Email-Geschichten aus Indien 
Aug.- Dez. 2004

Christoph Lübbert
Viktoriastr. 36. 64293 Darmstadt
Tel.: 06151 42 22 98
eMail: clind04@yahoo.de 

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Persönliche Namen wurden aus Gründen des Datenschutzes geändert.

INHALT  

05.08.04, Bangalore. 2

10.09.04, Bangalore. 10   14.10.04, Bodhgaya. 18  
16.08.04,  Mysore. 2   11.09.04, Bangalore. 11   15.10.04, Bangalore. 18  
19.08.04, Bangalore. 3   12.09.04, Bangalore. 11   20.10.04, Bangalore. 20  
21.08.04, Bangalore. 3   14.09.04, Bangalore. 12   30.10.04, Bangalore. 21  
23.08.04, Bangalore. 4   14.09.04, Bangalore. 12   01.11.04, Mysore. 23  
03.09.04, Bangalore. 4   16.09.04, Bangalore. 13   13.11.04, Mysore. 24  
04.09.04, Bangalore. 5   17.09.04, Bangalore. 13   18.11.04, Mysore. 25  
06.09.04, Bangalore. 6   20.09.04, Bangalore. 14   19.11.04, Mysore. 26  
06.09.04, Bangalore. 7   21.09.04, Bangalore. 15   30.11.04, Mysore. 27  
07.09.04, Bangalore. 8   23.09.04, Bangalore. 16   01.12.04, Mysore. 29  
08.09.04, Bangalore. 9   1.10.04, Bodhgaya (Bihar) 16   15.12.04, Bangalore. 30  

05.08.04, Bangalore

Hallo Gertraut, Sebastian, Janette, endlich hab ich um die Ecke des Klosters einen Internet-Shop gefunden und kann Euch antworten.

Die ersten Tage ist für uns schon viel passiert. Ich liebe das Straßengewühl hier (die andern sind noch nicht viel aus dem Kloster gegangen, außer Ariane, die hier einen Bekannten hat).

Die Kalidasa Road, an der das Kloster liegt, ist mit großen Platanen bestanden, gegenüber dem Kloster ist eine hohe Mauer, hinter der das Gelände des ehemaligen Stadtgefängnisses liegt, das zu einem öffentlichen Park umgebaut werden soll. Bangalore ist reich an Baumbe­stand, zum Glück noch arm an Hochhäusern und sehr ausgedehnt, ca. 40 Km im Durch­messer. Gandhinagar, der Stadtteil, in dem das Kloster liegt, gehört zur quirligen Altstadt. Es wimmelt von diesen kleinen gelben Dreirad-Taxis (in Kerala „Tucktuck“ genannt wegen ihres Motorgeräusches).

Die Meditation lässt sich gut an. Ganz anders als bei Michael Barnett,  aber mit dem groß­artigen Meister Bada Bhante (= Âcharya Buddharakkhita) sehr gut. Er ist einfach Klasse!

Wie mein weiteres Programm aussieht, ist noch nicht so ganz fest. Jedenfalls wollen Gerald und ich im Anschluss an die Gruppenreise 10 Tage hier "Probemönch" spielen und die Medi weiter vertiefen. Dann geht’s wahrscheinlich wieder nach Mysore (per Bahn), um dort für Ingo Diener (Manager von Carla Home, Deutscher) was zu tun. Im Oktober machen wir wahr­scheinlich die "Nordtour" an die Holy Places.

16.08.04,  Mysore

hallo Ihr Lieben, (damit’s schneller geht, schreib ich an alle zugleich, denn in 10 min müssen von hier - Mysore – wieder nach Bangalore abfahren).

Endlich komme ich dazu, die vielen eMails zu beantworten. Mit Internetcafé ist’s einfacher, aber die sind mal auf, mal zu, je nach (indischem) Wetter oder Feiertagen oder was auch immer. Jetzt hab ich mal Glück gehabt. Wir hatten 2 sehr intensive Wochen. 1. Woche Retreat. Super viel in der Meditation gelernt! Bin total happy. Die Theravadamethode ist ganz anders als die von Michael Barnett. Aber ebenso erfolgreich. Die Gruppe, anfangs recht steif, hat sich in einen Haufen fröhlicher Typen verwandelt (ich hab kräftig das meine beigetragen, manche haben das anfänglich falsch verstanden, aber auch das ist geregelt) - es läuft alles super. 2. Woche Bangalore, Hassan, Sravana Belgola (Jain Statue), Halebid + Belgola + Somnathpur (die schönsten Hoishala Tempel aus dem 12. / 13. Jh.). Wir waren auch in 3 tibetischen Klöstern. Die haben einen Pomp!! Dagegen sind die Theravadim recht bescheiden. Das liegt mir eigentlich mehr.

Die Schüler und die Leute im Mahabodhi-Heim in Mysore sind sehr herzlich und offen. Ich musste viele Reden schwingen. Vorgestern besuchten wir die kleinen Schülerinnen in T.Narisipura 50 km südl. Mysore. Wir waren hin und weg von diesen lieb­reizenden bildhüb­schen Geschöpfen und alle hatten ihre Freude. Die restlichen offenen Patenschaften gingen in 5 min weg wie die warmen Semmeln. Gestern bei der Abschieds­feier (für die deut­sche Gruppe) haben wir sogar rock’n roll getanzt, damit stiegen wir noch mal beträchtlich in der Achtung der jungen Leute (Bhikkhu Bhante Ananda schaute immerhin amüsiert zu, er mach überhaupt viel "Weltliches" mit). In 1. Stunde geht 1 Teil der Gruppe nach Bangalore zurück, wo wir (Gerald, Hera und ich) 10 Tage Mönch auf Zeit sein werden). Ich hab dann noch paar Datenbanken dort einzurichten; danach fahr ich wieder nach Mysore und mach hier dasselbe.

Einstweilen ganz dicken Kuss und fuerte abrazo! Christoph

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19.08.04, Bangalore

hallo Ihr Lieben, vielen Dank für Eure vielen eMails. Der Einfachheit halber mache ich wieder eine Sammel­antwort.

Nach 1 Woche Meditationsretreat im Mahabodhi Theravâdakloster Bangalore und 2 Wochen recht intensiven Sightseeings in und um Mysore herum (dort ist das dem Kloster angegliederte Schülerheim, das unser Verein unterstützt) sind wir jetzt wieder im Kloster Bangalore. Die Reisegruppe, die wir organisiert haben, fliegt über­morgen nach Deutschland zurück, während ich mit 3 Leuten noch paar Monate hier bleibe.

 Ich kann nur jedem empfehlen, in der (ausgehenden) Regenzeit hier her zu fahren und nicht in der Trockenzeit!! Hier ist es angenehm, nicht zu heiß, manchmal Regen, etwas wärmer als in Mysore (Mysore hat ja wirklich noch idealeres Klima!). Vormittags ist's immer schönes Wetter und Nachmittags fängt’s pünktlich um 18h an zu regnen. Das Kloster in Bangalore liegt mitten in der Stadt, Stadtteil Gandhinagar, nahe dem wunderschönen Stadtpark Cubbon Park. Um die Ecke ein IN-Shop zum eMailen.

Vorgestern hab ich mir die 2. Schutzimpfung Hepatitis B machen lassen. Das Krankenhaus machte einen sehr guten Eindruck; Leute alle sehr freundlich. Kostete 310 Rs (ca. 7 statt 90 Euro !!), also werd ich die 3. Impfung vorziehen und ebenfalls noch hier in Indien machen lassen.

Gerald und ich werden 10 Tage Probemönch. Danach geht’s irgendwann wieder nach Mysore zum Schülerheim, da gibt’s auch was zu tun. Mit der Zeit fällt einem auf, wo überall was im Argen liegt. Die Mönchlein haben alle Kopfhautkrankheiten und viele Dauerhusten. Regelmäßige ärztliche Untersuchung der kleinen Buben ist wohl nicht üblich. Im Klostergarten "graben" sie mit Holzstöckchen im zähen (und wenn trocken, betonharten) roten Lehm, da hab ich mich entschlossen, heut Mittag in ein Gartengerätegeschäft (irgendwo am Stadtrand) zu fahren und paar Hacken u.a. zu besorgen. Will mir auch mal die Schlafmatratzen der Mönchlein ansehen, - glaube, da müssten mal welche ausgetauscht werden.

Bisher hab ich nie eine Bedarfsliste gekriegt, jetzt glaub ich zu wissen warum. Die wissen gar nicht, was ihnen fehlt. Also müssen wir die Augen aufhalten. Ingo (der neue Patenschafts­betreuer vor Ort  in Mysore) fängt auch damit an.

Und besonders im Kloster scheint bei  dem mind-oriented theravada buddhism die Integration von Geist + Köper klein geschrieben. Nun, wollen mal abwarten und beobachten und nicht zu viel vorab werten; vielleicht habe ich ja auch noch zu sehr die Europäische Sicht.

Einstweilen alles Liebe. Ciao Christoph

21.08.04, Bangalore

Ihr Lieben, Gertraut, Sebastian, Felix,

per eMail kann man doch bisschen mehr schreiben als mit SMS. Gestern war ich fast den ganzen Tag im Bett mit Halsweh, kaputten Bronchien und Fieber. Man wollte mir natürlich gleich alle mög­lichen Tabletten auf­drängen - hab ich natürlich alle abgelehnt. Ein paar Limonen + Honig haben mir geholfen. Derweil hab ich ständigen sms Austausch mit Gertraut gehabt, das war sehr schön. Abends haben wir noch Blumen für Gerald besorgt, der feierte heute seinen 70. Geburtstag; dabei sind wir in einen ziem­lichen Platzregen geraten und pitsch nass geworden. Wieder zurück alles ausgezogen und Wäsche gewaschen.

Heute ist der letzte Tag mit der Gruppe, die fliegen heute Abend um 21.14h ab. Vom Acharya Hat sich die Gruppe schon verabschiedet. Heute ist der Smog in der Stadt furchtbar. Im tucktuck kann man nur mit Tuch vor dem Mund sitzen. Die Leute - egal ob auf der Straße oder in Geschäften - sind alle sehr freundlich und hilfs­bereit. Bettler gibt es fast überhaupt keine. Also morgen fange ich mit Mönch an. Da werd ich in der freien Zeit alle Räume durchsehen, was so fehlt. Im Garten fehlen z.B. überall dust bins, so dass man das Papier und die vielen kleinen Dreckstückchen reintun kann. Die werde ich umgehend besorgen und die Mönchlein ein bisschen anleiten. Es gibt hier unendlich viel Kleinigkeiten zu verbessern. Aber es ist eben ein Kloster. Und die weltliche Seite wird nicht so groß geschrieben.

Es ist Mittag 13.30h. Ich gehe jetzt meditieren. Macht’s gut, bleibt gesund, bis zur nächsten eMail.

Alles Liebe. Christoph

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23.08.04, Bangalore

hallo Ihr Lieben Gertraut, Sebastian, Felix,

der Server im Internetshop ist seit Sonntag down, jetzt komme ich erst dazu, das Bureau von Bhante Ananda statt dessen zu benutzen.

Wir sind jetzt nur noch 4 Deutsche hier im Kloster: 3 von der DBHV und ein Berliner, dem ich im Februar die Adresse von Mahabodhi gegen hatte. Hier ist es kühl-feucht ca. 22 Grad. Meine Erkältung klingt ab, bis auf den Husten, der wird noch 2 Wochen dauern - wie immer. Gerald hat sich einen Zahn einsetzen lassen und ist ganz begeistert über Qualität und Preis. In zwei Stunden werden wir 3 als Mönche initiiert. Mal neugierig, wie das auf mich wirkt.

Wenn ich in indischen Anzug durch die Straßen gehe, spricht mich keiner mehr an, ich falle überhaupt nicht auf. Es ist, als hätte ich hier schon Jahre gewohnt. Ich fühle mich recht wohl hier.

So, jetzt geh ich Essen.

Bleibt alle gesund. Ich melde mich baldmöglichst wieder - obwohl ich nicht weiß, ob während der nächsten 10 Mönchstage Schwätzen und eMailen angesagt ist.

Alles Liebe Christoph

03.09.04, Bangalore

hallo liebste Gertraut, Super-Söhne Sebastian +Felix, samt Bräuten, sowie SriLanka Reisechefin in spe Surina (von Birgit hab ich die eMailadresse noch nicht, bitte schickt sie mir!!!):

Endlich bin ich mal wieder im Internetshop. Während der 10 Tage  Mönchszeit konnten wir nicht raus. Jetzt hole ich nach.

 AAALZO: In der Mönchszeit hab ich vor allem "Chanten" gelernt: Das sind viele Verse aus dem "Dhammapada" in pâli, die täglich um 5.30 früh und um 17.00 abends - und bei jeder sich sonst noch bietenden Gelegenheit gesungen ("gechantet") werden. Einige davon sehr trickreich, in sich verschachtelt. Diese werden auch zu einer bestimmten Meditation verwendet, die ich in dieser Art bisher noch nicht kannte. Es ist eine Kontemplation! Dabei ist Ziel nicht (wie bei meiner bisher geübten Praxis) das völlige Ausschalten der Gedanken, sondern, - das Füllen der Gedanken mit einem ganz bestimmten Gegenstand, nämlich den (innerlich rezitierten) Dhammapada-Versen. Zunächst geht das rein mechanisch; Effekt ist daher zunächst nur, dass die üblichen diskursiven Tages­gedanken beiseitegeschoben werden und somit eine gewisse Beruhigung eintritt. Das ist aber nur der aller erste Anfang. Der nächste Schritt ist, sich die Bedeutungen der Dhammapada-Schlüsselworte klar zu machen. Dazu muss man eigentlich schon einiges über den Dhamma (=die buddhistische Lehre) wissen, (in  dieser Hinsicht hatte ich keine Schwierigkeiten). Bei mehrfacher Wiederholung dieses Vorgangs stellen sich dann innere Bilder ein, mit denen man dann, an Stelle der Worte und an Stelle der Bedeutungen, weitermeditiert. Und dann kann, wenn man offen genug ist und vor allem, wenn man alle Energie, die aus und eingeht als mettâ-Energie sieht (universelle Liebe), die überwältigendsten Erlebnisse haben. Die Methode ist (bei mir jedenfalls) fast tot sicher.

Nach mehrmaliger solcher Meditation stellt sich, wenn man nicht darüber hinausgeht, allerdings bei mir der Eindruck ein, dass das Ganze ein prächtiges "Mind"-Theater ist. Das mag die Gefahr sein, wenn man nicht weitergeht.

Jedenfalls ist das eine ganz andere Art Meditation, als die,  bei der man vermittels Atemübungen in die Ver­tiefungen gelangt und schließlich (sofern es klappt) voll-bewusst "verschwindet".

 Vorgestern waren wir (noch als Mönche) bei einer Hauseinweihung. Dazu wurde eine länger dauernde Puja mit eben den Dhammapada-Versen abgehalten. Die Gastgeber pflegen abschließend jedem Mönch die Füße zu berühren und ihn mit Blumen zu beschenken. Das war für uns Zeitmönche schon ein merkwürdiges Gefühl. Heute waren wir (nun als Zivilisten) Gast bei den Eltern von Bhante Ananda. Wieder wurde vor dem ausgezeich­neten Essen eine Puja mit den o.g. Dhammmapada-Versen abgehalten. Man lernt sie daher bald selbst aus­wendig, da meist dieselben wiederholt werden. Zum Abschluss gab es noch mal eine sehr bewegende Art "Trostsprache", wobei BA und jeder der Mönche und auch wir beiden Zivilisten einige Worte sagten. Wieder wurden wir mit Blumen beschenkt. Die ganze Familie von Bhante Ananda sind Buddhisten, eine Schwägerin ist aber Christin, eine andere Hindu.

Wenn man miterlebt, wie der Buddhismus hier praktiziert wird, kriegt man einen anderen Zugang. Es ist sozusagen die natürlichste und nüchternste Religion, sie ist völlig frei von Anbetung und Anrufung irgendwelcher numinosen Instanzen. Der religiöse Kern ist das Erleuchtungsziel, die notwendige Bedingung auf dem Weg dahin die schlichte Lebensethik und das Bemühen, alle psychischen "Friktionen" in mettâ (Liebe) und Karuna (Mitgefühl) umzuwandeln. Ein wichtiges praktisches Mittel bei diesem Bemühen ist der Dhammapada (also die vielfältigen Gesang-Verse zur Buddhistischen Lehre, die viele Leute auswendig können).

 Wenn ich hier so im Gewühl und Gestank an der Straßenecke stehe oder mich mit den sehr liebens­würdigen Leuten in einem der unzähligen kleinen Geschäfte unterhalte, fühle ich mich sehr zu Hause. Könnte mir vorstel­len, hier für paar Jahre zu verweilen! Die Bedürfnisse nach europäischem Komfort sind für mich Lichtjahre entfernt. Man merkt, wie wenig man braucht, um zufrieden zu sein!!

Gertraut, und Ihr anderen, schreibt oder sms-t mir mal wieder  - oder seid Ihr alle zu sehr im Stress?? Hahaha - ich nicht!! Euch allen alles Liebe. Euer Christoph (alias Khema)

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04.09.04, Bangalore

Liebste Surina,

ich finde es toll, dass Du das Rauchen einschränkst. Ich finde es gut, dass die Leute in Deinem Verein endlich merken, dass Du Dich eventuell verändern willst. Das wird (vorübergehend vielleicht nur) sich auch positiv auf Deine jetzige Arbeit und auf die Zusammenarbeit mit den anderen (u.a. mit Deinem Chef) auswirken. Zeig ihnen, dass Du Dich nicht einfach so "verbrauchen" lässt wie bisher!! Ich find’s auch OK, das Du vorerst Deine Arbeit weitermachst, wenn auch jetzt vielleicht mit einem etwas anderen Blickwinkel, der besagt:

"Da gibt’s noch viele andere interessante Sachen zu tun; ich bin keineswegs von meinem jetzigen Job abhängig! - ICH entscheide, wie lang ich das noch mitmache. Ihr anderen möget das bitte dankbar zur Kenntnis nehmen, dass ich momentan noch Lust habe, mit Euch noch bisschen zusammen zu arbeiten."

- Was mag bloß mit der Gertraut los sein? Seit fast 1 Woche kriege ich von Ihr weder sms noch eMails, obwohl ich mich täglich melde! Du hast doch mit ihr telefoniert. Weißt Du was?

 Alles Liebe, Christoph

06.09.04, Bangalore

Liebe Surina,

du bist die Einzige, die mir prompt antwortet. Ganz lieben Dank! Wie ich so verstanden habe, bist Du jetzt erst mal durch mit Deinen Zukunftsplänen und wirst b.a.w. Deinen bisherigen Job weitermachen - und Dich nebenher weiterhin umsehen. Ist das richtig so gesehen? Lass Dich vor allem nicht verheizen von all den Ignoranten und Ego-Typen!!!

 Gertraut war in der Tat verärgert über mich, das hast Du richtig vermutet. Im Nachhinein muss ich mich schief lachen. Der Grund war folgender. Ich verschicke oft dieselbe sms an viele, weil das sms-Tippen so umständlich ist. Und da ist folgendes passiert. Sie hat ein SMS mit "hallo Angi ..." gekriegt. Bei diesem Rund-SMS hatte ich also vergessen, die spezielle Anrede auszutauschen. Lach mich kaputt! Diese SMS habe ich auch noch an mindestens 10 andere geschickt! Angela ist eine liebe Freundin, die ich während meines Krankenhaus­aufent­halts im Sommer 2000 an der Habichtswaldklinik, Kassel, kennen gelernt hatte, wir stehen immer noch in Verbindung, und ich hab sie auch schon paar mal (mit Gertrauts Genehmigung) besucht.
Nach fast 1 Woche des Schweigens (Gertrauts "Schweigezeiten" haben sich erheblich verbessert; so vor 10 Jahren betrugen sie bis zu 3 Wochen bei so ähnlichen Anlässen) bekam ich schließlich die Ermahnung, ich solle die Würde meines Eheweibs mit etwas mehr Aufmerksamkeit behandeln, "... bevor Du ganz ausflippst, Du wichtiger Heiliger ..." (so G.). Die Sache hat sich mit ein paar Sms geklärt,  jetzt sms-en und emailen wir wieder kräftig. Vorgestern war wunderschönes Wetter auf dem Marktplatz, und sie war in einem indischen Konzert usw...

Der "Srilanka Reise-Hühnerstall" muss ja für Dich zum Auswachsen sein !? Bin gespannt, wer sich nun wann + wo da unten trifft. Nun, Du wirst ganz bestimmt so ne Reise nicht noch mal für so'n Chaotenverein planen?! 

"Meine" Gruppe ist ordnungsgemäß am 21.8. abgereist. 4 sind dageblieben. Simone (28) in Mysore; Gerald (70), Hera (55) + ich (65) im Kloster Bangalore, wo wir Mönch auf Zeit gespielt haben. Gerald fährt morgen nach Mysore.

Ich halte mein Hilfsangebot für das Kloster noch 1 Woche aufrecht. Wenn sich dann nichts bewegt (bisher ange­botene Termine wurden nie eingehalten), bedanke ich mich herzlich, gebe meinen Spende-Obolus und meine sehr schön gewordenen und gerahmten Klosterskizzen dem Meister (83) zum Geschenk und fahre auch nach Mysore. Die Mönche haben halt weniger praktische Dinge im Kopf, sondern ‚chanten’ viel, lernen andauernd Neues aus dem Ti-Pitaka auswendig und beschäftigen sich ab und zu auch mit der inneren Bändigung ihres "Mind". Das ist ja OK. Aber ich könnte das nicht mit dieser Seelenruhe, wenn ich den Dreck im Garten, die ungenügenden Sanitären Anlagen, die vielen Furunkel und Krätzestellen auf den Köpfen der Minimönchlein (die jüngsten sind 4 Jahre!!) und das Buchhaltungschaos sehe. Ich hatte sie schon seit 2 Jahren aufgefordert, mal eine Bedarfsliste zu schicken, - ohne Erfolg. Jetzt müssen wir halt selbst sehen, wo es hier im Argen ist. Die seh'n das einfach nicht. Dabei predigen sie andauernd von "Achtsamkeit" und "see things as they are". Na ja Buddhas Lehre wird eben hier anders umgesetzt als bei uns.

 Schmatz! - Bis zur nächsten eMail - Christoph

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06.09.04, Bangalore

hallo liebe Indienreisegruppe,

seit dem 22.8.04 seid Ihr - hoffentlich alle wohlbehalten und gesund - wieder in Deutschland, nur Simone, Hera, Gerald und ich sind hier im Mahabodhi Vihara, Bangalore geblieben.

 Was hat sich hier in Bangalore so getan? Nun, wir 3 im Vihara waren 10 Tage Mönch auf Probe: Haare ab, gelbe Robe an. Die ist sehr praktisch und leicht anzuziehen, - wie eine römische Toga. Hera hat leider einen bösen Hexenschuss gekriegt und konnte sich nicht bewegen. Erst jetzt geht's etwas besser. Gerald + CL haben kräftig alle Mönchstätigkeiten mitgemacht. Auf Anregung des Acharya wies uns Bhante Ananda ein klein wenig in ein paar vorbereitende Übungen zur Vipassana- Meditation ein:
- Buddhanussati (die 9 Qualitäten des Buddha),
- Asubha (Körperteilebetrachtung),
- Marana (Leichenbetrachtung)
- Mettâ (das war uns schon geläufig, bekam aber für mich eine neue fruchtbare Bedeutung)

 Wir übten kräftig und lernten die dazugehörigen verbalen Hilfsmittel auswendig. Beim Chanten können wir auch schon ganz gut mitziehen.

 Solche Art zu meditieren - nämlich reine Kontemplation -  war mir selbst völlig neu (das hab ich bislang nicht mit "Meditation" in Verbindung gebracht. Vielmehr war für mich bislang das genaue Gegenteil - die völlige Ent­leerung des Gehirns - das Haupt-Zwischenziel, von dem aus dann "wahrgenommen" werden kann - das ist halt ein bisschen mehr die Zen-Richtung).

 Die Kontemplation dagegen ist ein einfaches, sehr wirksames Mittel, den Geist auf ein heilsames Thema zu konzentrieren. Besonders hab ich das mit Buddha-Anussati erfahren. Will man dabei aber weiterkommen, so ist es unbedingt notwendig, diese Kontemplationen mit Metta UND Anatta zu verbinden. Tut man das nicht, so erreicht man zwar auch eine beruhigte Befindlichkeit, die eine Zeit nachher auch anhält; aber mit Mettâ + Anatta geht das viel tiefer, und die plötzlichen Einsichten in den Dhamma sind viel intensiver - ja meist überwältigend! - und halten so lange an wie man will, zum Beispiel eine ganze Stunde lang!

Außerdem ging mir dabei eine völlig anstrengungslose Mettâ-Meditation auf (die nicht unbedingt vom Acharya stammt):

Wenn ich nur von "mir" ausgehe, muss ich sozusagen Mettâ aus mir heraus in alle Richtungen "ver­sprühen". Dabei komme ich aber meist über die mir am nächsten stehenden Personen nicht hinaus - und das ist ja nicht der ganze Sinn von Mettâ. Wenn ich aber weis, dass alle Energie des gesamten Kosmos eine Form der Liebe ist, dann brauche ich nur die Arme auszubreiten, die Energie ins Herz zu lassen und sie als Liebe (als mettâ) wieder herauszulassen. So hat man das unendliche Reservoir des ganzen Kosmos zur Verfügung, und es geht nie die Puste aus, alle und jeden, auch die vermeintlichen "Feinde", mit Liebe einzuschließen. "May they all be happy" heist: Die Energie ist überall greifbar und auch in uns allen, wir müssen nur offen dafür sein, - möge ich allen gegenüber offen sein, auch meinen angeblichen "Gegnern". Die Liebesenergie fließt dann von selbst; sie braucht nicht von "mir" geschoben oder "versprüht" zu werden.

 Außerdem versorgten wir Garten + Haus mit 10 großen Müll- / Abfalleimern und unsere Behausung entwickelte sich mit der Zeit zu einer von den Minimönchlein gern besuchten "ambulanten Behandlungsstelle" für alle mög­lichen Furunkel und Krätzestellen , besonders am Kopf.

Ich machte auch paar Skizzen vom Vihara (das mach ich immer auf Reisen), lies sie rahmen und schenkte sie dem Kloster.

 Gerald fährt morgen nach Mysore. Hera und ich bleiben noch etwas hier. Ich hab meine Hilfe im Büro angebo­ten. Hera fliegt eventuell nach Deutschland zurück, falls ihr Kreuz nicht besser wird.

Es regnet in Strömen! Einstweilen alles Liebe. Christoph

07.09.04, Bangalore

Liebe Natsu Tsuki, wie geht es Dir? Wie war Dein Retreat?

 Ich bin seit Anfang August in Südindien, hauptsächlich in Bangalore im Mahabodhi Vihara (Theravâda- Kloster) und in Mysore im angegliederten Schülerheim. Mahabodhi ist die buddhistische Association, die wir von Deutschland aus unterstützen. 

Ich war für 2 Wochen Mönch auf Zeit im Kloster (Haare ab, gelbe Robe) - natürlich viel zu kurz (ich meine die Zeit, nicht die Haare!), und  während des Mönchseins kam man nicht so intensiv dazu, in der Buchhaltung helfen und durfte auch nicht ohne wichtigen Grund aus dem Kloster. Hab während der Zeit sehr viel gelernt und einen guten Einblick in das Dasein eines Theravâda-Mönchs (in einer ansonsten nicht-buddhistischen Stadtumgebung) bekommen. Der Tagesverlauf war etwa so: 4.45h Aufstehen, 5.15-6.30h Chanting, dann bisschen Gartensäubern, 7h frugales Frühstück bestehend aus 1 Schale Reis + pflanzlicher scharfer Sauce, 8-11h Meditation, 11.30h lunch - letzte Mahlzeit d. Tages, bestehend aus Schale Reis + etwas scharfem Gemüse + 1 Banane od. Papaya-Stück, 12.30h, dann paar Forunkel u. kleinere Verletzungen der Minimönchlein behandeln (die jüngsten sind 4 J., die meisten 6-10 J., einige, die "Lehrer", bis 20 J.), 14.30h Dhamma-gespräch mit dem Meister, 16h Tee, danach Meditation, 17.30-18.45h Chanting, 19h 1 Glas Flüssigkeit f.d. Nacht., 19.30 - ca. 21h Medi-tation, dann Beschäftigung mit d. Dhamma od. Pali-Verse für's Chanting auswendig lernen bis ca.23h (oder Tagebuchschreiben). Dann Einschlafmeditation + traumloser Schlaf bis 4.45h.

 Die Meditation ist hier was völlig anderes als, was z.B. bei MB abgeht (na ja, MB sagt ja auch immer, dass bei ihm NICHT meditiert, sondern mit Energie umgegangen wird, und das wichtigste die absichtslose Öffnung ist). Hier aber ist's hauptsächlich Kontemplation und weniger Vertiefungsübung - also sehr mind-oriented. Oft aber ein Gemisch aus beiden.

Kontemplation hab ich selbst bisher nie geübt, das war für mich was Neues. Mit den Formeln (meist aus dem Dhammapada, d.i. der Lieder-Teil des Tipitaka (vergleichbar mit den Psalmen im jüdisch-christlichen Bereich)erscheint es zunächst was ziemlich Mechanisches. Zunächst wird damit der Mind von diskursiven Tagesgedanken saubergemacht, und was anderes "in ihn reingefüllt" (also nix von "Leerwerden" !!!)

Ein sehr wirkungsvolles derartiges "Tool" ist z.B. Buddh-anussati, d.i. Betrachtung der 9 Buddha-Qualitäten: Man rezitiert sie in einer verzahnten, recht trickreichen Weise in 9 Zirkeln auf Pali. Nachdem das maschinenartig läuft, u. der Mind von anderem "sauber" ist, wiederholt man dasselbe, und kontempliert über die Bedeutungen der Pali-Schlüsselwörter. Immer wieder, bis sich diese Bedeutungen in innere Bilder verwandelt haben. Mit den Bildern kann man schneller + flexibler arbeiten, als mit Worten od. Bedeutung, man kann sie anders kombinie­ren. Und dann passiert - zuverlässig, und fast jedes Mal!! - was ganz erstaunliches: Man bekommt blitzartig eine tiefe Einsicht in Aspekte des Dhamma, und das ist i.d. Regel mit einem unbeschreiblichen Gefühl des Jubels und des Triumphes verbunden, und es erfolgt eine totale Lösung des Köpers. Dabei darf man aber nicht stehen bleiben, sondern muss versuchen, die "Einsichten" zu vertiefen.... usw. usf. Man kann jedenfalls ab einem gewissen Punkt, so lange man will (!!) in diesem wunderbar klaren Zustand verweilen und ihn dann bewusst beenden. - Dann hält es noch lange an, wenn man danach was anderes macht.

Das ist eine sehr gute Erfahrung für mich - aber verglichen mit dem Space von MB ist es eben doch ein herrliches "Mind-Theater". Das ändert sich erst, wenn man diese Kontemplation bewusst mit Mettâ (unvers. Liebe) und Anatta (nicht-selbst) in Verbindung bringt. Dann wird’s echt fast wie mit MB!!!

Das nächste Mal mehr. Alles Liebe CL

08.09.04, Bangalore

Liebe Indienreisegruppe und Freunde der DBHV:

Genießt den herrlichen Spätsommer in Deutschland (wenn Ihr aus dem Büro kommt)! Hier in Banga­lore regnet - nein schüttet - es, was das Zeug hält. Ich versuche seit Tagen, Wäsche auf unserem Klosterdach zu trocknen. Geht nicht. Mittlerweile muss ich sie wohl noch mal waschen. Die Regenzeit scheint jetzt erst richtig anzufangen. Die Leute sagen, es regnet sehr viel gegenüber letztem Jahr. Der August war dagegen wirklich ideal für die Reisegruppe!!

Gerald ist gestern nach Mysore abgedampft. (Hat aber seinen Pass bei BA gelassen, damit er nicht wieder in Panik gerät, wie damals in Mysore, als er ihn auf dem Klo (? - glaube ich) verlegt hatte). Hera geht es besser, seit sie ein starkes Mittel einnimmt. Sie wird aber doch am 15.9. nach Deutsch­land zurück fliegen, das ist seit heute sicher.

 Seit gestern bewegt sich endlich was, und sie nehmen endlich mein Angebot wahr, etwas in der Buchhaltung zu verbessern. Das kam so: Vor paar Tagen hab ich dem Meister Bada Bhante 5 schön gerahmte Skizzen geschenkt, die ich im Klostergarten angefertigt hatte. Statt zu fotografieren, zeichne / aquarelliere ich lieber; das ist für mich wie eine Art Meditation, in der die Dinge "so wie sie sind" betrachtet werden, ohne Wertung; und ihre Energie durch die Augen ins Herz und dann wieder durch die Hände raus auf's Papier fließt, - ein wunderbares Gefühl hat man bei dieser Tätigkeit, wo Auge, Herz, Umgebung und Hand nicht mehr unterschieden werden. Das Ergebnis ist nicht so wichtig; es muss in ca. 20 Min. raus sein, sonst ist’s vom Mind konstruiert. Ich male nie "Bilder".

Sie sind recht schön geworden. Bada Bhante hat sich sehr gefreut. Als ich ihm sagte, ich möchte dem Kloster bisschen helfen, die Office-Arbeit zu verbessern, denn ich hätte viele Jahre die Qualitätssicherung in unserer Firma aufgebaut und könnte die dort gemachten Erfahrungen doch hier ein­bringen, stellte sich heraus, dass er, bevor er seinen spirituellen Weg antrat, selbst in der Qualitäts­sicherung beim Militär tätig war. Da war das Eis gebrochen, und er "befahl" allen Anwesenden sofort, mein Hilfeangebot anzunehmen und mit der Arbeit zu beginnen.

 Seitdem geht es recht schwunghaft "bergauf" mit dem Entwurf der Verbesserungen. Ich hab erst mal gelernt, wie die hier arbeiten, und es ist wirklich an allen Ecken und Enden was effektiver machbar und Aufwand ein­spar­bar. Die elementarsten "Tricks" sind unbekannt. Das wäre eigentlich 'ne echte Entwicklungsarbeit für'n ganzes halbes Jahr.

 Bhante Ananda nützt die entstandene "Aufschwungenergie" aus und unterstützt mich nach Kräften. Ich habe ihnen erst mal ein graphisch verständliches, auf dem "Geschäftsjahr" basierendes Konzept (auf Powerpoint) entworfen und erläutert. Seit gestern sind wir fleißig dran "Titles", "Expenditure Categories" und die Geschäfts­prozesse zu definieren (da muss man vorsichtig sein, dass man nicht zu viel umkrempelt!!). Dann werde ich den Dateiensalat von Bhante Kassapas PC durch eine dem Konzept entsprechende Datenbank ersetzen.

 Parallel dazu hab ich mal in die Papier-Akten geguckt, - falls die auffindbar waren, - na da sieht's halt auch eher aus wie im Zoo als wie in einem Office. Nicht schlimm, dass kenn ich ja von Argentinien und Äthiopien her. Also Ärmel hochgekrempelt und: Nun werden erst mal Aktenschränke und gescheite Aktenordner angeschafft. Dann wird der ganze Papiersalat (nach dem neuen Konzept geordnet) in die neuen Aktenordner zu bringen sein und alles muss gut beschriftet werden. (Dass dazu keine dünnen Bleistifte, sondern dicke Marker-Filzstifte zu verwenden sind, und dass das Geschäftsjahr einzutragen ist, sage ich ihnen erst, wenn sie mit dem Beschriften anfangen sollen. Dass überhaupt was auf die Aktenrücken zu schreiben ist, damit man das Zeug wiederfindet, ist hier total unbekannt!!)

 Na, jedenfalls bin ich voll in meinem Element und sehr happy, den Mönchen helfen zu können.

Meditieren tu ich deshalb ein bisschen weniger, als während der vorübergehenden Mönchszeit, aber es klappt auch wunderbar mit dem, was Bada Bhante und BA uns beigebracht haben: dafür gehe ich so oft ich kann, zum Chanten (nachmittags, denn früh um 5h bin ich noch nicht ausgeschlafen, weil ich meist bis 24h am Computer sitze).

Die Chanting-Verse auf Pali kann ich schon ein bisschen auswendig und mit der Aussprache und Betonung geht’s auch besser.

 Die Zimmer von Hera u. mir haben sich ein bisschen zum Ambulanzplatz für die liebenswerten Minimönchlein entwickelt. Jeden Morgen kommen ein paar mit Schnittwunden, Furunkeln, Krätze usw. und wollen behandelt - und wichtiger ! geliebkost - werden. Da geht einem richtig das Herz auf!

 Am liebsten würde ich noch für'n Jahr hier bleiben. Aber da macht meine Familie und die Gertraut wohl nicht mit. Ich will jedenfalls, wenn's der Geldbeutel erlaubt, nächstes Jahr wieder hier her. "Es ist viel zu tun; packen wir's an."

 Bis zur nächsten Rund-eMail alles Liebe. Christoph

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10.09.04, Bangalore

hallo Ihr Lieben,

Der Spätsommer bei Euch muss ja - nach Berichten von Ariane und Gertraut - traumhaft schön sein.

Heute waren wir in einem riesigen Krshna-Tempel. Den hat übrigens der Mann gegründet, (A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupâda), von dem auch die vielen Hare Krshna Gruppen in Deutschland, die so Mitte/Ende der 60er Jahre entstanden, herstammen. Das Hare Krshna Zentrum im Taunus musste vor paar Jahren zumachen, weil sie krumme Geschäfte mit Drogen gemacht haben.

Anschließend haben wir einen Verbrennungsplatz besucht. Es wurden gerade die Abschiedszeremonien für 2 Verstorbene abgehalten. Der 79-jährige Mann auf der ersten Bare war 9 Jahre lang in Stuttgart bei  Bosch gewesen. Ich hab mich ausführlich mit seinen Neffen und Nichten unterhalten, die ihn brandbestattet haben. Nach vielem zeremoniellem Herumgewandere der Bestattungsbrahmanen hat man die Bare dann mit ver­einten Kräften in den Ofen geschoben (elektrische Verbrennung; also nicht so "romantisch" wie Verbrennung auf dem Holzstoß). Das konnten wir alles genau mit ansehen, wie der Leichnam dann in Flammen aufging. Da die Leute ja alle an Wieder­geburt glauben, ging alles ziemlich undramatisch vonstatten.

 Mit den Entwicklungen zur Verbesserung der Office-Struktur des Vihara komme ich ganz gut vorwärts. Mit Bhante Ananda kann man ausgezeichnet zusammenarbeiten. Bei Bhante Kassapa ist das ein wenig schleppender

 Heute ist es ausnahmsweise bisschen trockener, so dass ich meine Wäsche aufhängen kann. Die Affen werden immer frecher. Vorgestern haben sie von uns bisschen Obst gekriegt. Seitdem kommt eine ganze Horde, pünktlich um die Mittagszeit auf die Dachmauer neben unseren Wohnräumen (die haben sich genau gemerkt, wann's bei uns auf dem Dach Mittagessen gibt!). Mit dem einen hab ich ein Gezerre um den Abfallkorb gehabt, er auf der einen Seite, ich auf der anderen. Als er den Korb ausleerte und den Dreck in der Gegend rum­schmiss, habe ich ihn "ermahnt" und alles wieder ein­geräumt, er gefaucht und alles wieder raus, ich alles wieder rein, usw. Schließlich wollte ich die ulkige Situation fotografieren, da ist er sofort abgehauen, denn die haben großen Respekt vor dem Foto-Blitz und erkennen offenbar sofort, wenn man fotografieren will. Hera hat sich schief gelacht.

Bleibt alle gesund und munter. Alles Liebe Christoph

11.09.04, Bangalore

hi Jutta, du fragst nach dem Verbrennungsplatz?

Das ist ein Friedhof wie alle andern auch. In Indien wird ja viel verbrannt, das ist kasten-abhängig. Die meisten Hindukasten verbrennen ihre Verstorbenen. Die Muslims und die Christen beerdigen meistens. Nur einige niedere Hindukasten beerdigen auch (u.a. deshalb, weil Verbrennungsholz teuer ist).

Jeder hat also Zutritt zum Friedhof; der enthält zugleich auch die Verbrennungsstätte. Natürlich haben wir um Erlaubnis gefragt, an der Verbrennungsfeier teilnehmen zu dürfen. Und die Verwandten des Verstorbenen waren sehr zugänglich und freundlich. Der Verbrennungsofen ist elektrisch geheizt. Früher hat man ja nur auf Holzhaufen verbrannt und z.T. wertvolles Holz (u.a. auch Sandelholz) verwendet. Das ist sehr teuer. Auf dem Land macht man es immer noch mit Scheiterhaufen. In Orissa hab ich letzten Dezember so einen gesehen, der sah ziemlich grausig und schmutzig aus, die Scheiterhaufen waren zu klein, es guckten hier ein angeschmorter Arm, dort ein Bein raus, die Krähen und Hunde haben sich die Reste geholt.

Guten Appetit zum Abendessen.

Die Fahrt zu den Holy Places starten wir am 25.09. (glaub ich). Lieben Gruß Christoph

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12.09.04, Bangalore

hallo liebe Nachbarn!

Hier ist es Sonntag, 22h. Der Internetshop hat noch auf, da bin ich rein und chatte noch bisschen. Ich hab den ganzen Tag die Bücher des Vihara (= Kloster) durch geschaut, um zu sehn, ob meine Vermutung der Uneffek­tivität, wie sie hier arbeiten, und meine entsprechenden Verbesserungs­vorschläge stichhaltig sind. Meine Nabel­schau hat alles übertroffen, was ich mir so vorgestellt habe!! Es ist tatsächlich ein einziges Chaos, was sie hier verzapfen, - und (für mich das Wichtigste!): Meine Verbesserungsvorschläge treffen ins Schwarze, ich kann sie also weiterentwickeln. Hab also heute darauf hin die "Ist-Analyse" und die Bedarfsspezifikation fast abgeschlos­sen und bin auch schon mit dem Implementieren zu 40% fertig.

Morgen ist wichtiger Tag. Da werde ich meine Zwischenergebnisse nicht nur dem Kloster-Abt (der weiß schon i.w. bescheid, er ist hoch intelligent!!) sondern auch den Officemitarbeitern vortragen. Es geht schließlich darum, dass die 4-fache Effektivität mit der halben Belegschaft machbar ist. Da muss man vorsichtig sein mit den Weg­rationalisieren. Zum Glück kann ich einen Mönch weg­rationalisieren, der (wie mir jetzt klar wird) nur wegen der Klosterhierarchie als Treasurer eingesetzt ist, - und nicht einen der armen "Zivilisten"!

Ich hab noch knapp 2 Wochen Zeit zum Fertigstellen, Ausbilden  und In-Betrieb-gehen-lassen. Dann geht die Reise für ca. 3 Wochen nach Norden, nach Bihar & Uttar Pradesh, zu den "holy places", wo Buddha gelebt & gelehrt hat. Bin sehr gespannt drauf.

Einstweilen Euch alles Liebe, feiert Gertrauts + meinen Geburtstag schön! Christoph

14.09.04, Bangalore

hallo herzallerliebste Michaela. Was alles mit "Spiritualität" bezeichnet wird, erscheint mir meist als "mind theatre". Buddha-anussati (hab ich hier kräftig geübt) ist mind theatre (sehr schönes übrigens!), Meditation ergeht sich oft in mind theatre (besonders oft bei den Theravadim), der eigenen Seele auf den Grund gehen ist (verstärktes) mind theatre, metta-Üben ist mind-theatre, wenn man meint, man müsse dabei Liebe versprühen - - man braucht überhaupt nix zu versprühen, denn, was "Du" ver­sprühen willst, ist längst im Überfluss da, überall!! (Du kannst allerdings metta jemandem "vermitteln", wenn er durch dich angeregt wird, seine Augen auf zu machen, und wenn er dann was Wunderbares sieht: Nämlich NICHTS (das Schönste, was es gibt!!!) 

 Das einzige, was für mich nicht mind theatre ist, ist schlichtweg VERSCHWINDEN des mind - dann ver­schwinden auch alle mind theatres, und alles ist klar und furchtbar einfach  - HERRLICH EINFACH.

 "Erleuchtung" ist direkt um die Ecke, jederzeit da - - und kann zugleich von "mir" NIE ERREICHT werden. Dazu muss "ich" erst verschwinden! So einfach ist das!! (Buddha sagt dazu "anatta").

Ich hör jetzt auf, sonst vergraule ich Dich noch.

 ... Dann friert mal schön in den Winter hinein und streichelt Eure (nicht vorhandenen!) Seelen.

 Heute haben wir beschlossen, die Regenzeit sei hier zu Ende. Es ist ein strahlender Tag und schon recht heiß.

 Alles Liebe Christoph

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14.09.04, Bangalore

hallo Susi,

halt durch bis Dezember. Ich bete jeden Tag zum (nicht mehr vorhandenen) Buddha, dass er Dich für die Reise fit hält, aber er sagt, Du seiest dafür selbst verantwortlich, und er habe deshalb so auf der ACHTSAMKEIT herumgeritten, damit die Leute merken, dass sie sich von niemandem was wünschen können, natürlich auch nicht von ihm, sondern, damit sie lernen, selbst auf sich zu achten.

 Heute hat Yogi, das liebenswürdige und umsichtige Schlitzauge aus Arunachal Pradesh, die Regenzeit für beendet erklärt. Es ist ein strahlender Tag und schon recht heiß. - So plötzlich? fragte ich. Na und da meinte er, vielleicht regnet's abends doch wieder. Und da haben wir uns beide kaputt gelacht.

 Gestern war ein Erleuchteter Mönch im Vihara. Hab ihn leider nicht mitgekriegt, weil ich dem Urs  (das ist der Accountant) die neue Buchhaltungsstruktur, die ich mit Bhante Ananda ausgekocht habe, nahe zu bringen suchte. Der ist recht clever. (Hab Tag + Nach getippt + gehackt)

Hera war jedenfalls ganz high, weil sie von dem Erleuchteten gesegnet worden ist. - Und das ganze Kloster hat noch paar Stunden danach geleuchtet, und man konnte sehr gut meditieren.

Ja, das ist Indien!!  Ciao + much love. Christoph

16.09.04, Bangalore

liebe Natsu Tsuki,

herzlichen Glückwunsch zum Goose-Jubiläum!

Warum sagst Du, "der buddhistische Weg" gefalle Dir jetzt besser? Was is'n da für'n Unterschied, wenn man lernen will, wie es ist "sehen zu können"?

Man kann es natürlich mit viel "mind-theatre" (wie bei den Theravadim) machen - ich hab's hier ja auch trainiert, hat mir gut gefallen, das schöne mind theatre, mit Buddhaanussati und mit Chanting: Buddha-Dhamma-Sangha und Namo tassa bhagavato arahato samma sambuddhasa. Besonders Buddha-anussati ist phantastisches mind theatre!

Aber ich bin hier über dieses mind theatre noch nicht rausgekommen, weil ich da noch ein Anfänger bin.

 Man kann’s aber auch wie Michael machen. Das ist etwas "unsicherer" und es kommt aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung und "schlägt" dich.

Nach großartiger Vipassana- Meditation, sah ich z.B. nächsten Morgen eine Krähe auf dem Palmbaum sitzen. Sie machte "krah krah". Und ....

ich war "verschwunden - samt Buddhaanussati und Namo tassa...". Alles war klar und furchtbar einfach. GROßES GELÄCHTER. 

 Aber 's ist halt nur 'ne andere Masche. Am besten, man strickt überhaupt keine "Maschen", sondern lebt als entsetzlich trivialer Weltbürger und tut seine Pflichten, bis man sich in Luft aufgelöst hat.

Erleuchtung ist um die Ecke, 1 mm vor Deiner Haut, und für immer unerreichbar für den mind, denn da gibt's NIX zu trainieren, NIX zu erfahren!!!

Alles Liebe CL

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17.09.04, Bangalore

hallo Ihr Lieben.

 Heute bin ich mit meinem Buchhaltungssystem fertig geworden. Vormittag hab ich's vorgeführt und gesagt, für die Buchhaltung sei das nun das Zweitwichtigste gleich nach dem Dhamma. Bhante Ananda hat gelacht. Der Urs (der Accountant) sitzt jetzt (Nachmittag) im Vihara Office und probiert die ersten Schritte damit, nachdem er eine wortreiche Einweisung über sich hat ergehen lassen müssen. Ich hab ihm die Aufgabe gegeben, die Daten­migration von 1.4.04 bis 31.8.04 aus den (alten unprozessierbaren, von Fehlern wimmelnden) Listen ins neue System zu starten. Er wollte erst Montag anfangen, aber ich sagte, da müsse er bereits fertig sein! (Natürlich ist er am Montag nicht fertig; sicher sitzt er auch nicht mehr am Computer, sondern ist, 5 Min. nach meiner Predigt nach Hause gegangen. Argentinier und Inder ... in dieser Hinsicht identisch!!). Aber ich will ja am 25.9. mit Kassapa + Gerald die Nordtour starten und den Officeleuten bisschen einheizen, damit ich, wenn wir zurück kommen, nicht noch mal von vorne mit dem Einweisen anfangen muss, denn danach will ich nach Mysore; da ist’s auf die Dafür doch schöner, und da ist auch was zu tun.

Vorgestern haben die Jains nebenan die ganze Nacht Krach gemacht mit Trommeln und Lautsprechern und Bumbabum-Musik, denn ihr "Großer Held" Mahavira (so heißt das auf Deutsch), der 24. Teertankaar und Zeitgenosse Buddhas, hatte Geburtstag. Die Jains sind alles sehr nette Leute und haben uns zum Fest einge­laden. Aber ich lag in den letzten Zügen mit der Fertigstellung meines Buchhaltungssystems und hatte keine Ruh.

Die Affen sind spurlos verschwunden, - schon seit fast 2 Wochen. Dafür gibt's in der Luft - außer dem unver­meidlichen Krähenvolk - sehr viele Weihen. Ähnlich wie bei uns über einer deutschen Kleinstadt vor 50 Jahren. Eine große grüne Gottesanbeterin krabbelt andauernd auf dem Honigglas rum, wenn ich mit der Hand näher komme, will sie zuschnappen. Ziemlich wehrhaft, das Vieh. Die Cocarachas sind bisschen kleiner als in Argentinien.

Hera haben wir gestern zum Flughafen buxiert. Sie war ganz aufgedreht und hat davor auf dem Dach sogar getanzt. "Kann ja nicht so schlimm sein mit Deinem Bandscheibenvorfall" meinte ich, "wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis! - Da hättest Du ja auch die Nordtour mitmachen können“. Sie protestierte heftig. Und kriegte zum Abschied eine schöne Puja. Der Taxifahrer war ein Muslim und sprach hauptsächlich Urdu, muss für seine Kunden aber auch Kanada, Telugu, Tamil, Maharati, Hindi und Englisch können. Er wurde sehr gesprä­chig, als ich ihm in bestem Hocharabisch die erste Sure aus den Qur'an rezitierte, und vergaß vor lauter begeistertem Rum­fuchteln beinahe das Steuer im Gewühl zu halten. Das nächste Tucktuck war nur 1,5 Milli­meter (!) entfernt. 

Das Wetter hat sich mal wieder beruhigt, nach Sintfluten vor 2 Tagen - der ganze Vihara stand unter Wasser. Es ist angenehm laue Luft draußen, - natürlich gewürzt mit einer dicken Portion Diesel­gestank. Ohne den geht’s hier nicht. Werde ihn vermissen, wenn ich von Bangalore weg bin.

 Wichtigeres hab ich leider nicht zu berichten, daher wünsche ich Euch jetzt noch einen sanften Herbst.

Alles Liebe Christoph

20.09.04, Bangalore

hallo liebe Gabi,

Mit Urs Kruppa (das ist der Accountant im Vihara Office) hab ich Glück: der ist ganz wild mit dem neuen System, er ist sogar Samstag gekommen und er wird Bhante Kassapa (den ehemalige Treasurer) mit eindringenden Fragen überfallen, wenn der von einer Reise wieder zurück ist. Hahaha - In Sachen Buchhaltung brauch ich mich vielleicht nicht mehr ganz so anzustrengen, wie ich gedacht habe: das System wird jetzt die Leute zwingen, etwas besser zu wirtschaften. Nur der Informa­tions­fluss muss natürlich verbessert werde.

Morgen starte ich eine gründliche Inspektion aller Räume des Vihara zusammen mit Yogi. Ich will eine Liste auf­stellen, was alles an Sanitären Anlagen, Putzzeug, Reinigungsmethoden - und alles was mit Hygiene zu tun hat - hier im Argen liegt. Es ist unglaublich, was alles fehlt. Man muss da wirklich ins Einzelne gehen. Die hier sehn das einfach nicht. Sie haben keinen Blick dafür.

Also Du siehst, dass ich genug Gelegenheit habe meine "deutsche Mentalität" hier toben zu lassen!!

Dafür hab ich von ihnen sehr viel in der Meditation gelernt. Darüber hab ich einen Bericht geschrie­ben.

Vorhin hab ich für die Firmenleitung ('tschldigung, muss heißen: Kloster-Leitung!) Ein Grundsatz­papier verfasst über die 5 wichtigsten Managementprinzipien, die ein buddhistischer Kloster-Abt zu berücksichtigen hat. - Bin mal gespannt, wie das ankommt, und wann sie mich rausschmeißen.

Bisher waren sie recht geduldig mit mir. Denn ich war auch immer sehr ehrerbietig. Es sind ja wirklich liebe Leute. Und sie haben eben ganz andere Fähigkeiten als wir!

.... Huch, das ist ja schon wieder  'ne kleiner Bericht, so was wollte ich eigentlich an alle schreiben. Aber ich schick’s jetzt schnell ab, denn der Server macht Zicken und kann alle Naslang anstürzen.

Alles Liebe Christoph

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21.09.04, Bangalore

hallo liebste Gertraut, (auch an S+F)

Wahnsinnig hohe Handy-Rechnung?!!?

.... so ähnlich wie ich mir's gedacht habe mit der Sms-erei von Indien aus als deutscher Telekom-Kunde, das hatte ich ja schon per sms versucht zu erläutern. Also nur noch ganz sparsam mit SMS-en!!! Ganz verzichten möchte ich nicht, besonders, wenn wir am 25.9. nach Norden fahren, da werden wir wohl unterwegs im armen Bihar nicht überall ein Internetcafe finden, und paar mal will ich mich schon bei Dir melden. (An S+F kannst Du's ja dann weitergeben).

Dass Du wieder in die Türkei abdampfst, war vorauszusehen - Gertraut in den Ferien allein zu Haus, wenn Mann weg? - Unmöglich!

 Heute hab ich die Inspektion fast aller Räume des Vihara zusammen mit Yogi, den aktiven, freund­lichen, umsichtigen und intelligenten Schlitzauge aus Arunachal Pradesh (21 J.) durchgeführt. (Er will Hardware + Networking lernen, dazu fehlt z.Z. nur das Geld, daher bleibt er vorerst im Vihara)

Der hygienische Zustand des Vihara ist für europäische Verhältnisse unmöglich, für hiesige Ver­hält­nisse viel­leicht gerade so normal. Ich bin gerade einen Report am schreiben und eine Bedarfsliste am aufstellen. Bis zur Abfahrt muss es fertig sein. So was haben die Sponsoren bisher nie gekriegt. Ich hab ihnen immer wieder gesagt, wenn Ihr nicht genau aufschreibt, was ihr braucht (mit Kostenvor­anschlag natürlich) kriegt ihr auch nix rein. Aber die sehen das nicht. Sie haben einfach kein Auge dafür. Sie haben halt nur ihr Dhamma (d.i. die Lehre Buddhas) im Kopf. Da muss ich halt so 'ne Liste aufstellen. Dabei braucht man nur die Sutten (=Lehrreden) des Buddha zu lesen. Der sagt auch in Hygiene- und Haushaltssachen, was Sache ist! Deshalb hab ich ihnen eine "Predigt" gehalten, wie man den Dhamma auf "weltliche Dinge" anwendet, und dass man seine "Rechte Anstrengung und Rechte Achtsamkeit (samma vayama, samma sati)" nicht nur in Richtung Nibbana verspritzen darf, sonst wird's einfach nix. Ich hab ihnen gesagt. "If you negate samsara, if you don't know the natural lows and functioning of samsara - would you be able to become enlightened? - NEVER!!!" (Gerald ist feuerrot geworden vor Verlegenheit, aber dem seine Anschauungen und sein Lebensgefühl sind so wie so ganz anders).

Urs (der Accountant) z.B. ist ganz begeistert von dem "neuen Wind" der hier weht. Na, bin mal gespannt, wenn ich weg bin (kennen wir ja alles von Äthiopien und Argentinien her). Bin gespannt, wann sie mich rausschmeißen. Aber das tun sie nicht, denn sie wissen ganz genau, dass ich ihnen nur helfen will. Ich nehm’ einfach kein Blatt vor den Mund, und das ist die einzige Medizin, die wirkt, damit bin ich schon immer gut gefahren (auch früher in meiner Firma); natürlich darf man nicht zu grob werden, das ist klar, die Inder sind sehr freundliche Leute, und das muss man würdigen und sich entsprechend verhalten. Übrigens, Ingo Diener den Patenschaftsbetreuer vor Ort in Mysore ist heilfroh, dass hier mal "mit Besen gefegt wird". Er war schon am verzweifeln. Deswegen will ich unbedingt nach Mysore und auch nach T. Narisipura (Mädchenheim 50 km südlich Mysore), um dort ebenfalls die Leute bisschen anzuregen - und beson­ders: ihnen klarzumachen, mit welchem Budget sie im Jahr rechnen können; solche Informationen wurden bisher aus dem Vihara nie richtig weitergegeben! Dazu hab ich ja dann noch einen guten Monat Zeit.

Du siehst also, ich bin bis zur letzten Minute vor der Reise zu den Holy Places beschäftigt, und danach ebenfalls.

Ich herze und Küsse Dich, und gib einen Schmatz an die Söhne! Dein Christoph

23.09.04, Bangalore

herzallerliebste Gertraut, (auch an S+F + Surina und noch paar),

jetzt bin ich mit allem fertig.

Meditationsbericht, Business-process design, implementieren der Account database, ein "Prinzipien­papier" für den Vihara hier (besonders für den großen Meister und für BA), und vorgestern hab ich die "Große Inspektion" gemacht, deren Ergebnisse ich gestern dokumentiert habe. Heut früh hab ich alles auf CD abgegeben. Mal sehn, was passiert.

Jetzt muss ich nur noch Kassensturz machen, Geld tauschen und für die Nordtour packen (hoffe 1 Rucksack reicht, das Notebook lasse ich hier; ist mir zu riskant, es mitzunehmen.)

Am 25.9. geht’s um 8h los per Bahn.

Wahrscheinlich ist die Route so: Chennai (=Madras, Tamil Nadu), Vijayawada (Andra Pradesh), Bubaneshwar (Orissa!), kurz vor Colkata nach Nordwesten nach Patna (Bihar) – oder vielleicht auch durchs Landesinnere über Hyderabad? - und Aussteigen in Varanasi (Uttar Pradesh). Von da ab geht’s dann mit Taxi durch die Lande.

 Feiert mal schön unsere Geburtstage. Alle guten Wünsche Dir liebe Gertraut vorab zu Deinem 40-sten Geburtstag (!!).

Denn: Während er Nordreise werden die eMails sicher schütterer ausfallen. Ich weiß nicht of auf dem flachen Land im armen Bihar überall Internetcafes rumstehen.

  Die Regenzeit hört langsam auf, es ist bedeckt aber trocken, wenn die Sonne rauskommt, wird's schon sehr heiß.

Bleibt gesund, grüßt alle und gehabt Euch wohl. Euer Christoph

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1.10.04, Bodhgaya (Bihar)

hallo liebste Gertraut, (auch an S+F + Uta + Surina + Christa),

jetzt hab ich endlich 'n funktionierenden Internetschuppen hier in Bodhgaya gefunden. Das ist der Ort, wo der Erleuchtungsbaum steht. In Sarnath gab’s keinen (Internetshop, meine ich, nicht Erleuchtungsbaum), in Varanasi waren wir nur nachts u. früh morgens.

 Wie hast Du Deinen Geburtstags-Werktag verbracht? Natürlich erst mal i.d. Schule. Na am Samstag (od. Sonntag?) kommen ja die Gäste. Eistorte könnt' ich jetzt auch gebrauchen!! Es ist wahnsinnig schwül, bei jeder Bewegung ist das Hemd sofort patsch nass.

Bihar ist sehr, sehr arm, ärmer noch als das verwahrloste Uttar Pradesh um Varanasi rum. Alles "schwarz" hier; die Leute, die Hütten, die Schlammpfützen, die trägen Büffel. Man sieht ausnahmslos finstere Gesichter! Dabei ist das Land recht grün. Und die Leute sind alle trotzdem recht freundlich. Man muss nur geeignet mit ihnen reden. Ich hab schon zwei, die mich als Guru haben wollen -- Hahahaha! Damit will ich nur andeuten, dass ich selbst die gewieftesten Verkäufer an der Drecks­straße in 2 Minuten dazu bringe über sich selbst nachzudenken, egal wie schmutzig sie aussehen und egal wie arm sie sind oder egal wir dumm sie dreinschauen.  - Nun, das geht aber eben nur in Indien! In Afrika oder Südamerika hätte ich damit sicher weniger Glück. Na und in Deutschland....?

Jedenfalls ist Karnataka dagegen wie ein "Paradies". - Fruchtbar, gemäßigtes Klima, nicht verelendete Bauern, Essen billig + im Überfluss da für jeden, Dörfer ziemlich sauber (für indische Verhältnisse), Leute bunt und gut gekleidet, Familienstrukturen seit Alters her stabil, unabhängig von den historisch abwechselnden Herrschafts­systemen. Schulbildung "top".

Mädchen viel hübscher als hier. Die Leute hier in Bihar dagegen scheinen eine andere Rasse zu sein - sie sehen z.T. fast wie Wedda oder Australoide aus (??)  ( – hab nachgefragt, ja, es gibt viele „Tribal“-Dörfer)

 In Sarnath übernachteten wir im Chinesisch-Buddhistischen Kloster, - sehr freundlicher gepflegter Garten. Hier in Bodhgaya wohnen wir im einem Hostel, das einem ehemaligen Mönch des Maha­bodhi-Vihara Bangalore gehört. Er haute vor ca. 15 Jahren aus dem Vihara ab, als Bada Bhante (der Chef) gerade in den USA war, und fand hier paar Sponsoren aus Taiwan + Japan, mit deren Hilfe er hier paar Grundstücke aufkaufte. Da die Buddha-Pilgrim-Wirtschaft hier recht boomt, konnte er sie günstig wieder verkaufen und hat sich ein schönes freundlich-gelbes Hostel gebaut mit dem pom­pösen Namen "Asian Buddhist Cultural Centre". Er ist ein Schlitzohr, das seine Bhikkhu-schaft gut für weltliches Geschäft verkaufen konnte. Aber mit Bhante Kassapa versteht er sich sehr gut. Sie kommen fast aus demselben Dorf in Ladakh und reden in ihrer Landessprache. Und das ist unser Vorteil.

 Gestern hab ich den sehr schönen Garten gemalt.

Heute morgen war ich nicht im Großen Tempel, - hab dafür um 6 h sehr schön im Garten auf 'm Stuhl meditiert. Vormittags waren wir an 2 für Buddhisten bedeutsamen Orten in der Umgebung: 1) Dem Berg, wo der angehende Buddha seine extremen Asketenübungen aufgab und den "mittleren Weg" anfing einzuschlagen. 2) Dem Ort, wo das Mädchen Suchata den Buddha (paar Tage später) gutes Essen zum Geschenk brachte; sie hatte ihn allerdings mit einem Baumgeist verwechselt, den sie um Hilfe bitten wollte wegen irgendwelcher Love-affairs. Gotamo aber nahm das Essen dankbar an.

Zwei Frauen aus Srilanka begleiteten uns. Sie werden auch die nächsten Abschnitte unserer Tour mit uns sein, das macht für uns das Taxi auch billiger. - Das ist der teuerste Teil der Reise ( ca. 6 Rupees pro Kilometer!). Unterkunft + Essen sind dagegen spottbillig. Wir essen fast nur Reis + Gemüse.

 Argentinien...?! Also frühestens Ende Februar. Natürlich auch nicht zu spät, damit wir nicht zu sehr in der Argentinischen Winter kommen. Ich werde ziemlich viel zu tun haben von Mitte Jan. bis Ende Feb.05, um das 1/2 Jahr aufzuholen (unsere Steuererklärung, noch mal Debeka Erstattungsantrag; Abschluss DBHV 2004, Bericht an Paten + Mitglieder, ... und mindestens 3 - 4 andere Sachen, die mir z.Z. aus’em Kopf sind)

 So, ich geh jetzt bald rüber in den Großen Tempel zum Chanten. Das ist immer sehr schön. Es ist 17h und immer noch furchtbar heiß.

 Alles Liebe  Dir und den Gästen (morgen / übermorgen?). Und ganz viele Grüße an alle, besonders an S+F. Christoph

14.10.04, Bodhgaya

schön, dass ich jetzt Eure email-Adresse habe, die scheint neu zu sein (ich hatte ne andere und hatte Euch auch auf den Verteiler gesetzt). Ihr kriegt also auch die nächste Rundmail. Bin eben von der Nordtour zurück und checke die 27 nicht beantworteten Nachrichten erst mal durch (in Bihar + Uttar Pradesh hab ich nur 1x 'n Internetshop gefunden, daher war "Funkstille", und jetzt muss ich nachholen.)

 Grüßt mir die „Qualmende Socke“ - und an Ursula herzlichen Glückwunsch nachträglich - und für Felix halte ich die Daumen fürs Abitur, aber bei dem braucht man ja keine Furch zu haben!

Aha, Ihr wart auf Bali. Nun, dann kommt Ihr sicher auch mal nach Indien, aber Achtung: Bali ist "zuckersüß" (für Touristen), Indien  ist schwarz, giftig, dreckig, ... (jedenfalls an vielen Stellen) aber wahnsinnig faszinierend, widerspruchsvoll, großartig und hoffnungslos zugleich. Indien hat in den ganzen Osten ausgestrahlt, mehr eigentlich als China! Das habt Ihr ja auf Bali gesehen. Die Inder sind Handelsleute, keine Eroberer. Mit dem Handel haben sie auch ihre Kultur, Baukunst und Religionen exportiert. (Tibet, Afghanistan, Burma, Thailand, Cambodja, Indonesien, ja auch nach China) viel mehr als in den Westen (da ist bloß das Esoterische Theater hin gelangt und hat eine merkwürdige Synthese mit jüdischem Mystizismus eingegangen - für mich ein ziemlich unerträglicher Mischmasch, aber in Indien selbst nix besonderes (da wird alles durcheinander gemischt, alles was wichtig erscheint fürs spirituelle Leben, das ist hier so wie Schokolade für den Geist, die braucht und konsumiert hier jeder. Es hat - im Gegensatz zu Europa - überhaupt nix Anrüchiges, sondern gehört zum täglichen Gebrauch). 

Bis zur nächsten Rundmail alles Liebe, Christoph

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15.10.04, Bangalore

Wir, d.h. der Venerable Kassapa (Mönch) und ich, sind seit gestern von unserer Nordtour zu den buddhistischen "Holy Places" in Bihar und Uttar Pradesh wieder wohlbehalten zurück ins Mahabodhi-Kloster, Bangalore gelangt, wenn auch ein bisschen im Magen angegriffen (Gerald war zurück geflogen). Hatten die Nacht in einer Spelunke in Chennai verbracht, weil wir gestern keinen Zug-Anschluss mehr bekamen (Bhante Kassapa hatte aus unerfindlichen Gründen in Bodhgaya nur die Rückfahrt Varanasi-Chennai aber nicht Chennai-Bagalore gebucht, und gestern war (angeblich) alles ausverkauft. Ich glaub die machen damit irgendwelche Sonderge­schäftchen. Na ja, nicht schlimm. Chennai ist heiß. Bangalore sehr angenehm dagegen. Mein Bauch ist nach wie  vor "kaputt", aber das gibt sich wieder. Das kam wohl daher, als ich vor paar Tagen gefiltertes Wasser statt Mineral­wasser aus versiegelter Flasche getrunken habe, das darf man als Euro erst, wenn man so viel Dreck + einheimische Bazillen geschluckt hat, dass dem Körper sowieso egal ist, was reinkommt. Aber es kam wohl Mehreres zusammen. Wenn man 14 Tage nur unbeschreiblichen Dreck um sich hat - wie das in Bihar und Uttar Pradesh unvermeidlich ist (das sind wirklich die letzten und ärmsten Länder Indiens!!!) dann muss ein europäi­scher Magen-Darm-Trakt ja irgendwann mal in die Knie gehen.
Also: Orissa (im Nordorsten, wo wir letztes Jahr waren) war da nix dagegen. Da war's ländlich und ab und zu der unvermeidliche Straßenabfall. Aber die "Dörfer" in Bihar .... wirklich unfassbar, die Menschen auf dem Land (besonders die Tribals) sehen wie verwahrloste Tiere aus, sind scheu, mit finsteren Gesichtern. Absolut hoffnungslos alles da oben. Nix Gescheites wird angebaut, dabei ist der Boden da genau so geeignet für Papaya, Bananen, Gemüse, und Wasser ist im Überfluss da. Aber man sieht wenig, wenig, nur Müll, Müll, Müll!!

 Wäre ich zynisch, könnte ich fragen, ob's ein Zufall ist, dass der Erleuchtete vor 2,5 tausend Jahren ausgerech­net in diesem Gebiet geboren ist und tätig war. Das ist wirklich das 'schönste Samsara’, das so richtig zur Auf­fassung der Altbuddhisten passt, -  wie die Welt auszusehen hat, damit auch der Dümmste merkt, dass es sich lohnt, dem Buddha in's Nibbana zu folgen.
- Aber wenn man näher mit den Leuten ins Gespräch kommt (if English available) , merkt man, viele wollen aus diesem Elend raus, haben aber keine Ahnung wie. Sie fühlen sich meist von allen vergessen und im Stich gelassen, besonders von der korrupten Landesregierung von Bihar. Es gibt aber auch paar erfreuliche Eige­ninitiativen.

Mich interessiert wirklich, warum sich diese Länder  - Bihar, Uttar Pradesh, Rajastan, Orissa, Madyapradesh ... - so sehr von Yammu/Kashmir und besonders von Kerala, Karnataka, Tamil Nadu, ... unterscheiden; was sind die historischen und kulturellen Ursachen?? Ein Professor aus Bangalore erklärte mir, das liege an den Famili­enstrukturen. Die seien im Süden (Karnataka, Tamil Nadu) seit Jahrhunderten stabil, trotz wechselnder Herr­schaftssysteme, während das im Norden viel mehr durcheinander gegangen sei, und außerdem gebe es im Norden sehr diverse Stämme (Tribals), die sich gegenseitig streiten, und die zum Teil als „Untouchables“ außerhalb der Hindukultur leben.

 Aber ich komme schon wieder vom Hundertsten ins Tausendste. Also immer schön der Reihe nach.

Bahnfahrt Bangalore - Chennai (Madras) - Varanasi (Benares): Dauer zwei Nächte + 1,5 Tage. Schlaf­­wagen 2. Klasse, recht eng für 4 Personen, aber dafür kommen um so besser Gespräche auf! - Und noch viele andere Fahrgäste, zum Beispiel eine große Vielfalt von Kakerlaken, zwischen 2 mm und 3 cm groß, sehr flink und schlau. Die Großen (z.B. 5 - 8 cm wie z. B. in Argentinien) könnten sich nicht so gut in den Blechritzen verstecken, wenn die Waggonreinigung kommt (ab und zu kommt die tat­sächlich, scheint aber nur ganz bestimmte Partien zu reinigen). Fenster zu, man kann nur mit Mühe rausschauen, denn sie starren vor Dreck; na dann macht man am Waggongende halt die Türen auf und lässt die Beine rausbaumeln.  

Übrigens, sehr fortschrittlich: auf allen Bahnhöfen und in allen Abteilen ist Rauchverbot! Ein indischer Abteil­nachbar meinte allerdings, wenn du dem Schaffner 'ne europäische Zigarette anbietest, sei das Rauchverbot automatisch aufgehoben. 

Wagenservice findet andauernd statt -- "Tschoi, tschoi: koufeii, koufeii" (soll Tee, Kaffee heißen!); und an den vielen Haltestellen kommen die Leute mit Früchten rein, und die Bettler (die natürlich offiziell nicht reindürfen) denken sich allerhand Tricks aus: Z.B. kommt auf einmal ein schwarzgrauer junge zwischen den Bänken auf allen Vieren dahergekrochen und wedelt eifrig mit dem "Besen", wenn er bei Dir angelangt ist, geht’s sofort los: Le, le, le (d.h. gib, gib, gib), bis ihn einer wegjagt.

Allerdings, die überfüllten Züge, wo noch auf dem Dach jedes Waggons je ca 50 - 100 Leute lagern, hab ich jetzt nicht mehr gesehen. Das war damals vor 40 Jahren meine Erkenntnis über den indischen Zugverkehr, die mich  damals sehr beeindruckt hat.

 Varanasi ist eine der heiligsten Städte Indiens - und dementsprechend dreckig (komisch, Dreck scheint in diesem Land selbst was mit Heiligkeit zu tun zu haben. Klingt albern, aber diese Korrelation sieht man an allen (!!) heiligen Orten: Je heiliger der Ort, desto mehr Müll sieht man. - Varanasi, Puri, heilige Ghats in Kalkutta, Tiruchirapali, egal wo, ob am Ganges, am Covery-Fluss, am Krsna-Fluss oder sonst einem (alle Flüsse sind übrigens heilig in Indien, und daher kann ich mir nicht vorstellen, dass jemals in Indien so was wie 'ne Fluss-Sanierung stattfinden würde!)

Buddha hatte seine Schwierigkeiten mit den Wasseranbetern und kam nur 1x nach Varanasi (Kashi) selbst, denn die konservativen Brahmanen-Priester sahen durch ihn ihr Geschäft verdorben und ekelten ihn mitsamt seinen Bhikkhus (=ordinierte Mönche) aus der Stadt. Er hatte nämlich öffentlich verkündet, die Leute könnten sich noch so viel in der Ganga untertauchen, - von ihren Sünden (= ihrem unheil­samen Karma) würden sie dadurch niemals befreit, die "Waschungen" müssten vielmehr nicht im Wasser sondern im Geist stattfinden. Na so was! Ausgesprochen geschäftsschädigend!!! 

Aber es ist schon beeindruckend, dieses Jahrtausende alte Wassertheater morgens um 5 vom Ganges aus mitzuerleben, wenn die Sonne tiefrot aus der unendlich trägen, gelbschmutzigen Wasserfläche auftaucht und die Ghats sich mit zigtausenden von Pilgern füllen, die alle, wie die Lemminge, dem Dreckswasser zustreben, heilige Schlucke nehmen und - in voller Montur - zwischen daherschwimmenden Blumengirlanden, toten Kühen und Verbrennungsascheresten in den heiligen Fluten verschwinden.

 Das sind also alles "Hindus", diese Pilger, und keine Buddhisten! Varanasi ist die Stadt Shivas, des mächtigen Gottes der einfachen Leute! Des Herrschers über das Auf und Ab der Erntezyklen, über Geburt und Tod, über fruchtbringendes Wasser und todbringende Dürre. Shiva ist Leben+Tod in einem - ein Konglomerat dravidisch-broncezeitlicher Fruchtbarkeitsvorstellungen, 1000 Jahre nach (!) Buddha neu aus dem unerschöpflichen religiösen Kochtopf Indiens reaktiviert und bald auch von den Brahmanen akzeptiert (womit der sogenannte "indoarische" Einfluss endgültig in der uralten dravidischen Erde verschwunden war!).

Aber davon wollte unser braver Mönch gar nichts wissen. Daher war er gar nicht angetan davon, dass wir die Ghats von Varanasi besuchen wollten. Ich aber bestand darauf und empfahl ihm, sich das Theater genau anzusehen, als ein wunderbares Extrembeispiel von "Samsara"; es werde seine Bemühungen, Nibbana zu erreichen nicht schmälern, sondern im Gegenteil noch anfeuern. Na und da ging er dann mit (feilschte aber dafür ziemlich demonstrativ wegen 20 Rupien mehr für das Boot, bis ich einfach einstieg und verkündete, ich hätte den Preis mit dem Ruderer bereits ausge­macht, und bezahlte; die Sonne geht bald auf, das wollen wir durch die Feilscherei doch nicht versäu­men!!) 

 Im nächsten Teil erzähle ich was über die "Buddhist Holy Places" selbst, die wir nach Varanasi besucht haben:

- Bodhgaya (ehem. Uruvela - Erleuchtungsort),

- Rajgriha (ehem. Rajagaha - Haupt Aufenthaltsort des Buddha und ehemal. Hauptstadt Magadhas),

- Nalanda (ehemalige berühmte Buddhist. Universität, im 12. Jh. von Muslims vernichtet),

- Kushinagar (ehem. Kusinara - Sterbeort des Buddha),

- Lumbini (Geburtsort des Gotamo),

- Kapilavasthu (ehem. Kapilavatthu - Hauptstadt der Shakyer Republik, also der regierenden Adeligen dort, von denen Gotamo her stammt)

- Sravasthi (ehem. Savatthi - ehemal. Hauptstadt des Kossala Königreichs und Hauptaufenthaltsort Buddhas)

 Bis zur Fortsetzung. Alles Liebe, Christoph

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20.10.04, Bangalore

finde ich schön, dass Du trotz Müdigkeit kurz antwortest. Ohne den Kontakt nach Europa würde mir doch ein bisschen was fehlen. Der Gang zum Internetshop ist ein Vergnügen für mich.

Bin immer noch in Bangalore. Das geht alles hier sehr schleppend voran, da könnte man manchmal aus­wachsen (aber das würde überhaupt nix nützen).

Zur Zeit sind im ganzen Land 9-tägige Durga-Festivals. Durga (wörtlich: "die schwer Zugängliche") ist eine der vielen Muttergöttinnen und einer der weiblichen Aspekte Shivas. Sie hat, wie jede Gottheit, in jeder Stadt einen anderen Namen; es ist zwecklos, sie sich alle zu merken, denn in einer neuen Stadt können die Leute mit den bereits gemerkten Namen schon nix mehr anfangen. Das ist hier immer noch ganz ähnlich wie vor 4000 Jahren im bronzezeitlichen Palästina, oder im Zweistromland, wo jede Stadt ihren Baal hatte, der außerhalb der Stadt­mauern seine Macht verliert und durch andere Götterinstanzen ersetzt wird.
Gertraut ist schon wieder auf Tour in der Türkei. Sie sagt sich, wenn ihr Mann ½ Jahr weg ist, warum soll sie in den Ferien dann zu Hause hocken (nur verbrät sie dabei 2 bis 5 mal so viel Geld wie ich! Daher muss ich doch bald wieder nach Hause, weil so mein "Billig-Konzept" - Lebenskosten  in Indien 1/5 bis 1/2 von denen in Europa - nicht aufgeht!). Ich komme hier tatsächlich mit 2000 Euro für 5 ½ Monate gut aus (einschl. Reisen + Spenden!).

30.10.04, Bangalore

bin schon wieder seit 2 Wochen in Bangalore, und die "Holy Places" sind weit weg. Hier ist es angenehm kühl bis lau, könnte bisschen weniger regnen. Nebenan in der Schule ist andauernd Krach. Die üben mit paar Mädchenklassen seit 3 Tagen pausenlos irgendeine Korreogarphie ein für die Durga-Festtage, die schon seit einiger Zeit begonnen haben. Durga ist sowohl; eine alte Mutter­göttin (manchmal heißt sie auch Parvati oder Kali oder Menakshi oder Uma oder wie noch immer; sie heißt in jeder Stadt anders); sie ist auch die weibliche Shakti von Siva, dem lunaren Hauptgott der Hindus (neben dem solaren Visnu). Durga heißt "die schwer Zugängliche"; damit ist eigentlich gemeint, man kann sie nicht so, leicht mit Opfergaben und Verehrungen rumkriegen. Sie steht für die weibliche Urkraft der Natur, und die macht, was sie will und lässt sich von keinem menschlichen "Macho" besäuseln!

 Aber ich wollte ja eigentlich von unserem Trip zu Buddhas "holy places" im heißen Norden berichten.

Mit unserem lieben Bhante Kassapa unternahmen Gerald und ich im Oktober 2004, wie Ihr wisst, eine Pilger­fahrt nach Uttar Pradesh und Bihar zu den historischen Stätten, an denen Buddha gelebt und gewirkt hat:

-          Sarnath (wo der junge Erleuchtete im Tierpark Isipatthana seine ehemaligen Asketenkumpane trifft und sie mit einer Grundsatzrede, die bereits das ganze altbuddhistische Konzept enthält, umgehend für sich gewinnt)

-          Bodhgaya (ehem. Uruvela - Erleuchtungsort),

-          Rajgriha (ehem. Rajagaha - Hauptaufenthaltsort des Buddha und ehemal. Hauptstadt Magadhas, mit dessen König Bimbisara Gotamo befreundet war),

-          Nalanda (ehemalige berühmte Buddhistische Universität, im 12. Jh. vom Anführer einer vom Westen  ausgebüchsten muslimischen Sklavenheers vernichtet, weil der die Aussage eines Mönchs über die „Schätze von Nalanda“ missverstand und dort viel Gold und Edelsteine vermutete),

-          Kushinagar (ehem. Kusinara - Sterbeort des Buddha),

-          Lumbini (Geburtsort des Gotamo, heute an der Grenze zu Nepal; seine Mutter gebar ihn stehend in einem Wald, obwohl sie ihn eigentlich bei ihren Eltern zu Welt bringen wollte; sie starb 1 Woche später),

-          Kapilavasthu (ehem. Kapilavatthu, paar Km westlich von Lumbini, nahe dem heutigen nepalischen Tilaurakot  - ehem. Hauptstadt der Shakyer Republik, also der regierenden Adeligen dort, von denen Gotamo her stammt)

-          Sravasthi (ehem. Savatthi - ehemal. Hauptstadt des Kossala Königreichs unter König Pasenadi, der dem Buddha freundlich gewogen war, und Hauptaufenthaltsort Buddhas; dort ist der berühmte Jeta Vana - Hain des Prinzen Jeta, der für Buddhas Sangha vom reichen Kaufmann Anathapindika (= "Ernährer der Armen") für eine riesige Summe dem Prinzen abgekauft wurde.)

Nur ganz wenige Reste stammen aus der Buddhazeit selbst oder aus der Ashoka-Zeit. Die äl­te­sten sichtbaren Ruinen waren Klöster und Stupas der Kusan- und Gupta-Zeit, also aus den ersten Jahrhunderten n.C. Hier ist ein Besuch des kleinen staatlichen Museums in Sarnath (Isipatthana) sehr zu empfehlen. Es enthält wundervolle Fundstücke aus der Ashoka- bis Gupta-Epoche.

Dieses Gebiet mit einer Nordsüdausdehnung von 300 km und einer Ostwestausdehnung von 600 km durch­wanderte der Erwachte fast jedes Jahr und machte Regenzeitpause meist in der Nordwestecke, Savatthi, oder in der Südostecke, Rajagaha. Da der Tipitaka (die große 3-teilige Sutten- und Kommentar-Sammlung und „Bibel“ der Theravâdim) rund 17.000 Lehrreden enthält, muss der Buddha in seiner 45-jährigen Lehrtätigkeit auf seinen langen und beschwerlichen Fußwanderschaften dabei auch noch Zeit gefunden haben, jeden Tag min­destens 1 Lehrrede zu halten!

Im Vergleich zu Karnataka ist es ein sehr armes Land dort oben in der brettflachen, stets diesigen Ganges­ebene. Die Analphabetenrate in Bihar gehört zu den höchsten in Indien.

Der Name „Bihar“ ist übrigens aus „Vihara“ (Kloster) abgeleitet und deutet darauf hin, dass es hier um die Zeitenwende und bis hin zu den verheerenden Zerstörungen der ersten Muslim­­horden im 10./11.Jh.n.C. von buddhistischen Klöstern nur so gewimmelt haben muss.

Die meisten buddhistischen Länder bauen an diesen Orten um die Wette: Gedenk-Stupas, Tempel und Unter­künfte für die Pilger. An der Spitze Japan mit den meist schneeweißen, prächtigsten Bauten, Thailand, Sri Lanka und Burma mit viel Blattgold an den glocken­för­migen Stupas und Taiwan-China mit freundlichem Rot-Gelb unter den schwung­voll ge­krümm­ten Dächern.

Die Pilger kommen aus allen buddhistischen Ländern, besonders aus Sri Lanka, Thailand, (aus Burma wenig, die dürfen nur in genehmigten Gruppen raus!), Japan, Korea, Taiwan-China, sogar aus Cambodja und Vietnam, sowie aus Australien, den buddhistischen Teilen Indiens (Arunachal Pradesh u. Ladakh); aus Tibet natürlich niemand, aber die Exiltibeter aus Indien sind stark vertreten.

Der einzige Lichtblick für diese arme Region ist dieser religiöse Tourismus, er bringt wenig­stens paar Geschäftchen ein mit Buddhafigürchen, Gasthütten ("Restraurants" kann man sie nicht nennen), Fahrradrikshas, Teeverkauf an den Ecken, und allem möglichen reli­giösen Krimskrams.

Es ist zwar überall ein ziemlicher Zirkus - kein bisschen anders als an Wallfahrtsorten in Bayern oder in Lourdes oder in Santiago de Compostella - und abends veranstalten die vajrayana-Tibeter einen "Chantingwettkampf" mit den burmesischen, oder Thai oder singhalesischen Theravada-Mönchen, ... und mitten rein jault sogar manchmal ein Mufti meuchlings von einem versteckten kleinen Minarett runter!

Aber immerhin bringt es ein bisschen Geschäft für die armen Einheimischen. Die sind zwar alle Hindus, haben aber die Sprüche, auf die die Buddhisten abfahren, recht gut drauf. Und - wie ihr wisst - haben Inder ja sowieso überhaupt keine Schwierigkeiten, so zu tun, als wären sie in jeder Religion der Welt zu Hause. Eines hat mich immer wieder berührt: Trotz aller Armut und meist damit verbun­dener Aufdring­lichkeit beim Anbieten von Krims­krams fehlt den Leu­ten jegliche Aggressivität; und wenn man zeigt, dass man offen ist und sich durch den Trubel nicht verwirren lässt, kommt ganz schnell eine Freundlichkeit auf, die bald sogar in eine große Herzlich­keit übergeht; dann sind nur noch die fehlenden Sprachkenntnisse eine Barriere. Ich habe zusammen mit wildfremden, dreckstarrenden und zunächst recht bedrohlich drein­schauen­den Straßengestalten nach 5 Minuten gebetet, und wir haben uns gegen­seitig im Angesicht unend­licher Müllberge gesegnet – ob in Buddhas oder Sivas oder Durgas Namen, das spielte weniger eine Rolle. DAS IST INDIEN.

Jedenfalls ist es für einen Westler, der sich für Buddhas Lehren interessiert und sie zum Teil ver­innerlicht haben mag, ein "Muss", diesen freundlichen Zirkus gese­hen zu haben: Nicht weil es große buddhistische Einsichten bringt, sondern weil es das genaue Gegenteil zeigt von dem, was seine abgehobene Buddhaverehrung vielleicht erwar­tet: Was Buddha wollte, nämlich keine Verherrlichung seiner Person sondern selbst den Dhamma leben und nach innen wie außen souve­rän werden, ist oft ins genaue Gegenteil transformiert: Personen- und Reliquien­­ver­ehrung, wo man hinschaut!! Nach dem Reli­quienkult und –handel mit Buddha-Resten zu schließen, müsste der Er­wachte wohl ein 50 m großer Riese mit Tonnen von Knochen im Leib gewesen sein, und statt einem Bodhi­baum muss es wohl einen ganzen Pappelwald davon gegeben haben. Daran sieht man, dass, was Buddha erfahren hat und was er in 45-jähriger Schwerstarbeit weitergeben wollte, einfach zu an­spruchsvoll für die meisten Erdenbürger ist.

Zum Beispiel in irgendeinem Kuti in Sravasthi: Vor einem winzigen Stückchen braunen, silber­gefassten Zeugs, das angeblich ein Knochenrest von Buddhas Verbren­nungsakt ist, knien die Singhalesischen Buddha-Touristen in Scharen nieder und berühren es andächtig. Ich hab den schmerbäuchigen Bhikkhu, der die Hostie bewachte (und das Geld einnahm), gefragt, ob das alles sei, was hier von Buddha übrig geblieben ist, und er schaute mich nur etwas verständnislos an. Besonders die Singhalesen ergehen sich hauptsächlich in (in langer Tradition eingebrannten) rituellen Vorgängen; - "total katholisch" kam mir das vor.

Wir im Westen machen natürlich unsere eigenen buddhistischen Vereine auf und erfinden einen neuen west­lichen Buddhismus, der ebenfalls wohl nur bedingt etwas zu tun hat mit dem, was Buddha meinte vermitteln zu können. -  ES LÄSST SICH NICHT VER­MITTELN, wenn man nicht schon mal bisschen selbst erfahren hat, was das mit "dem stillen Land" auf sich hat.

Dank der guten monastischen Beziehungen unseres lieben Reisebegleiters, Kassapa Bhanteji, übernachteten wir ausschließlich in Klöstern für eine geringe Gabe. „Kloster“ ist vielleicht nicht das rich­tige Wort. Es sind von zwei, drei Leuten in orange oder roter Robe betriebene Pilger­unter­künfte, die keinesfalls z.B. mit dem Mahabodhi Vihara in Bangalore vergleich­bar sind. Das „Klosterleben“ der wenigen Mönche beschränkt sich im Wesent­li­chen auf den Empfang der Pilger­gaben, einige geben vor „zu studieren“ oder „religiöse Forschungen“ zu betrei­ben; bei genauerer Nachfrage bleibt aber die Antwort unbestimmt.

In Bodhgaya aber begegnete ich in einem solchen Kuti einem bescheidenen uralten Mönch aus Tibet mit einer überwältigenden Ausstrahlung. Es sagte nicht viel, sein Lächeln aber war wie ganz inten­sives weißes Licht. Er hat die verdienstvolle Lebensaufgabe ge­wählt, viele nur noch in Tibetisch vor­handenen buddhistischen Schriften, deren Pâli- oder Sanskrit-Originale alle verschwunden bzw. bei der Zerstörung von Nalanda vernichtet worden sind, zurück ins Pâli oder Sanskrit zu übersetzen.

 ... Peng!! ... Gerade ist der Strom ausgefallen. Sofort sichern, sonst ist der schöne Text pfutsch! Na zum Glück haben sie einen Überbrückungsstrom. Aber im Internetshopraum ist es jetzt stockduster, und es lässt sich schwer weitertippen.

Aber vielleicht ist's auch ein Zeichen dafür, dass ich jetzt aufhören sollte.

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01.11.04, Mysore

endlich bin ich in Mysore (schon seit paar Tagen), und die andere Atmosphäre tut gut. Das Wetter ist milder als in Bangalore, es regnet auch hier weiterhin ab und zu. Das "Carla Students Home" liegt in einer sehr schönen Vorstadtgegend mit vornehmen, recht reinlich aussehenden Villen. Ein paar Schritte entfernt ist ein vogelreicher, stiller, großer See, den man auf einem guten Fußpfad in 1 Std. umrunden kann. Und, was für mich z.Z. der größte Anziehungspunkt ist, auf der anderen Seeseite liegt ein Café mit vorzüglichem Espresso oder Capuccino (gestern mein erster seit fast 3 Monaten!!), auch der Kuchen ist genießbar. Da werde ich öfters sitzen und meine Ausarbeitungen bei einem guten Capuccino machen. Fast wie irgendwo in Europa!  Den indischen Tee etc. hab ich zur Zeit ziemlich über. Mein Bauch hat sich hier auch schnell wieder beruhigt.

 Was mein Vorhaben hier betrifft, so wird's jetzt "interessant", d.h. die "Spenderpolitik", also das (Nicht-) Zusam­menspiel der verschiedenen Spenderorganisationen muss berücksichtigt werden. Der "großen" Spenderfamilie aus der Schweiz darf ich nicht auf die Füße treten mit meinen Neuerungen. - Na es sind ja gar nicht "meine", sondern das Kloster ist (so hat es bisher den Anschein) drauf abgefahren.

Nun jedenfalls, das deutsche Ehepaar, welches hier das "Carla Students Home" leitet", hat mir schon einige Geschichtchen berichtet, wie sie z.B. mir nix dir nix plötzlich zwischen allen Stühlen sitzen, weil die superreichen Schweizer Spender wegen irgendeiner Lappalie beleidigt sind. Ich werde die Schweizer wohl in ca. 14 Tagen selbst kennen lernen. Na, da wird sich ja rausstellen, wie weit man mit ihnen auskommen kann. Da jegliches Gemauschel zwischen Klosterleitung und Schweizer Großspendern idealerweise ein Ende haben sollte (sonst können die nie und nimmer konsistente Jahresberichte verfassen; so was braucht aber die deutsche DBHV mit ihrer ganz anderen, sehr diversen Spenderzusammensetzung, um ihre eigenen Sammel-Aktivitäten zu legiti­mieren), wird es noch ein paar interessante und spannende Augenblicke hier geben, wenn die Schweizer anrücken.

... Manches erinnert mich an Argentinien...

Es ist für mich ein Spiel  ("leela" sagen die Inder) - - bei dem allerdings die armen kleinen Kinder am kürzesten Hebel sitzen.

Ich bin also sehr neugierig auf die nächsten 3 Wochen. Zunächst trainiere ich erst mal die beiden Mönche, die hier "in charge" bei den Geldangelegenheiten sind.

Ist typisch Kloster: Die, welche am wenigste Ahnung haben, werden an die wichtigsten Stellen gesetzt, nur weil sie in der monastischen Hierarchie, die mindestens genau so pedantisch einge­halten wird wie in der katholi­schen Welt, höher stehen als professionelle Laien oder in weltlichen Dingen schon etwas erfahrenere Mönche niederen Ranges.

Kleine Klatsch-Episode: Die Collegestudenten (Mahabodhi unterstützt hier 15 davon in Mysore; klasse Kerle, mit denen ich mich gut verstehe) mussten von einem schönen preiswerten Haus ganz in der Nähe des "Carla Stud. Home" weit weg in ein teureres Mietshaus ziehen, weil gegenüber 'ne katholische Kirche stand, und weil einem hochrangigen Mönch geträumt (!!) hat, die lieben College-Studenten würden alle zum katholischen Glauben übertreten. - "Ich glaub ich bin im Mittelalter!" - Buddha würde sich im Grab rumdrehen, wenn er wüsste, was so in seinen "Sanghas" (Mönchsgemeinschaften) abgeht. Nun, das gehört auch dazu, und ich lerne mit großem Ver­gnügen immer wieder neue Sachen aus dem "realen Buddhismus" östlicher Länder.

13.11.04, Mysore

Liebste Gertraut,

seit Tagen will ich ´ne eMail schreiben, aber immer ist was los, gestern fiel der Strom allgemein aus, heute ist er ausgefallen, weil Herr Spies – deutscher Tourist und Pate, der sich mit seiner Frau hier für paar Tage nützlich macht - die Lampen und Neonleuchten repariert und dabei einen Kurzschluss produziert hat, der paar Leitungen hat durchschmoren lassen.

Draußen knallt und kracht es seit 5 Tagen. Die Hindus feiern das Diwali-Fest, es hat zu tun mit der glücklichen Rettung von Sita aus den Fängen des bösen Rávana von Lanka (è Ramayana - Epos), es wird wie bei uns das Sylvester gefeiert, nur dass die hier das nicht in 10 Minuten vor und nach Mitternacht machen, sondern eben 5 Tage lang.

Das Wetter war heute sehr schön mild – eine merkwürdige Mischung aus Herbst und Frühling. Die Blätter fallen, und doch ist alles grün. Nachts wird es recht kühl. Vorhin am See kam ein junger Mann auf mich zu und probierte seine Deutschkenntnisse an mir aus, das ist sehr selten.

Mit der Zeit vermisse ich Euch alle doch recht: Dich, Sebastian, Felix, die Leute vom Markt. Wart Ihr heute Mittag zusammen?

Hier hab ich das Wesentliche meiner Arbeit gemacht (vielleicht zu 80%).

Übermorgen erwartet man hier hohen Besuch aus der Schweiz, wo das große Geld her kommt. Da sind alle bisschen nervös, ob alles auch schön klappt, ob nicht zu viele Kleine den Husten haben. Die Mönche ermahnen die Kinder jetzt stereotyp, sie sollen sich nachts zudecken, die kleine Schweizerin, die hier seit paar Wochen als Volunteer ist, ermahnt die, welche Fieber haben, sie sollen sich nachts nicht zudecken, das sei schlecht fürs Fieber. Überall werden Kinderbilder aufgehängt.

Jetzt geht’s wieder zum Chanten (hier ist es 18h, bei Euch 13.30h), ich kann schon einiges von den Pali-Texten auswendig, das macht mir Spaß.

Sei von Herzen gedrückt, Dein Christoph

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18.11.04, Mysore

Ihr Lieben.

 Bin immer noch in Mysore. Bin endlich mal wieder ins Internetcafe gelangt, weil paar von der Schweizer Gruppe, die hier gerade zu Besuch ist, auch das eMail-Bedürfnis hatten und ich ihnen den Laden gezeigt hab. Die letzten Tage war viel Remmidemmi mit der Schweizer Gruppe. Mit der Monica, das ist die große Schweizer Spendering für Mahabodhi, hab ich ein gutes Gespräch gehabt. Auch sie hat sich gefragt, warum nicht ein bisschen genauere Berichte über die Verwendung ihrer Gelder hier gemacht werden. Mit meinem Vorhaben hab ich bei ihr also offene Türen eingerannt, und sie unterstützt vollauf, was ich vorhabe. Das ist für die Realisierung sehr wichtig. So weiß auch Mahabodhi, dass die Sponsoren ziemlich einheitlich die gleichen Informationswünsche haben, und die Einführung meines neuen Systems wird sozusagen zur Verpflichtung.

Mit Monica bin ich übereingekommen, dass sie (also die Schweizer Metta Foundation) die "großen Fische" finanziert (Gebäude hauptsächlich) und DBHV sich hauptsachlich um die Kinder und kleinere Infrastruktur­verbesserungen kümmert. Das war de facto schon so, aber es wurde bisher nie öffentlich vereinbart und man informierte sich auch nicht gegenseitig. Das soll jetzt anders werden. Das liegt total auf meiner Linie. Also: alle Unkenrufe von einigen Leuten hier, "Monica sei schwierig und unrational" waren eine Ente (wer weiß, was da für persönliche Animositäten dahinter stecken, interessiert mich auch nicht die Bohne). Die (sachlich) richtige Information zur richtigen Zeit ist das alleinige Allheilmittel, und jegliche Art Mauschelei ist Gift für so'ne Charity Association. Eigentlich trivial, aber die menschliche Natur ist ja nur zu 20% rational (bei manchen nur zu 2%, bei manchen 0,2% usw. und die meinen oft, sie seien besonders schlau !!!).

Interessante Leute sind bei der Schweizer Gruppe dabei. Besonders mit einer jungen Frau hab ich stundenlang gefachsimpelt; sie arbeitet in derselben Branche wie ich früher, und will hier in Banga­lore bleiben und eine Art Kontaktbüro für deutsche od. Schweizer Firmen aufbauen, die nach Indien "outsourcen" wollen. Die Danet GmbH hatte das ja auch mal vor, - ist aber in die Hose gegangen, weil die einfach nicht wussten, wie man so was hier macht; die hätten dringend so eine Kontakt­person gebraucht!! Die Tage waren eine große Abwechs­lung.

Gestern hat Monica einen super Picknick-Tag spendiert, mit allen 150 Kindern an einem wunder­schönen Platz am großen Stausee des Covery-Flusses, etwa 15 km südlich von Mysore, bei herrlichem nicht zu heißem Wetter.

Der See ist ein wichtiges Wasserreservoir, von dem aus sogar Chennai (=Madras) versogt wird. Er ist sehr sauber und man kann gut drin baden, was ja hier 'ne Seltenheit ist. Ich war aber der einzige von den ca. 200 Leuten, der wirklich geschwommen ist: bin auf ne Insel mitten im See geschwommen, es war wunderschön. Na, die meisten Buben können leider nicht schwimmen. Das zu lernen ist hier nicht üblich.

Alles Liebe, ich freu mich auf ein Wiedersehen in Sri Lanka. Christoph.  

19.11.04, Mysore

liebste Gertraut,

ist ja recht verwirrend mit unseren jungen Typen; also, wer kommt nun mit, wer nicht? ich versuch’s mal; wenn's nicht stimmt, korrigiere mich.

Letzter Stand:

0. Du kommst in Flughafen Colombo an am 19.12.04, hh:mm (Srilankatime)? FlugNr.: ??

1. Sebastian kommt mit (wann bis wann?)

2. Janett nicht

3. Felix kommt mit (wann bis wann?)
4. Yolanda kommmt mit (bleibt so lange wie Felix?)

5. Birgitt kommt mit (wann bis wann?)

6. Surina kommt mit (wann bis wann?)

7. Uta kommt mit (wann bis wann?)

8. Sonst kommt außer mir niemand mit.

 Also wie viele kann ich am 19.12.04 am Flughafen erwarten?? Ankunftszeit??, Flugnummer??

Fahren wir nach Kandi mit der Bahn? Das ist nämlich eine phantastische Bahnstrecke!!! Schöner als mit Auto!

Wann ist der erste Tag, wo die Gruppe vollständig ist? Wann ist der erste Tag, wo die Gruppe sich auflöst?

Und überhaupt - letzte Frage: Fährt im Dezember wirklich irgendjemand zur gleichen Zeit und wenn ja, wohin? (Vielleicht doch nach Thailand oder in die Antarktis?) - (Letzte Frage war nur'n Scherz, der andeuten soll, dass ich total verunsichert bin; - aber wenn ich allein in SriLanka wäre, würd' ich schon wissen, was ich mache und bräuchte überhaupt keine "Planung" oder Vorbestellungen! Ich würde einfach immer in buddhistischen Klöstern unterkommen!) - Das nächste Mal machen wir das alleine, Du & ich!

Argentinien: Flug mit LH am 2.3.05, Preis 850,-Euro (über Uta) finde ich OK.

 Bin erleichtert, dass das mit Deinen Zähnen wieder in Ordnung ist.

 Mein Haupthaar & Bart sind (nach der Mönchszeit) längst wieder nachgewachsen; Bart zu lang! Wenn Du die Bartschneide­maschine mitbringen könntest, wäre gut. Solange Gerald da war, hatte ich seine benutzt.

So, so, die Nachbarn sterben bei uns weg? - Mal sehn, wo der nächste Leichenwagen hält. Memento mori et carpe diem. - Sabbe samkara anicca, sabbe samkara dukkha, sabbe samkara anatta-ti! -- Das erste ist lateinisch-stoisch, das zweite pali-buddhistisch, und beides geht über die Vergänglichkeit, und das "Jetzt".

Aha, nach dem Farbtypenseminar wirst Du also demnächst genau so schick rumlaufen wie die eine Frau von dem Danet-Mann (Name vergessen! Senilofix lässt grüßen!)

 Die Schweizer sind wieder weg, und es ist Ruhe eingekehrt. Heut war ich mit Kaniska Gartengeräte und jede Menge Bins & Baskets zum Garbage-Beseitigen einkaufen. Dann habe ich ihnen bei der Puja eine kleine Predigt gehalten über "pure mind & pure environment", und dass beides untrennbar verbunden ist, und dass man unmöglich die Erleuchtung erlangt, wenn man gleichzeitig alles um sich rum vergammeln lässt; ich sagte: Die Venerables lehren Euch den Dhamma Nr.1 zu lernen + zu praktizieren (also das, was Buddha so von sich gegeben hat), ab heute müsst Ihr den Dhamma Nr.2 lernen + praktizieren: nämlich Eure Umwelt zu pflegen und das richtige vinnana (Bewusstsein) dazu zu entwickeln, und die Venerables sollen als gutes Beispiel voran­gehen und als erste die Rechen und die Abfallkörbe in die Hand nehmen und das Verbrennen der Dreckhaufen in die Wege leiten!! 

(Zu "Dhamma Nr.2" haben die Mönche geschwiegen wie ein Grab; die dürfen ja nix anrühren!! - HarHarhar!)

Aber die Jungen Leut haben getobt vor Begeisterung. We will all do what you say! Tomorrow we'll start the war against the dust & garbage!  - Es war Klasse!

 That's all for tonight. It's already 9 o.clock p.m. that's relatively late in our daily rhythm, 'cause we get up at 6 o.clock in the morning.

 Hasta la proxima, quedate bien y mañana saludame la gente del mercado. En donde se reunen cuando hace frio?

 Subaratri acha se sojau (ist Hindi und heißt auf Spanisch: bueas noches duerma bien). Te quiero. Christoph

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30.11.04, Mysore

hallo herzallerliebster Felix, (da das fast 'n kleiner Bericht geworden ist: auch an Gertraut, Sebastian, Surina, Uta, Christa, Nasti&Amura);

bitte entschuldige Dich nicht. Es ist mir stets eine große Freude, wenn Du mich um Hilfe bittest. Dann hab ich das Gefühl, noch nicht "zum alten Eisen" zu gehören. So Probleme lösen sich dann meist auf ganz andere Weise, als anfänglich vermutet. Das ist ja fast immer so im Leben. Wichtig ist, dass man sich miteinander austauscht. Der Fragende findet dann oft schon selbst die Antwort, nur weil ein anderer geantwortet hat, was er geantwortet hat, mag gar nicht so relevant gewesen sein.

 Meine Arbeit hier hat mit Ähnlichem zu tun. Nur kommt es seltener vor, dass jemand überhaupt fragt, sie sind alle nur sehr freundlich. Alle sind sie durch die Bank sehr autoritätsgläubig. Das eigene Gehirn zu benutzen gilt als unhöflich, ja sogar als "subversiv".  Das merke ich jeden Tag auch hier in unserem buddhistisch geführten Mahabodhi-Verein.

Da fragt man sich, wozu die ständig und pausenlos "Achtsamkeit" (mindfulness) pauken und predigen. Zum Anwenden dieser weisen Aufforderung des Buddha auf praktische Dinge des Lebens sind sie nicht fähig. Alles mündet in starre Ideologie und strenge Hierarchie - ganz genau so wie im untergegangenen "Realen Sozialismus". Ich komme mir hier wirklich manchmal wie in der Steinzeit vor. Aber selbst das ist für mich ein hochinteressantes Lernobjekt. Man lernt nie aus!! (Äthiopien + Argentinien lassen grüßen! - Herrlich!!)
Ich muss sagen, alle meine Vermutungen, die ich über diesen freundlichen Haufen hier vor meiner Indienreise im geheimen hatte, haben sich voll bestätigt. Wer hier helfen will, muss echte Entwicklungshilfe leisten, - bis hinunter in die primitivsten Vorgänge. Mit paar Geschenken ist’s nicht getan. Aber die Mentalität zu ändern, - das kann man aufgeben, das ist ein Jahrhundert- (oder Jahrtausend-)prozess.

 Hier 'ne lustige Episode, die ein Streiflicht auf meine "Arbeit" wirft: Der Sportplatz und die Straße zwischen Sportplatz und Heim starrten vor Dreck (Plastikflaschen, Papier, Bananenreste, kaputte Töpfe, Essensreste, Hunde- & Kuhscheiße und noch mal Plastik, Plastik, Plastikbeutel, --- aber bitte!! Mysore ist eine der saubersten Städte Indiens!!!!). Es wurde hektisch das Gröbste "weggeräumt" (d.h. die Hälfte blieb liegen, mit der anderen Hälfte wurde paar Meter weiter neuer Dreck erzeugt. Warum? Weil die große Geldgeberin Monica aus der Schweiz zu Besuch kam.

Die Haupt-Müllquelle sind mehrere Müllhaufen an der Straße, die durch das Herumsuchen von Tieren und Bettlern immer mehr verbreitert und von der Municipality nie beseitigt werden. Nun, je breiter ein Müllhaufen ist, desto breiter wird er, denn die Leute schmeißen (wenn überhaupt) ihr Zeug nur an den Rand, ist doch klar.

Das geht schon so seit Monaten, und hier im Heim kommt niemand drauf, das zu ändern. Warum nicht? Weil wohl in der Hinsicht nie festgelegt wurde, wer für so was verantwortlich ist....

Der langen Rede kurzer Sinn - dieser Zustand löste bei mir drei Aktionen aus:

1) Kaufen einer ganzen Masse von Eimern, Schaufeln & Rechen für Drecksammeln und -beseitigung (da war nix vorhanden) - kostete nicht mehr als insgesamt ca. 40 Euro

2) Starten einer Kampagne "Schlacht gegen den Dreck", die von den Buben mit Begeisterung aufgenommen und mitgemacht wurde. Ich zeigte einfach durch Beispiel, dass man einen Eimer statt die hohle Hand zum Drecksammeln nimmt, und dass man ("buddhistische Achtsamkeit"!!) nicht nur jedes dritte Fitzel, sondern JEDES aufsammelt. Sie gipfelte, als alles wirklich sauber war, im Herstellen und Aufhängen der ersten Müll-Hinweisschildes von ganz Mysore in Englisch und Kanada. – Dies löste eine weitere Aktion aus:

3) Anschaffen von etwas Handwerkzeug: Das Anfertigen und Aufhängen des Hinweisschildes brauchte nämlich 3 Tage. Warum? Weil im ganzen Heim nicht ein einziges Stück Handwerkzeug vorhanden ist. Hämmer, Zangen, Schraubenzieher, Schrauben + Nägel, Dübel, Bohrmaschine, Verlängerungskabel, lange + kurze Hausleitern etc. - gähnende Leere (suññata, sagen die Buddhisten, harharhar). Ich konnte natürlich nicht alles kaufen, hab’s aber auf die Bedarfsliste gestellt.

4) Ja wer wäre denn wohl verantwortlich für so was? Diese Frage leitete die nächste Aktion ein (sie ging für mich ganz unerwartet aus!). Dass die Gemeinde hier nix tut, wenn man sie nicht stößt oder schmiert, ist klar, das haben mir andere Hausbewohner gesagt, vor deren Häusern es verdächtig reinlich aussieht.

Ich fragte rum - keiner wusste was, bzw. sie sahen eigentlich gar nicht das Problem, das ich hatte. Sich z.B. mal an die Gemeinde zu wenden, war anscheinend ein Ding außerhalb der rosaroten Heimwelt. Müll ist eben da in Indien - wie ehemals die Urwälder. Also forschte ich ob's so ne Art "Haus & Umweltordnung" im Heim gäbe oder gegeben haben mag. Ergebnis: 0. Also schrieb ich eine und sandte sie zur Zentrale nach Bangalore. Antwort: Es gibt eine! Ich fand sie schließlich auch in einem Papierhaufen des "leitenden" Mönchs. Darauf hin brachte ich nach viel Propaganda, Kopier- und Verteilarbeit von Drafts, die Leute, die was zu sagen hatten, endlich dazu, sich widerwillig mit mir an den Tisch zu setzen und die Hausordnung zu renovieren. Dabei hieß es ständig, "aber Venerable Bahnte Ananda (das ist der Kloster-Abt in Bangalore) .... hat dies u. jenes noch nicht gesagt, wir sind nicht befugt, zu entscheiden. Himmel noch mal! Ihr sollt ja jetzt nicht entscheiden, wenn ihr nicht dürft, aber vernünftige Verbesserungsvorschläge machen, das dürft Ihr doch wohl, das ist doch wohl keine "buddhistisch unheilsame Haltung" ?!  Aber diesen Unterschied zwischen Vorschlagsgremium und Entscheidungsinstanz hab ich erst nach langem Reden und unter Mithilfe des anderen Deutschen, der schon länger hier ist, in die Mönchs­köpfe gebracht, - sie fanden das jedenfalls sehr schwierig - unvorstellbar!!

Also Ergebnis von heute: ich schreibe den Entwurf einer flexiblem aktuellen Hausordnung lasse sie vom Chef Bhante Ananda in Bangalore absegnen. Parallel dazu hab ich eine lange Bedarfsliste geschrieben (die hier im Heim scheinen nicht zu wissen, was sie brauchen, nur, wenn man's ihnen sagt, sind sie sehr froh!) und werde ihn freundlich aber fühlbar ans Schienbein treten, dass er sicherstellt, dass die neue Hausordnung hier auch verteilt, erklärt zur Kenntnis genommen und verstanden wird. Dann werde ich ja schon in Sri Lanka oder Deutschland sein.

 So, jetzt mach ich Schluss, um die Hausordnung weiter zu schreiben. Alles Liebe. Ich freue mich auf unser Treffen in Sri Lanka!  Christoph

01.12.04, Mysore

Felix Lübbert <Felix@buchinger.es> wrote:

Tach Papi,

 sicher werde ich/wir  noch weitere dieser Anekdoten von Dir zu hören bekommen. Bin schon gespannt drauf. Ich freue mich schon richtig auf Euch und auf die Reise.

Ist ja nun schon eine Weile her dass wir uns nicht sehen. Ich habe auch Lust Dir meine Freundin vorzustellen, die seit gestern wieder bei mir ist. Es gibt so viel zu erzählen,.....

Sind nur noch paar Wochen, yes.  -  Dein Felix

CL:

Du bist ja richtig förmlich! Obwohl ich die Yoli noch nicht live gesehen habe, gehört sie irgendwie doch schon zur Familie. Paar Worte hatten wir ja auch bereits geschwätzt (am Telefon).

Ja, ich habe schon so was wie Entzugserscheinungen, weil ich Euch alle so lange nicht gesehen habe, und sehe unserem Treffen mit Freude entgegen.

Alles Liebe Dir und Yolanda. Euer Christoph

Felix Lübbert <Felix@buchinger.es> wrote:

Stimmt, das kommt von der Arbeit. Hier in der Klinik kommt man nur so weiter. Ich muss also wahnsinnig diplomatisch, riesen-förmlich und totaaal kooperativ sein, und dann kann ich mit Mitarbeit rechnen. 

Nach 17:00 sieht die Sache dann ganz anders aus.... ein anderer Film. -  Kuss,  Felix

CL:

... ein anderer Film! - Klasse! So ist's. Aber alle Filme, die so parallel ablaufen, muss man als Filme sehen und darf nicht meinen, das sei irgendwie "ernst" oder "real".

Alles in unserem Leben läuft wie ein(er oder mehrere) Film(e) ab. Die Instanz, in uns, die das für real nimmt, heißt das "ego". Wenn du rauskriegst, dass dieses "ego" selbst nur'n Film ist, musst du furchtbar lachen. - Und kannst ALLES im Leben mit Vergnügen oder auch mit Ärger (aber bitte "Filmärger"!!!!) oder mit Begeisterung (aber bitte "Filmbegeisterung"!!!) oder mit Entsetzen (aber bitte "Filmentsetzen"!!!) oder mit Leidenschaft (aber bitte "Filmleidenschaft"!!!) wie einen Film betrachten.

Du bist frei! Gruß + Kuss Christoph

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15.12.04, Bangalore

Hallo liebe Freunde in Deutschland,

die Tage in Bangalore sind gezählt. Da will ich Euch noch mal zum Abschluss schreiben! Den Christen unter Euch wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest, den buddhistisch Orientierten ein stilles Vollmondfest am 26.12., und Euch Allen ein gutes neues Jahr.

 Ich könnte noch vieles berichten über Tempel und andere Sehenswürdigkeiten, aber mindestens ebenso viel hab ich bei den vielen kleinen Kontakten mit Leuten auf der Straße, im Tucktuck und in kleinen Läden gelernt. Dazu nur 'ne kleine Story von gestern: 

 Fahre da so die dieselgeschwängerte Fortsetzung der Mahatma Gandhi Road entlang, Richtung Stadtteil Gandhinagar, wo das Mahabodhi-Kloster ist, und setze meine Pollution-Maske auf (ohne eine solche erstickt man fast in den Straßen von Bangalore! Es liegt immer eine blaue Dieseldunstglocke über den Straßen!). Dann stehen wir im Stau, 2 Tucktucks eng bei einander. Die im anderen machen sich lustig über meine komische Maske. Ich nehme sie ab und halte sie dem Fahrer des anderen Tucktuck unter die Nase: "This is not a joke but it would be good for your health, against the pollution! Avoids coughing." - "How much" - "60 Rupees only, that is 3 taxi times to Gandhinagar. But this is mine, i don't sell it!!" - "Ahm" -  und dann kommt die unvermeidliche Frage "where are you from?" - "From Germany" brülle ich, denn der Lärm hat beim Anfahren wieder zugenom­men.

Nach 'ner Weile dreht sich mein Fahrer rum und fragt "Germans like vanilla?" - ich (etwas verdutzt): "y...yes, we like it together with sweet puddings and so on" - "Madagaskar!" sagt er, und ich wundere mich, wie er das mit mir in Verbindung bringt. "Yes", sag ich, "nearly all vanilla comes from Madagaskar, it's a French monopole". Er seufzt vernehmlich. - Weiß immer noch nicht, wo er hinaus will und frage "have you been working in Madagaska?" - "no, only Karnataka" (Pause). Ich: "So you are working with vanilla?" .... Er schweigt.

Als wir in Gandhinagar ankommen, sagt er "my name is Hagalli" - "yes Mr. Hagalli, nice to meet you, my name is Chris" - "Are you Christian, are you here for tourism?" - "No I'm Buddhist, doing social work in the near Buddhist temple and in the associated boys' home in Mysore, have been 1/2 year here and this is my last week", - "oh what a pitty!".

Und dann fängt er endlich an zu erzählen, dass seine Familie 400 km im Norden seit 6 Jahren eine Vanille­baum­plantage betreibt, und dass die Preise dies Jahr runter gegangen sind und dass er deswegen in Bangalore ein Zubrot mit Taxifahren verdienen muss, während sein Bruder den Landwirtschaftsbetrieb in seinem Heimat­dorf weiter führt. "Market no good, they are cheating us. 1 KG of vanilla they are selling for 43000 Rs. but we get only some hundred rupees, we can't live from this! - Please find a market for us in Germany, since you German people are good people and like vanilla. Please give me your email address".

Es ist ein ehrlich aussehender älterer Mann, sieht fast wie'n Bauer aus Mittelfranken aus, gerade schmale Nase, relativ helle Haut, und spricht bedächtig und klar. Keine Spur der mir sonst so geläufigen smiling sugar-face Attitüde mit indischem "jein" Kopfgeschüttele.

Er erklärt mir, dass sie anfangs recht gut vorangekommen sind und viel investiert haben, aber jetzt bei den gesunkenen Vanillemarktpreisen in Gefahr sind pleite zu gehen. Ich geb ihm etwas mehr als den Taxitarif, und wir reden noch 'ne Viertelstunde über Vanille über das französische Monopol, über die restriktive EU, wo Frankreich (und Spanien) nur seine ehemaligen Kolonien reinlässt und wir schlechte Bananen teuer kaufen müssen, obwohl sie von Indien oder Mittelamerika besser und billiger zu haben wären, und so weiter...  "I will contact you, when you are back to Germany, and many greetings to your wife!"

 "May you all be happy!" wünsche ich Euch zum neuen Jahr, - das sagt ja unser rühriger, verehrter Bhante Ananda immer, der bald schon wieder in Deutschland ist. - Was soll das heißen? – Ich sag´s mal in meinen Worten:

To be happy hat nix zu tun mit dem kurzen Befriedigtsein nach einem Erfolg.

To be happy heißt, unabhängig zu sein von den eigenen Emotionen; sie zu nehmen, wie sie kommen, und sich nicht weiter dabei aufzuhalten. Dann kann man am besten beobachten und auch am besten genießen! Be happy, wenn's dir gut geht, be happy, wenn's dir schlecht geht.

To be happy heißt, zu wissen, dass der natürliche Mind (Geist) unverändert und still ist trotz aller täglichen Gehirnrotationen.

To be happy heißt, nicht zu träumen.

To be happy heißt, sowohl sich selbst als auch die Dinge nicht so ernst zu nehmen, denn nichts ist ewig.

To be happy heißt, alles so zu nehmen wie es ist: als ein wundervolles vergängliches Spiel (leela).

To be happy heißt, Verantwortung zu tragen, aber nicht weil man muss, sondern weil es Freude macht.

To be happy heißt, die Gewissheit zu haben, dass der "Blaue Himmel" immer da ist, auch wenn die Wolken endlos davor vorbeiziehen. (Was ist der Blaue Himmel? Das ist die Stille des natürlichen Mind, und der ist da, ob es dich gibt oder nicht. Wer ihn erkannt hat ist "happy").

To be happy ist ein innerer Triumph ohne Stolz, eine Leichtigkeit ohne Leichtsinn, ein Mut ohne Mutwillen, eine Entschlossenheit ohne Starrsinn, eine Gelassenheit ohne Trägheit, ein Glück ohne Grund.

To be really happy hat niemals einen persönlichen Grund - es ist völlig grundlos!

Alles Liebe. Christoph

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(c) CL /  Stand dieser Seite: 31.05.2010