt ging er immer wieder dazu über, uns vom Stalinistischen Bolschewismus und der „Gefahr aus dem Osten“ zu predigen. Das war viel anstrengender, als die paar Klapse auf den Hintern, besonders diese Aufgeregtheit und die allge­meinen Sprüche, die uns in keiner Weise eine Richtung angaben, wie wir es das nächste Mal besser machen könnten.

Vater konnte aber auch ganz anders sein. Bei einem Waldspaziergang mit mir im Herbst blieb er auf einmal stehen; nur die Bäume rauschten und man hörte die Blätter fallen. Lange blieb er stehen, und wir horchten in den Wald. "Hörst du den Wald?", sagte er leise, "das ist die Musik Gottes". Dieser Augenblick ist unauslöschlich in meinem Inneren und hat eigentlich mein gesamtes Lebensgefühl bestimmt – auch heute noch. Vater hasste die Priester und alles, was mit institutioneller Religion zu tun hatte. Er las uns oft aus der Bibel vor und interpretierte die Bibelworte auf seine Weise. Dazu benutze er meist Worte von J.W. von Goethe "Geschrieben steht: 'Im Anfang war das Wort' ...Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. ... Es sollte steh’n: Im Anfang war die Kraft...". – Faust's Über­legungen [FAUST I, n.d. Osterspaziergang] gehen noch weiter, aber "Kraft" war das Stichwort für Vater (heute würden wir sagen "Energie"), die "Kraft" war für ihn die Quelle allen Seins, ja, das Gött­liche schlechthin. Vater war in diesem Sinne tief religiös, aber er verachtete die Priesterreligionen, sie waren für ihn nichts als Machtinstrumente zur geistigen Beherrschung von Menschen. Merkwürdig: Wenn ich heute Osho (Rajneesh) lese, kommt es mir oft vor, als hörte ich Worte von Vater. Vater war (wie Osho) ein Anarchist im echten Sinne [an-archein (griech.) = nicht herrschen]. Nur fehlte ihm die Gelassen­heit: Alles was ihm wichtig war, wurde mit großer Emphase ausgedrückt. Meine Mutter sagte immer, er spielt andauernd Theater, auch in der Familie (selbst als er 1970 im Sterben klag, erschien das meiner Mutter als „Theater“!). Die Familie war für ihn ein Forum, in dem er "laut dachte": So ent­wickelte er zum Beispiel bei Tisch am Sonntagsmittagessen über Stunden hinweg zunächst unsinnig erscheinende Ideen, aus denen dann aber plötzlich große Weisheiten hervorlugten.

 Wann er eigentlich seine Rollen auswendig gelernt hat, habe ich nie rausbekommen. Ich habe ihn nie "lernen" sehen.

 In die Quarta (3. Gymnasiumsklasse) gelangte ich so gerade noch. Aber noch vor Ende des 2. Schul­halbjahres, etwa im Februar 51, wurde es offensichtlich, dass ich wegen meiner schlechten Leistun­gen nicht versetzt würde. Sogar in Sport war ich miserabel, denn "Leichtathletik" (Rennen, Weit­sprung, Ballwerfen,...) waren nicht meine Stärken, ich war einfach zu langsam beim Laufen; aber Schwimmen und Turnen – was ich gut konnte – waren noch nicht auf dem Programm. Vater führte mehrere Gesprä­che mit verschiedenen Lehrern, und eines Tages führte man mich einfach in eine andere Klasse zurück in die Quinta. Na, da war der Druck erst mal weg, die Klasse war angenehm und ich kam drum herum "sitzen zu bleiben", sondern war "freiwillig" ein Schuljahr zurückgegangen. Mein Fleiß hielt sich jedoch in Grenzen. Ich hatte zum Beispiel eine Art "Lesehemmung". Wenn Text (in Deutsch oder in Latein) zu lesen war und einer nach dem anderen dran kam, und es hieß "Lübbert, weiterlesen", bekam ich einen Klos in den Hals und brachte nix raus – bis das erlösende Kommando "weiter, der Nächste!" kam. Nur in Zeichnen und Biologie wurde ich immer besser.

Morgen früh hole ich Gertraut vom Flughafen ab, sie kommt aus Kerala zurück.

Bis bald wieder. Ciao Christoph

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13       Darmstadt, den 20. September 2006

Ihr Lieben,

mal ´nen Tag frei von der Maloche – ach  da waren ja die „Lebensgeschichten“, die ich seit Monaten weiterschreiben wollte! Welche Maloche? Na wir haben doch diese Wohnung angeschafft, ursprün­glich für Sebastian, aber dem ist sie zur Zeit noch zu teuer, und da teilen wir sie auf und wollen sie vermieten, und da gibt es furchtbar viel zu renovieren.... – Aber alles der Reihe nach!

„Bis bald wieder“ schrieb ich in der letzten Email dieser Lebensgeschichten, das war irgendwann Ende Oktober voriges Jahr! Inzwischen hat sich einiges ereignet, das ich kurz mal durchgehen will – nichts Weltbewegendes aber dem Rahmen unseres Rentnerdaseins angemessen. Anfang November 2005 hatte ich meine erste Vernissage im La Java. Klasse Stim­mung. Viele, von denen ich es nicht erwartet hätte, waren gekommen. Habe mich beim Verkauf gefühlt wie auf dem Marktsplatz. Habe zuerst eine ganz kurze Ansprache gehalten, wie ein Mathematiker zu so 'ner Tätigkeit kommt, und gut verpackt paar kleine esoterische Sprenkel eingebaut, welche die Leute an­standslos geschluckt haben, -- und danach auf die sehr moderaten Preise hingewiesen. Etwa 70% der Unkosten sind durch Verkauf von 4 Originalen und etwa 10 Kopien abgedeckt. Zuerst wollte ich ja gar nichts wissen vom Verkauf von Originalen, aber Gertraut hatte mich überzeugt "... wohin sollen denn Deine Söhne mit all dem Zeug, das Du ihnen vererben willst...". Außerdem werde ich mit dem Skizzieren immer besser, und es kommt mir ja doch auf den Malprozess an und weniger auf die Ergebnisse. Jetzt ist die ursprüngliche Abneigung ins Gegenteil umgeschlagen, und ich bin dem Bilderverkaufen nicht mehr abgeneigt.

Sogar der jetzige Chef meiner früheren Firma war da, und – interessanter Beziehungsklüngel – die geschiedene Frau meines damaligen Firmenchefs hat einen Flirt mit Günter Schössler angefangen (das ist der befreundete um die Ecke wohnende Architekt, der Gertraut in den Jahren der Trennung "getröstet" hat); - ich traute meinen Augen nicht als sie (die ehemalige Cheffrau) sich an ihn kuschelte! Ulli, ein mit Günter verfeindeter Architekt, bei dem wir wöchentlich zum gemeinsamen Zeichnen zu­sammenkommen, meinte, der Günter sähe aber schlecht aus. Ich: "da hast du nicht richtig hingeguckt, dem geht’s prächtiger als je zuvor, jedenfalls prächtiger als dir!". – So 'ne Vernissage ist also zu noch mehr gut als nur zum Bilderausstellen und eine herrliche Gelegenheit für Tratsch!

Inzwischen habe ich Ende März bis Anfang Mai 2006, zusammen mit einer Gruppe von 6 weiteren Maler/Innen wieder eine Ausstellung gehabt: Im Hofgut Guntershausen bei Stockstadt am Altrhein, in sehr schönen Räumen des für diese Zwecke hergerichteten ehemaligen Gutsverwaltungs­hauses.

Am 10.11.05 hat Sebastian an der HfG Offenbach mit einer bravourösen und sehr witzigen Präsen­tation seine Diplomarbeit abgeschlossen. Im Februar kam er stolz und glücklich an: Eine Eins „mit Auszeich­nung“ hat er gekriegt! Wir sind sehr stolz auf ihn. Er hat viel zu tun und meint, mit so einem guten Ergebnis hätte er gute Bewerbungschancen. – Aber er hat schon so viele Kunden, dass er wohl vorerst als Alleinunternehmer weitermachen wird.

Vom 14.12.05 bis 10.01.06 waren wir alle bei Felix in Guadeloupe (franz. Antillen). Sebastian blieb nur bis zum 29.12., weil er Sylvester mit seinen Freunden in Darmstadt feiern wollte.

Dort ist es nachts und tags immer gleich warm, ca. 27 Grad. Es regnet viel. Ich habe paar Aquarelle vom Tropenwald und von den Küstenstreifen gemacht. Die Bergbäche sind fantastisch zum „Wasser­wandern“, fast noch schöner als das Meer. Der Tropenwald beherbergt eine unendliche Vielfalt an Pflanzen. Es gibt riesige Farnbäume. Ein "Baum" ist nicht einfach ein Baum, sondern er ist Wirt von unzähligen anderen Pflanzen wie Orchideen, Moosen, "Elefantenohr" (mit riesigen Blättern). Wilde Tiere gibt es kaum, auch wenig Vögel, die sind alle sehr klein, z.B. schwirren überall Kolibris und Minifinken herum. Unter den großen wilden Bananenblättern sitzen Wespen, die ziemlich unange­nehm stechen können. Moskitos gibt es auch die Menge. Ebenso: traumhafte Strände und fischreiche Korallenbänke. Felix hat für uns fast jeden 2. Tag Fische erlegt zum Abendessen. Um 18h ist's schon stockdunkel. In einer Felsenbucht haben wir gebadet, die von 80°C heißen thermischen Quellen gespeist wird, das heiße Wasser mischt sich mit dem Meerwasser, so dass es mal heiß, mal etwas kühler ist.

Die Creolen (die Nachkommen der ehemaligen Sklaven aus Afrika) versteht man nur schlecht. Sie sprechen einen Mischmasch aus Französisch, gespickt mit ein paar englischen Worten und einigen Brocken aus afrikanischen, sowie Antillen Dialekten. Das ganze wird aber ziemlich anders ausge­sprochen (z.B. "w" statt "r").

Die andere Seite: Guadeloupe ist ein französisches Departement. 25% Arbeitslose, die alle von einer wohl dotierten Sozialhilfe leben. Preisniveau fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Die EU steuert kräftig dazu bei, und die Europäer müssen die teuren Bananen von dort kaufen. Ein ziemlicher Luxus, den sich Frankreich (auf EU-Kosten) da leistet. Die Nachkommen der ehemaligen schwarzen Sklaven – zu einem beträchtlichen Teil Staatsangestellte irgendeiner mehr oder weniger sinnvollen Verwaltung (was es auf dieser verschlafenen Tropeninsel eigentlich zu verwalten gibt, blieb mir ein Geheimnis). Produziert wird wenig. Tourismus gibt's wenig, natürlich wegen des zu hohen Preisniveaus. Auf Cuba oder Dominique kann man's 3x billiger haben.

Schon am 19. Januar kam Felix zu uns nach Deutschland und wohnte bis Anfang Mai bei uns. Die Beziehung mit seiner spanischen Freundin ist vorbei, sie bleibt auf Guadeloupe. Vielleicht hat unser Besuch dazu beigetragen, diese Beziehung, die schon paar Monate für beide recht anstrengend gewesen sein muss, „in aller Ordnung“ und einigermaßen friedlich zu beenden.

Wir waren sehr glücklich, dass wir für eine Zeit unsere beiden Buben so nah bei uns hatten! Felix war sehr fleißig mit dem Schreiben von Bewerbungen, allerdings hatte er keine Lust auf eine Anstellung in Deutschland. Im Mai ist er wieder nach Málaga, und hat einen zeitlich begrenzten Job bei seiner ehe­malige Buchinger Klinik in Marbella.

Wir haben im April das Haus in Rossdorf an die ehemaligen Mieter verkauft. Und ich hoffte, mit dem Erlös ein finanziell etwas entspannteres Rentnerleben zu haben. Wir gingen erst mal auf Reisen nach Regensburg (Cousinentreff), Bad Birnbach (Kurbad) und Coburg (Treffen unserer Malser Gruppe), und ich leistete mir im Juni ein fantastisches Meditationsseminar mit Michael Barnett in der Nähe von Schwäbich Hall.

Aber Gertraut wollte für einen Teil des Hauserlöses eine Wohnung für Sebastian anschaffen. Nach wochenlanger Suche fand sie hinter dem Woog am Ende der Heinrich-Fuhr-Str. 73, direkt gegen­über dem Botanischen Garten eine Wohnung in toller Lage – stolzer aber angemessener Kaufpreis – und wir meinten, Sebastian könne dort mit seinen Kumpanen einziehen. Aber die Räumlichkeiten eigneten sich nicht für 3 – 4 Singles. Und wir ent­schlossen uns, daraus 2 vermietbare Wohnungen zu machen. Das Haus ist Baujahr 1938, und täglich fanden wir neue renovierungs­bedürftige Stellen, und von allen Seiten der Familie und der lieben Freunde kamen Vorschläge, was noch alles zu sanieren und umzu­bauen sei. Ich kriegte es mit der Angst zu tun, dass weit mehr als der Erlös des Rossdorfer Hauses dabei drauf gehe; dann würden wir mit unserer Rentner-Finanzlage vom Regen in die Traufe kom­men! Ich stellte erst mal eine Prioritätenliste auf und leistete 2 Wochen lang harte Kosten­schätzarbeit. Schließlich Mitte Juli – nachdem Gertraut von ihrer Traum­reise entlang der Seidenstraße zurück war – kratzten wir aus allen möglichen Ecken finanzielle Mittel zusammen und machten einen Familien­beschluss, wer was beisteuern sollte; mit einer „harten Ober­grenze“ für die Renovie­rungs­ausgaben; die Wünsche unter dem „roten Strich“ mussten erst mal aufgegeben werden. Und dann ging’s los: Das wichtigste war, so viel als möglich in Eigenleistung zu schaffen, denn Handwerker-Lohnkosten konnten wir uns nur bei Arbeiten leisten, die wir auf keinen Fall selbst machten konnten: Täglich bin ich oft weit über 10 Stunden auf dem „Bau“. Die ersten Wochen half mir Sebastian kräftig – die bis dahin noch wohnlich aussehende Wohnung (1. Ober­geschoss und Dachgeschoss) verwan­delte sich zusehends mehr in eine Baustelle. Dann bekam Sebastian wieder Aufträge herein und ich wurstelte zunächst frustriert und bei glühender Sommerhitze alleine weiter (wir hatten diesen Sommer im Juli 4 ungewöhnlich heiße Wochen an einem Stück!). Aber im August bekam ich einen ausgezeich­neten Helfer: Vlado. Der ist ein Rentner  „vom Fach“ und er entwickelte sich bald zu einer unverzicht­baren Stütze mit vielen praktischen und einfachen Lösungsvorschlägen.

(Zwischendurch half ich noch der Lilli, der Stifterin einer Buddhistischen Begegnungsstätte in Linden­fels, für einen jungen Mönch aus Sri Lanka ein Langzeitvisum zu erreichen und die damit verbun­denen langwierigen Formalitäten und Bedingungen zu erfüllen – viel Schreiberei und Verhandlungen.)

Heute hab ich mal Zwischenbilanz gezogen, und wie es jetzt aussieht, werden wir wohl bei fort­gesetzt intensiver Eigenarbeit die „harte Obergrenze“ der Renovierungskosten hoffentlich nicht überschreiten. Na, vielleicht im Novem­ber wird’s fertig: Zwei Teilwohnungen zum Vermieten.

Mit Malen in Deutschlands Sommergegenden ist dieses Jahr deswegen natürlich nichts mehr drin.

Der Vorspann ist länger geworden als der nun folgende Hauptteil. Das kommt davon, wenn man so lange aussetzt.

13.0Darmstadt 1951 – 52

Ab dieser Zeit fängt die Erinnerung an, erhebliche Lücken aufzuweisen. Es kann sein, dass das Leben etwas komplexer wurde; es kann auch sein, dass das mit der einsetzenden Pubertät zusammenhängt, wo man nachträglich viele Sachen verdrängt. Ich fange einfach mal an, ohne mir Gedanken zu machen, ob ich es richtig und in richtiger Reihenfolge wiedergebe.

Von den politischen Verhältnissen bekamen wir Kinder wenig mit, die „Ostzone“ war noch nicht total abgeschottet, die „Mauer“ noch lang nicht gebaut, der Kalte Krieg noch nicht allzu sehr eskaliert, die angehende Bundesrepublik fest in „schwarzer“ (= christlich-sozialer) Hand unter Adenauer, und alle waren ausschließlich damit beschäftigt, die restlichen Trümmer wegzuräumen und sich ein etwas besseres Leben zu erschuften.

Die „Omi“, Vaters Mutter, die bei der Flucht zusammen mit ihrer alten Mamsell in Mitteldeutschland (der damaligen „Ostzone“), in Neu-Rupin, geblieben war, ging auf die 100 Jahre zu. Sie hatte zwei Jahre zuvor einen Sturz mit Schenkelhalsbruch überlebt, konnte nicht mehr gehen und saß im Roll­stuhl. Onkel Erich und mein Vater kamen überein, dass sie zu uns in den Kohlbergweg übersiedeln sollte. Dafür spendierte der Onkel Erich den Ausbau der Terrasse zu einer geschlossenen Veranda. Ohne diesen  Zusatz­raum hätten wir Schwierigkeiten mit der Unterbringung gehabt, denn immerhin wohnten neben uns 5 Lübberts im Parterre (Vater, Mutter, Ulrike, Regina und mir) auch noch der „Herr Minister“, Hans Freitag, Gesandter a.D., der ehe­malige Lebenspartner von Tante Alice, nebst seiner Haushilfe, der Frau Brom­mer, im Haus. Er hatte mit seinen vielen Möbeln das ganze Obergeschoss belegt (bis auf ein kleines Kinderzimmer, in den wir alle drei Kinder schliefen). Ende 1951 oder Anfang 1952 (?) wurde dann die Übersied­lung der Omi vorge­nommen. Die Ostzonen­behör­den ließen die 99-Jährige ohne weiteres ausreisen. An der Grenze, so erzählte Vater, kam es zu einer Situationskomik, als die Pässe gezeigt wurden. „Wo is denn det Kind“, fragte der Ostzonen-Grenzer. Man deutete auf die Omi. Er hatte statt „1852“ als Geburtsdatum im Pass „1952“ gelesen und fiel auf den Rücken vor Erstaunen, als er die fast 100-jährige Dame hinten im Auto sah. So ein Alter war damals noch eine große Ausnahme. Da gab es ein großes Hallo, das Auto wurde nicht weiter gefilzt, und die Grenz­beamten verabschiede­ten die Omi mit Gejohle aus der Ostzone.

Omi bekam eine dralle 16-Jährige als Pflegerin – Inge Wesch hieß sie. Sie kam immer mit dem Fahr­rad, hatte schwarzes Haar, einen aufreizenden, großen, weißen Busen mit ein paar noch aufreizen­deren Pickeln darauf und redete in ausgesprochen ordinärem Bessunger Dialekt. In mir regten sich zum ersten Mal die sexuellen Begierden, welche die Inge mit verschleiertem Blick und neckischem Grinsen zur Kenntnis nahm.

Omi lag meist im Bett, wenn sie nicht im Rollstuhl saß. Manchmal erzählte sie von der Zeit in Posen, und wir Kinder hörten gespannt zu. Manchmal war sie aber auch tagelang altersverwirrt, und mein Vater musste nachts bei ihr im Zimmer schlafen und aufpassen, dass sie nicht aus dem Bett fiel. Einmal, es war im Hochsommer Sommer 1952, und der Vollmond spiegelte sich im halboffenen Fenster, schrie sie nachts, „Martin, Martin! In der Scheune ist ein Großbrand ausgebrochen.“ Mein Vater beruhigte sie „Das ist der Mond, der sich im Fenster spiegelt“ – sie bestand auf dem „Groß­brand“. Da ging Vater zum Fenster, schwenkte den Fensterflügel mehrmals vor und wieder zurück und sagte sanft: „Mutterle schau: Großbrand weg, Großbrand wieder da, Großbrand aus, Großbrand ein“. Sie schaute ihn etwas misstrauisch an, war aber dann doch so erschöpft von ihrer Aufregung, dass sie zum Glück einschlief. Ja, Vater und Mutter hatten zu der Zeit etwas Stress mit der alten Dame. Sie musste unbedingt am Leben erhalten werden, denn der ganze Familienklan bestand darauf, im November 1952 gemeinsam ihren 100. Geburtstag feiern zu können.

So gab es denn auch bis November häufig Besuche von Onkel Erich. Er fuhr in seinem stattlichen Mercedes 300 vor, und wir Kinder waren ganz wild darauf, mit dem Chauffeur eine Runde in dem vornehmen Auto fahren zu dürfen.

Der 13. November war sehr aufregend. Der Klan der Lübberts war sehr umfangreich. Es kamen schätzungsweise 50 – 70 Personen aus allen Teilen Deutschlands und auch aus Süd- und Südwest-Afrika und aus Kanada. Heute ist mir schleierhaft, wo die während der Geburtstagsfeier eigentlich alle im Haus herumstehen oder sitzen konnten. Es gab einen reichen Klanteil – die Nachkommen von Onkel Erich – und einen weniger reichen Klanteil – die Nachkommen von Onkel Alfred (beides ältere Brüder meines Vaters) nebst den meist ebenso reichen bzw. ebenso armen Angeheirateten und zum Teil ihren Kindern. Der etwas weniger reiche Klanteil war mir wesentlich sympathischer, wir gehörten auch dazu. Die Reichen machten keinen Hehl aus ihrem Reichtum, führten merkwürdige und zum Teil etwas abfällige Reden über die Ärmeren, stellten hanebüchene Behauptungen über rassenbedingte Unter­schiede in den Sozialschichten auf, sprachen von der erfolgreichen Aufzucht ihrer Nachkommen, als handelte es sich um Pferdegestüte, und ließen dabei ihre Diamantringe blitzen. Ich erinnere mich, dass ich schließlich nach oben ins Kinderzimmer ging, weil mir das Geschwätz zuwider wurde.

Als der Rummel vorbei war, verfiel die Omi zusehends und versank oft Tage lang in ihren Erinne­rungsphantasien „von früher“, nämlich aus der Zeit auf den schlesischen Landgütern ihrer Eltern und in Posen. Eines Nachmittags – sie bewegte gerade ihre dürren Greisenhände in der Luft und ordnete virtuelle Gardinen – schaute sie plötzlich zur Seite und rief energisch: „Also bitte, mein Herr, lassen Sie das gefälligst!!“ Als Vater nachfragte, bat sie ihn, den Herrn aus dem Haus zu weisen, denn er nähere sich ihr andauernd unsittlich.

Eines Sommermorgens 1953 kam Inge Wesch in die Küche: „Isch glaab die is dot, die riehrt sisch nemmeh,“ und tatsächlich: Omi war friedlich für immer eingeschlafen. Da gab es dann wieder ein fast so umfang­reiches Klanfest wie am 100. Geburtstag – das letzte seiner Art im Hause Kohlbergweg.

Alles Liebe, Christoph

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14       Darmstadt, den 3. Januar 2007

Ihr Lieben, may you all be happy in 2007. „To be happy“ bedeutet für mich:

-          nicht zu träumen;

-          die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen und gehen;

-          das Große Spiel (leela) mitzumachen, ohne sich allzu sehr verwirren zu lassen;

-          zu wissen, dass alles, was entstanden ist, auch ein Ende hat – auch dieses System, das momentan „mich selbst“ konstituiert; (das ist zwar eine ziemliche Trivialität, aber – wer hat sie schon in allen Vorgängen verinnerlicht??)

-          zu wissen, dass, wenn mir Ärger aufkommt, dies nicht das Geringste mit einer anderen Person zu tun hat. Es ist „mein“ Ärger, und er gibt mir Gelegenheit, nachzuforschen, in welcher Schicht meiner „Persönlichkeit“ er sein Unwesen treibt; (wenn du es gefunden hast, wirst du in das Große Gelächter ausbrechen!)

-          Keine Erwartungen und keine übertriebenen Wünsche zu kultivieren (denn sie generieren nur neue Wünsche – ein automatischer und absurder Circulus);

-          Mitleid (karuna) zu entwickeln mit allen Menschen, die dir mit Hass zu begegnen scheinen (denn sie sind unglücklich, und es ist nicht Hass sondern nur ihre Unwissenheit und ihre Angst, etwas zu verlieren);

-          Mitleid zu entwickelt mit allen Menschen und Tieren, die mit der Todesangst kämpfen (du musst dieses Leid (dukkha) wirklich selbst zu empfinden versuchen, sonst kannst du es bei dir selbst nicht besiegen, wenn es bei dir selbst aufkommen wird – und das wird es!);

-          Zu wissen, dass „der Blaue Himmel“ (Symbol für etwas völlig Unnennbares) immer da ist, ob du ihn nun siehst oder nicht siehst. (Wenn du ihn siehst, bist du für eine Weile im Paradies – vergiss es, wenn’s vorüber ist, und mach deine Arbeit in Frieden!)

Die Renovierung der Wohnung in der Heinrich-Fuhr-Straße 73 nähert sich dem Ende. Zur Zeit mache ich etwas sehr Schönes: Parkett legen. Mieter haben wir auch schon – für den 1.März.

Danach hoffe ich, dass die Fortsetzungsreihe der „Lebensgeschichten CL“ etwas zügiger weitergeht.

Sebastian ist mit Felix in Marokko. Sie haben die ‚fiesta de los corderos’ (das ist ein muslimisches Opferfest zum Ausklang des Hadj, der Pilgerfahrt nach Mekka) in einer marokkanischen Familie gefeiert.

Die deutsche Wirtschaft fängt an zu „brummen“. Alle sind recht zuversichtlich, dass dies sich auch in 2007 fortsetzt – trotz Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3% (die meisten Hersteller und Handelshäuser haben das bereits schon in 2006 heimlich ausgeglichen!). Der DAX steht bei etwa 6600 (gegenüber etwa 4500 am Jahresbeginn 2006).

14.0Darmstadt 1952-54

In den Ferien fuhr die Familie damals noch nicht ins Ausland, das kam erst später, als Vater einen Volks­wagen-Käfer anschaffte. Die Ferienziele waren bescheidener.

Der Klassenlehrer in meiner neuen Schulklasse, Herr Haas, war ein geselliger Mensch und liebte es, auch in den Sommerferien „Großveranstaltungen“ für die Schule zu organisieren. So zogen wir mit seiner ganzen Familie, etwa 50 Schülern aus mehreren LGG-Klassen und selbst mit Mutter und meinen beiden Schwestern im Sommer 1952 auf die baumlose Nordseeinsel Wangerooge in den Jugend­herbergsturm ein und verlebten dort einen kasernenartigen Urlaub bei frugalen Herbergs­malzeiten, meist verregneten Sommertagen und eiskaltem Nordseewasser, das gespickt war mit diesen äußerst scharf brennenden riesigen Seequallen. Es wurden Sandburgen gebaut, anstrengende Wattwan­derungen durchgeführt, und das schönste waren die Wüstenkriegsspiele in den Dünen. Gegen Urlaubende verbrach­ten wir eine ganze Nacht auf einem Garnelenkutter und durften uns die frisch gefangenen und gekochten Garnelen aus den großen Tonnen herauspulen.

Ansonsten war es die Darmstädter Hütte, nahe dem Feldberg im Schwarzwald, die uns sowohl als Ort der „Sommerfrische“ als auch für Skiurlaube diente. Im Sommer regnete es dort ständig, man machte langweilige Wan­derungen durch das feuchte Hochmoor. Mein einziges Vergnügen war es, am Bach neben der Hütte ein Wasserrad zu bauen. Im Winter versuchten wir uns dort mit den ersten Ski-Abfahrten, auf ziemlich primitiven Holzbrettern ohne Stahlkanten und ohne Sicherheitsbindung (das gab’s damals noch nicht). Bei Vereisung war ein Lenken der Bretter fast unmöglich, denn die waren wegen der fehlenden Stahl­kanten bald rund, man konnte nur Schuss fahren und hoffen, dass kein Baum in die Quere kam. Bei einem Sturz verdrehte ich mir das Bein um fast 180 Grad und hatte dadurch noch etwa 10 Jahre lang Kniebeschwerden. (Zum Arzt ging man wegen so was nicht!). Der Hüttenwirt, Herr Balser, ein Ham­burger, erzählte abends Geschichten von der Seefahrt und konnte auf dem Akkordeon wunder­bar Lieder spielen. Abends wurde regelmäßig gesungen. Der Hüttenwirt hatte eine gut entwickelte blonde Tochter, Inga, in meinem Alter, die wohl ein Auge auf mich geworfen hatte, ohne dass ich das min­deste Interesse zeigte. Mein Vater, der sich mit ihm gut verstand, zog mich deswegen auf, ich sei eine Schlafmütze. Vater, der selbst sehr frühreif gewesen sein mochte und in seinem bewegten Schauspielerleben nie etwas hat „anbrennen“ lassen (er klagte scherzend, er sei stets von der Weiblichkeit vergewaltigt worden), hatte Sorge, ich würde mit dem anderen Geschlecht zu spät „den rechten Kontakt“ aufnehmen. Ich war aber damals noch längst nicht so weit.

Im März 1953 starb Stalin, und das bekamen auch wir Kinder mit, denn Vater beschäftigte sich immer häufiger mit der Politik und hielt in der Familie stundenlange Vorträge über seine – recht intuitiven –Ansichten. Er sagte, ganz zutreffend, wie sich später herausstellte, das baldige Ende der russisch-chinesischen Freundschaft voraus (das Zerwürfnis und die Spaltung der kommunistischen Internatio­nale kamen zum Höhepunkt erst 1969 mit den Kämpfen am Ussuri Fluss, und die russisch-chinesi­schen Beziehungen normalisierten sich eigentlich erst wieder unter Gorbatschow 1989). Er meinte auch, der chinesische Kommunismus werde sich viel länger halten als der sowjetische, denn im roten Mao-Buch stecke trotz allen kommunistischen Geklingels viel mehr Konfuzius als Marx und Lenin.

Der Siebzehnte Juni 1953, der Volksaufstand in der DDR, wurde im Rundfunk und in den „Wochen­schauen“ (im Kino – Fernsehen gab’s damals für uns noch nicht!) so heftig und ausführlich berichtet, dass ich den Eindruck habe, ich müsste ihn damals selbst miterlebt haben. Wir waren alle sehr auf­geregt und glaubten, jetzt gibt es wieder Krieg. Diese Furcht wurde Anfang 54 noch verstärkt, als die USA im Pazifik die bis dahin stärkste Wasserstoffbombe (600 x Hiroshima) zündeten.

Im Sommer 1954 verfrachtete man mich im Rahmen eines Schüleraustauschs für 4 Wochen nach Schweden zur Familie Danielsson. Die wohnten in einer vornehmen Stadtwohnung in Stockholm am Roslags Gatan und hatten ein Ferien-Holzhäuschen an einem Ostseefjord 40 Km südlich von Stockholm, wo wir die Sommerferien verbrachten. Sie fuhren einen dicken amerikanischen Schlitten, ein „Oldsmobile“, der so weich gepolstert und gefedert war, dass ich jedes Mal seekrank wurde – teils auch vom Zigaretten­rauchen (Philip Morris, ohne Filter), das ich von Sten-Åke gelernt hatte; das war der Austausch-Schüler. Die Familie war wohlhabend, die Preise in Stockholm erschienen mir schwin­delerregend hoch, die Jugend war viel frühreifer als alle Freunde in Darmstadt. Man poussierte mit Mädchen und rauchte Zigaretten – ich beschränkte mich auf das Letztere, denn zum Ersteren war ich zu schüchtern. Ich fuhr oft auf einem klapprigen Fahrrad die kurvenreichen Fjordwege entlang, Sten-Åke fuhr da nie mit, er war zu faul für so etwas. Er hatte eine elegante Haartolle, in die er andauernd die Finger steckte, eine pummelige jüngere Schwester, einen freundlichen älteren Bruder, mit dem ich manchmal fischen ging, und eine recht magere Cousine, in die ich mich umgehend verliebte, Moad hieß sie, und sprach nur schwe­disch. Nach 4 Wochen konnte ich diese Sprache, jedenfalls verstand ich fast alles und konnte mich einigermaßen in Schwedisch verständlich machen (noch 4 Wochen, dachte ich, und ich könnte wirklich fließend Schwedisch, auch genau in dem nordschwedischen, mir sehr sympathischen Ton­fall); eine Liebeserklärung an Moad habe ich aber trotzdem nicht raus­gebracht; was Moad etwas belustigte – und mich etwas frustrierte.

Stockholm war für mich ein großes Erlebnis. Zu ersten Mal sah ich bewusst eine völlig unzerstörte, wohlhabende Großstadt mit prächtigen Gründerzeit-Bauten, malerischen Hafenvierteln und dem berühm­ten Katarinahissen (38 m hoher Aufzug, der den Slussplan mit dem höhergelegenen Mosebacken verbindet.)

Anschließend kam Sten-Åke für 4 Wochen mit nach Darmstadt. Ich war sehr verlegen, denn unsere Verhältnisse kamen mir gegenüber denen von Familie Danielsson jetzt sehr ärmlich vor. Sten-Åke schmeckte das Essen nicht, er musste zu seinem Verdruss zum Zigarettenrauchen nach draußen gehen, aber er hielt sich schadlos an Eva Marguerre (Tochter des Mechanik-Professors an der THD), die ganz wild auf ihn war. Er spielte viel besser Tischtennis als ich, und ich sah etwas neidisch zu, wenn er gegen Eva oder Ulrike mit hochmütiger Eleganz „die Platte putzte“. Deutsch sprach er kein Wort und bemühte sich auch nicht. Sie sprachen alle beflissen Englisch mit ihm. Aber am schlimm­sten war es für ihn, dass er die unerbittlichen Fahrradtouren durch den Odenwald mitmachen musste. Vater bestand darauf und hielt Vorträge über die Liebe zum Fahrrad und seine technische Pflege – tja, ein Auto hatten wir noch nicht! 

Bis hoffentlich bald wieder.

Alles Liebe Euer Christoph

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15       Darmstadt, den 7. Januar 2007

Hallo Ihr geduldigen Leser, die Ihr mir durch fast totales Schweigen Euer Interesse an den „Lebens­geschichten-CL“ zur Zeit nur sehr indirekt kundtut: Ich habe trotzdem wieder Spaß am Weiter­schrei­ben bekommen – das hat wohl mit dem Jahresbeginn zu tun, aber auch damit, dass die Arbeiten an der Wohnung (Heinrich-Fuhr-Str.73) nicht mehr so anstrengend sind.

Vorgestern waren Gertraut und ich in den Ausstellungshallen der Bundesrepublik in Bonn und haben zwei ganz unterschiedliche Sammlungen besucht: Eine Auswahl aus dem Guggenheim-Museum New York – die Sammlung kam nach Deutschland wegen Umbauarbeiten in New York – und eine sehr gut präsentierte Skulpturen-Sammlung der Khmer-Kunst aus Angkor, ausgeliehen vom kambodscha­nischen Nationalmuseum in Phnom Penh.

Wenn es nur die zwei Stücke gewesen wären, hätte es sich schon gelohnt:

(1)     Guggenheim-Sammlung: Monet, Blick auf den Dogenpalast in Venedig. Die Gebäude tauchen unwirklich auf zwischen dem schillernden Wasser und dem ebenso schillernden Himmel; sie bilden so zu sagen nur die Grenze der beiden Elemente, in welchen die gleiche Lichtenergie flimmert.

(2)     Khmer-Sammlung: Kopf eines Meditierenden: Wer je auch nur die „Erste Stufe der Vertiefung“ erreicht hat, weiß dass der Gesichtsausdruck dieses steinernen Hauptes dies genau, bis in die kleinsten Nuancen ausdrückt.

Doch nun wieder zurück in die Vergangenheit.

15.0Darmstadt 1955

Ab 1955 ist mir etwas mehr aus der Tagespolitik in Erinnerung – vielleicht hatte das was mit dem (ersten längeren) Auslandsaufenthalt – 1954, Schweden – zu tun. Nun, Zeitung las ich zwar noch nicht, TV gab’s noch nicht, aber das Radio war oft an, und Vater betrachtete es fast als einen „heiligen Akt“, den Nachrichten zu lauschen – und wir mussten dann natürlich mitlauschen. Das war etwas anstrengend, denn es veranlasste Vater sofort, seine weitschweifigen Kommentare abzugeben, denen wir mit ebenso großer Konzentration (neben dem laufenden Radio!) zu folgen hatten – sonst hieß es sofort: „Ihr lasst mich nie ausreden!“.

Da war also zunächst die „Wiederbewaffnung“, genauer: die Gründung der Bundeswehr, Januar 1955. Mutter war dagegen, aber Vater betrachtete es als ein Muss, um der „Gefahr aus dem Osten“ zu begegnen.  Die „Besatzungszeit“ ging zu Ende und, schwupp, trat schon im Mai 55 die Bundeswehr in die NATO ein, noch bevor die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Die Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung schwanden zusehends. Na ja, der Adenauer (der während seiner Regie­rungszeit, glaube ich, nur ein einziges Mal in Berlin war) hatte mit ihr sowieso nichts am Hut, das merkte man immer deutlicher. Im September erklärte die Sowjetunion die DDR als souveränen Staat (eine eigene Armee, die NVA, bekam die DDR aber erst 1/2 Jahr später). Der Warschauer Pakt wurde gegründet – als Reaktion auf die NATO. Trotz steigender Spannungen des „Kalten Krieges“ landete Adenauer im Herbst einen Coup in Moskau, der seine (allmählich ver­blassende) Beliebtheit noch einmal kräftig aufmöbelte: Angeblich war er es, der die Heimkehr von 600 deutschen Kriegsge­fange­nen erreichte (dabei hatte das die USSR sowieso schon als „Guts­chen“ in ihrer Strategie vorgesehen, als eines von vielen kleinen Ventilchen, damit die Spannungen nicht zu schnell stiegen, denn die USSR war mit ihrer Aufrüstung noch längst nicht so weit wie der Westen – die propagandistischen Waffenstatistiken in unseren West-Zeitungen versuchten stets das Gegenteil zu beweisen!). In jenem Jahr wurde übrigens auch die blaue Europa-Flagge mit den (damals nur 12) gelben Sternen vom Europarat kreiert.

Wir Kinder hatten zu all dem noch keinerlei eigene Einstellung (das sollte sich erst Anfang bis Mitte der 60-er ändern). Es hatte auch keinen Zweck, damit anzufangen, denn Vater wusste sowieso alles besser und duldete keine abweichende Meinung.

Außerdem hatte ich ganz andere Interessen: Ab Ende 54 und besonders durch das ganze Jahr 55 hub bei mir eine schwunghafte „Bautätigkeit“ an – mit Haferflockenkartons: Ich hatte die von Vater aus phantasielosen Papiervorlagen gefertigten Bahnhofsmodelle für die elektrische Eisenbahn satt und entdeckte, zusammen mit meinem Spielfreund, Hans Helmuth Leonhardt, meine Fähigkeiten im Entwerfen, Bemalen und Zusammenkleben von jeglicher Art von Häuschen, Verkehrsschildern und sogar Omnibussen und Lastwagen (letzteres hauptsächlich, weil die heiß geliebten Viking-Autos so teuer waren) – alles etwa im Maßstab 1:100. Dies löste endlich die „Kriegsspielerei“ ab, die bis dahin bei mir seit 1945 in unverminderter Intensität angehalten hatte. Zudem schärfte es mein Gefühl für Abmessungen und Darstellender Geometrie (dass die ein Lehrfach an der THD war, wusste ich damals noch nicht, ich sollte es viel später selbst einmal lehren). Diese Bautätigkeit gipfelte in der Erstellung eines Theaters im klassizistischen, eines Museums um neuklassizistischen und eines Rat­hauses im gotischen Stil (ich war in diesem Zusammenhang ganz besessen darauf, alle Baustile der europäischen Vergangenheit identifizieren zu können). Wir hatten – Hans-Helmuth und ich – schließ­lich eine mittlere Kleinstadt zusammen, die später auch in der Schule ausgestellt wurde – und ich beschloss, Architekt zu werden.

Nur einen kleinen Nachteil hatte dieses Hobby: Ich drohte in Englisch auf 5 abzurutschen. In Erin­nerung des Desasters von 1950/51 beschloss ich, mir selber zu helfen, setzte mich für etwa 4 Wochen in das Amerika-Haus (das spätere Kennedy-Haus) und las (ziemlich wahllos) ein Buch in englischer Sprache nach dem anderen. Und tatsächlich: danach stand ich wieder auf 3 in Englisch.

Mit Ulrike streifte ich, wie schon immer, durch die Wälder, oder wir bewaffneten uns mit Fahrten­messer und Lasso und erschreckten in der Dämmerung einsame Passanten in der Heinrichstraße. Antreiberin zu solchen Streichen war eigentlich immer Ulrike. Wenn sie ihre Energie nicht in solchen nächtlichen Unternehmungen austobte, spielte sie mit erschreckender Ausdauer Geige. Ich habe deswegen jahrelang dieses Instrument nicht ausstehen können, und die Stücke von Pachelbel, Telemann und Mozart waren mir ein Gräuel. Ich selbst sollte Cello lernen – dieses Instrument spielte meine Mutter. Da es ebenfalls ein Streichinstrument ist, hatte ich eine entsprechende Abneigung dagegen. Mein Traum war eine Trompete. Ich wusste, dass ich viel eher mit dem Mund begabt war (in der Sprache hat sich das damals noch nicht ausgewirkt – das kam erst später; ich hatte ja immer noch diese Lesehemmung und das wirkte sich auch lange noch auf die Sprache aus! Statt dessen spielte ich Mundharmonika). Aber Trompete kam nicht infrage. Sie sei zu laut, hieß es (von wegen!! Und was war mit der durchdringenden Geige meiner Schwester??). Und so kaufte ich mir die erste Trompete erst, als es längst zu spät war: etwa 1974; aber da war ich mitten in der Habilitationsarbeit, und an Üben war nicht zu denken. Aber immerhin konnte ich darauf auf Anhieb ein paar Weihnachtslieder spielen. Kompromiss 1955: Man kaufte mir ein Akkordeon, und ich bekam Unterricht bei einem ent­setzlich langweiligen alten Herrn. Das ganze wurde ein Flop. Das einzige, was ich ohne weiteres kapierte und selbst in einsamen Phantasien auskostete, war die Harmonienlehre und der Quinten­zirkel. Die Knöpfe dazu waren auf der Linken Seite. Ich bin Linkshänder; die rechte Hand auf den klavierartigen Tasten kam da einfach nicht mit. Statt dessen ging ich in den Schulchor und verbes­serte damit ohne große Mühe meine Note in Musik.

Na, ja, jetzt kommt die Erinnerung ja doch so langsam auch in die 50-er Jahre rein. Ich dachte schon, da sei ein schwarzes Erinnerungsloch. Das nächste Mal weiter mit der Aufhellung des schwarzen Loches in den Jahren 56/57.

Ciao, Ihr Lieben, beginnt das neue Jahr sachte und in Dankbarkeit, und lernt kräftig aus Eurer Existenz, sei sie nun beschissen oder sei sie zur Zeit super; das ist völlig egal! Das Universum hat Euch auf diesen Planeten geschickt, um etwas über sich selbst zu erfahren. Alles wessen Ihr Euch bewusst werdet, ist Zunahme des universalen Bewusstseins (was das auch immer sein mag...); auf Euer momentanes individuelles „Wohlbefinden“ kommt es dabei nur insoweit an, als Ihr dann vielleicht besser in der Lage seid, Eure Aufgabe zu erfüllen. – Aber manchmal ist auch das Gegenteil der Fall: Durch Wohlsein schläft man ein, durch Schmerzen wacht man auf. Ich habe immer dann am meisten gelernt, wenn es mir dreckig ging.

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16       Darmstadt, den 12. Januar 2007

Hallo Frau, Kinder, Neffen, Nichten, Geschwister, Schwäger – und ungeborene Enkel!

Kommt Ihr noch nach? Hier schon wieder ein Erguss von mir.

Es geht unter der Jugend in unserer „DDR“ („Deutsche Demographische Republik“!) ein sachter, noch schüchterner Gesinnungswandel um: Nach dem schwarz-rot-gelben, „Jubel-Wir-Gefühl“ unserer aus­sterbenden deutschen Nation bei der Fußballweltmeisterschaft im letzten strahlendheißen Som­mer gilt es langsam als Makel, ein Single, und damit ein „demographischer Fall“ zu sein. Kürzlich bemerkte unser Ältester (33), er werde demnächst Kinder zeugen. „Um Himmels Willen, mit wem denn? Du bist doch zur Zeit gar nicht liiert“, fragte ich. – „Ach, das ist nicht so wichtig“, meinte er, „mit dem Kinder­wunsch wird sich schon eine finden, vielleicht in Málaga, bei Felix“. Ich war sehr erstaunt (vor paar Jahren war ich von den Buben noch ausgelacht worden mit meiner Forderung nach Enkeln – „andern­falls werde ich Euch enterben“, hatte ich damals lachend gedroht). – „Aber wer soll das bezahlen?“, kam’s gleich hinter her, „sie müsste auf jeden Fall ebenfalls einen Job haben!“. Sebastian malocht als freier Unternehmer-Single zeitweise im 60-Wochenstunden-Takt, aber für zwei oder mehr würde es trotzdem nicht reichen, sagt er; noch nicht mal seine Altersversorgung ist zur Zeit befrie­digend geregelt. Das ist genau die Situation vieler junger Leute. Ob da das neu eingeführte „Eltern­geld“ helfen wird? Ich weiß nicht. Er meint ja, noch nicht einmal die Miete bezahlen zu können für die Wohnung, die ich im Schweiße meines Angesichts gerade (seit 6 Monaten, meist mutter­seelenallein) renoviere, und die wir ja eigentlich für ihn (+ Anhang, welcher Art auch immer) vorsehen. – „Einen Heiligenschein bekommst du dafür“, murmelte Gertraut, und hatte dieses teuflische Blitzen in der Lachfalte ihrer Augen, als sie mir heute das Brot auf die Baustelle brachte (darin offenbart sich die wahre Gattenliebe) und zum Zeichen ihres endgültigen Rückzugs von der Baustelle ihre Arbeits­schlappen abholte, obwohl da demnächst, vor Mietereinzug, unendlich viel sauber zu machen wäre.

16.0Darmstadt 1956/57

Wir hörten nun selbst öfter die Nachrichten im Rundfunk und schauten auch manchmal in die Zeitung. Den Volksaufstand in Ungarn, Oktober 56, ausgelöst durch eine Studentendemonstration zum Ge­denken an den „Posener Aufstand“ (Juni 56), verfolgten wir mit großer Anteilnahme. Wir freuten uns richtig, als der Reformkommunist Imre Nagy zum Regierungschef ernannt wurde und ankündigte, das Einparteiensystem abzuschaffen. Er hatte irgendwie eine menschliche, eine sympathische Aus­strah­lung, wenn er so lächelte mit Kneiferbrille und Schnauzbart, als sei das alles ein Witz. Das konnte man von dem immer heim­tückisch dreinblickenden Betonkopf Ulbricht mit seiner widerlichen säch­sischen Fistel­stimme nie behaupten. Als aber Ungarn sogar seinen Austritt aus dem Warschauer Pakt erklär­te, hielten wir den Atem an. Und, wie befürchtet, kamen ja dann auch die russischen Panzer und schlu­gen die Erhebung blutig nieder (20.000 Tote, 210.000 ungarische Flüchtlinge!). Imre Nagy wurde am 22. November 56 verhaftet, obwohl man ihm Straffreiheit zugesichert hatte. (Im Juni 1958 wurde er nach einem Schau­prozess hingerichtet). Wir ärgerten uns furchtbar, dass zu all dem der Westen und die (nicht unbedingt geliebte) NATO keinen Finger krumm machte, auf der anderen Seite waren wir ratlos, und es gab große Diskussionen darüber in der Familie. Nun fing die Sowjetunion auch noch an, ihre ersten Interkontinentalraketen zu testen! Zum ersten Mal spürten auch wir Kinder die aus­weglose Lage, in die der „Kalte Krieg“ die Welt gebracht hatte: Zähneknirschendes Zuschauen, und alles ver­hindern, das ihn zu einem „heißen“ würde umschlagen lassen?

Nun was ganz anderes: Ich weiß noch, als wir an einem Spätsommertag 1956 an irgendeiner Tür des Hauses im Kohlbergweg 17, standen, Ulrike und ich: „Sollen wir das Theater da wirklich mitmachen, hast du denn Lust dazu?“, fragte Ulrike. Es ging um die Anmeldung zur Tanzstunde, etwas völlig Neues und irgendwie noch Abwe­giges. Ich war in die Obersekunda des LGG („Oberstufe“, also das 3. Jahr vor dem Abitur) gekommen, Ulrike in die gleiche Stufe in der Viktoriaschule, und die Lehrer sollten uns ab jetzt „Sie-zen“. Unser Klassen­lehrer (Herr Dr. Glenz, Latein) meinte, er könne das übergehen, und bot uns weiter das burschikos-kamerad­schaftliche „Du“ an. Das aber lehnte der Klassensprecher feierlich ab; denn Glenz war nicht sehr beliebt bei uns, und wir hatten schon auf eine Gelegenheit gewartet, ihm eins auszu­wischen. Es hat ihn so gekränkt, dass er beim nächsten Schuljahreswechsel die Klasse abgab, und so bekamen wir als Klassenlehrer wieder unseren geliebten Willi Haas (Mathematik / Physik / Chemie) – übrigens eine Fächer­kombination, an der meine gesamte Klasse ziemlich uninter­essiert war, außer mir und noch circa 2 – 3 anderen – aber davon später.

Nun, die Neugierde siegte – und auch die Chance, mit den Mädchen der Klasse meiner Schwester, von denen mir einige schon bekannt waren, zusammenzukommen; und wir meldeten uns zur Tanz­stunde an, in einem uns recht edel anmutenden Etablissement, bei Bäulke an der Dieburger Straße, fast im Wald zum Oberwaldhaus-See hinaus. Mit dem Fahrrad (mein ganzes Leben lang das unent­behrliche Hauptfortbewegungsmittel) konnte man dorthin vom Kohlbergweg aus nicht fahren, denn wir mussten ja einen feinen Tanzanzug anhaben, außerdem war nach jedem Trainingsabend eine „Dame“ nach Hause zu bringen – natürlich nicht auf einem Fahrrad.

Ja, das war das Spannendste an der Sache. Die paar Tanzschritte lernten wir, Ulrike und ich, sehr schnell, bekamen Spaß daran und wurden gute Tänzer. Aber die Aufforderung zum letzten Tanz artete meist zu einer Hetzjagd aus: Man hatte sich natürlich ein attraktives Mädchen zum Heimbringen ausgesucht, war aber in der Regel nicht der einzige für das Zielobjekt. Ich verguckte mich schon bald in Hanne Kreuzer, eine Klassenkameradin von Ulrike. Wie mir erst später aufging, hatte sie Ähnlich­keit mit unserem zweiten Pflichtjahrmädchen, der Hanna Aurin in Wuppertal (1940-42). Hanne, einen Kopf kleiner als ich, hatte diese wundervollen starken schwarzen gekräuselten Haare und, wie ich meine, einen ähnlich anziehenden Hautgeruch wie das Pflichtjahrmädchen; sie blinzelte immer, weil sie stark kurz­sichtig war, aber zu eitel, eine Brille zu tragen. Sie wurde meine Partnerin auf dem sogenannten Niko­lausball, Anfang Dezember 56. Ich war in Hochstimmung und gab mich dazu her, auf dieser Ver­an­staltung den Nicolaus zu spielen, der die Geschenke verteilt. Dabei entdeckte ich eine gewisse komische Ader in mir, und der Nicolausauftritt geriet zu einem gelungenen, von Lach­salven erschüt­terten Kabarettabend – mit der Folge, dass die Bäulkes mich noch mehrmals für diese Charge enga­gierten. Hanne jedoch versank in den Boden vor Verlegenheit und weigerte sich, mit dem Nicolaus zu tanzen. Am nächsten Trainings­abend nach dem Fest wollte ich sie natürlich wieder zum Ostbahnhof bringen (sie wohnte in Ross­dorf), aber sie war spurlos verschwunden, und ich musste, tief gekränkt, alleine entlang den kahlen Brombeerhecken am Bahndamm nach Hause wandern. Andern­tags erfuhr ich, dass Ulrike, diese Hexe, die Hanne dazu angestiftet hatte: Auch sie hatte ihren „Begleitherren“, den Jochen Herzog, in derselben Weise versetzt und war mit Hanne einen anderen Weg durch den Wald zum Ostbahnhof geschlichen. Ich lies mir meine Enttäuschung nicht anmerken und erwähnte den Vorfall nie wieder, weder vor Ulrike noch vor Hanne. Aber diese lächer­liche Geschichte verur­sachte in meinem Ego einen „Knacks“ und veranschaulichte die unerwarteten Pro­bleme mit der Weiblichkeit, wenn man es endlich einmal ernster meint; auf der anderen Seite bewirkte der Vorfall, dass ich mich erst recht – und nun natürlich „unglücklich“ – in Hanne verliebte.

Zunächst erkor ich aus Trotz ziemlich wahllos eine beliebige und belanglose andere Klassenkamera­din meiner Schwester als „Dame“ für den Tanzstunden-Abschlussball (das war, glaube ich, Februar 57), während Jochen sich zu diesem Termin an der Hanne schadlos hielt. Ulrike kriegte meinen Klassenkameraden Hans Schriefer (das war mir sehr recht, denn ich mochte Hans, er war in der ganzen Schulzeit der Klassen­primus; aber Ulrike sprang mit ihm ähn­lich um wie mit all ihren Verehrern, sie behandelte ihn wie einen Spielhund; das empörte mich.) Mit Ulrike jedoch konnte ich am besten tanzen, während die kleine Margret (meine „wahllose Ersatz­dame“ zum Abschlussball) rhythmisch unbegabt war und mir immer nur auf den Füßen herumtrat, was mich ziemlich nervte. Deswegen beschlossen Ulrike und ich zusammen, um die „Goldene Nadel“ anzu­treten, und wurden prompt „die Besten“.

Bekanntlich dauert eine unglückliche Liebe viel länger als eine glückliche, und sie hat auch einen wesentlich stärkeren Antriebs- und Entwicklungseffekt. Der „Knacks“ bewirkte unter anderem, dass ich begann, mich mit Philosophie, mit Lyrik und mit Musik zu beschäftigen (letzteres allerdings nur passiv und analytisch, meine hoffnungslosen Versuche auf dem Akkordeon gab ich auf). Hanne spielte sehr gut Klavier, und ich versank in den Boden aus grenzenloser Bewunderung. Dieser Sinneswandel bewirkte seinerseits, dass ich in Deutsch auf einmal von „ausreichend“ auf „gut“ rutschte. In den Schulaufsätzen – und ebenso in meinen Tagebüchern – erging ich mich in tiefen philosophischen Betrachtungen, besonders über die antiken Vorsokratiker, sowie eigenen Ableitungen daraus, und begann schließlich, einen Philosophen (der deutschen Klassik & Romantik, bis zur Existenz­philoso­phie) nach dem anderen zu verschlingen (nur mit Kant hatte ich noch Schwierigkeiten, den verstand ich erst viel später). Das wiederum hatte zur Folge, dass ich in Grie­chisch und Latein von „schwach ausreichend“ auf „befrie­digend“ kam, denn in der Oberstufe nahmen wir in diesen Fächern nicht mehr diese lang­weiligen bei Herodot und Caesar beschrie­benen Kriegszüge durch, sondern Texte der Vor­sokratiker, von Sokrates/Platon, der Stoa und von Vergil und Ovid und schließlich auch original-grie­chische Texte aus der Paulus-Bibel. In Musik entwickelte ich mich zum Spezialisten für alle Konzerte und Symphonien von Haydn, Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Bruckner, Tschaikowski, Mussorgski, Borodin, Chatschaturjan usw.: Es war für mich fast wie ein Sport, aus nur zwei beliebigen Takten das gesamte Stück und den genau­en Satz, in dem die Takte vorkamen, zu identifizieren. Ich veranstaltete mit meinem Schulfreund, Klaus Geldmacher, regelfrechte Wettkämpfe dazu (und gewann meistens); besonders alle sympho­nischen Werke von Beethoven konnte ich praktisch auswendig. Dabei hatte ich stets die Vorstellung, das alles für Hanne zu machen, ihr so zu sagen zu zeigen, was ich alles könne. Sie bezeichnete mich (und ebenso meine Schwester Ulrike, der es in gewissem Sinn ähnlich ging mit ihren fanatisch und heiß geliebten Freundinnen – sie neigte mehr zu weiblichen als zu männlichen Angebeteten) denn auch als „ehrgeizig“, was mich einerseits mit Stolz erfüllte, andererseits mit Unwil­len und Verzweiflung, denn ich suchte bei Hanne eigentlich was ganz anderes.

Das Hin und Her mit Hanne dauerte viele Jahre und begleitete die restliche Schulzeit und auch (mit ein paar Unterbrechungen) einen guten Teil der Studienzeit. Auch später, als ich schon mit Gertraut ging, gab es immer noch einige seltene aber Herz­klopfen verursachende Begegnungen. – Vor ein paar Tagen, just als ich mich mit diesem Abschnitt der „Lebensgeschichten“ zu beschäftigen begann, erfuhr ich zufällig von meiner Schwester Regina in Rossdorf, dass Hanne schwer krebs­krank ist und mit dem Tod ringt. Ich erfragte ihre Telefonnummer bei ihrem Rossdörfer Bruder (sie wohnt am Bodensee), rief sie an, und sie erzählte mir furchtbare Sachen, die sie seit 2 Jahren durchzumachen hat. Ich war tief erschüttert und wagte nicht, ihr „gute Besserung“ zu wünschen, denn ich merkte am Klang ihrer Stimme, dass es bald zu Ende gehen wird, obwohl Hanne meinte, sie gebe die Hoffnung noch nicht auf.

Auch über die nächsten 2 – 3 Jahre gibt es viel zu erzählen; das „schwarze Loch“ löst sich langsam auf. Aber davon das nächste Mal.

Ciao und alles Liebe, euer Christoph

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CL/ Stand dieser Seite: 02.06.2010